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  • Waldmeisterbowle – Soloauftritt für ein seltenes Gewürzkraut

    Waldmeisterbowle

    Soloauftritt für ein seltenes Gewürzkraut

    Zu besonderen Gelegenheiten wird im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken Bowle serviert. Bei der Veranstaltung „Küche und Kochen im Wandel der Zeit“ kann man die Entwicklung der Kochtechniken und der zeittypischen Gerichte bei einem Gang durch die Häuser des Museums nacherleben. Im Stahlhaus aus Nerreth werden beispielsweise Speisen prä-sentiert, die bei Cocktailpartys in den Fünfziger und Sechzigerjahren beliebt waren. Die Bowle durfte bei diesen Gelegenheiten selten fehlen. Als Waldmeisterbowle bietet sie einen Soloauftritt für das seltene Maikraut. Diese „Wildkräuterküche“ weckt bei älteren Museumsbesuchern nostalgische Erinnerungen an gesellige Feiern. Um den Frühlingsmonat Mai gehörig zu feiern, verrate ich hier ein schönes Maibowle-Rezept, das am nächsten Tag auch kein Kopfweh ergeben sollte.

    Bowle und Punsch aus England

    Heute bezeichnet man mit Bowle ein eisgekühlt serviertes Getränk und mit Punsch ein Heißgetränk. Der englische Begriff „bowl“ beschreibt einen Napf oder eine gewölbte Schale. Das englische „punch“ ist dafür ein Synonym. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Bowle öfter vor für eine in einer Terrine mit dem Schöpflöffel serviertes Getränk verwendet. Bowle ist ein alkoholisches Mischgetränk auf Weißweinbasis, häufig mit Fruchtstücken. Der in England ebenso beliebte Punsch ist ein alkoholisches Mischgetränk mit Rum, Arrak oder auch Wein und Gewürzen. Bowle und Punch werden in gewölbten Gefäßen aufgetragen und mit Schöpfkellen ausgegeben. Die beiden Begriffe „Bowle“ und „Punsch“ sind in historischen Texten oft vermischt und austauschbar (auch in der Definition, z. B. in Pierer’s Universal-Lexikon von 1857, S. 156). Dies zeigt der Begriff „Feuerzangenbowle“ – der eigentlich einen Widerspruch in sich darstellt.

    Bowle und andere Speisen, die in den Fünfzigerjahren beliebt waren, gibt es bei der Veranstaltung „Küche und Kochen im Wandel der Zeit“ im Stahlhaus aus Nerreth im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Heidemarie Lehmann-Wetzel

    Prächtige Bowls für den Tafelmittelpunkt

    Eine Gesellschaft trinkt Bowle 1950er, Foto im WDRdigit – Archiv des analogen Alltags

    Schon in der Namensgebung spielt der Serviertopf eine große Rolle. Der besonders schöne Bowletopf mit den dazu passenden Trinkbechern und das Getränk, in dem Früchte schwimmen, macht die Bowle zu einem dekorativen Gang – dem Gegenteil einer Alltagsspeise. Eigentlich könnten man sie ja auch im Suppentopf oder in der Suppenterrine servieren. Wie Eisbecher mit aufwändigem Dekor, Flambiertes oder Sahne-Torten beansprucht die Bowle den Mittelpunkt der Tafel. Für eine Bowle braucht es auch eine größere Trinkgesellschaft. Denn es gilt, dem Inhalt des großen Topfes Herr zu werden. Damit garantiert die Bowle eine besondere Geselligkeit.

    Im 19. Jahrhundert sind überaus kunstvolle Bowlegefäße gefertigt worden. Besonders der Historismus brachte üppig geschmückte Bowletöpfe aus Silber, Kristallglas, Kupfer oder Keramik hervor. Mathilde Erhardt bildet in ihrem „illustrierten Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feinen Tisch“ im Jahr 1904 gleich mehrere solcher Gefäße ab: eines aus Glas und eines aus „rheinischem Steinzeug“. Sogar einen speziellen „Maitranklöffel mit Deckel“ schlägt sie vor. Das ist eine silberne Schöpfkelle mit einem durchbrochenen Deckel. Ist er geschlossen, geht nur Flüssigkeit durch. Ist er aber geöffnet kann man Früchte abschöpfen. Der Bowletopf aus Steingut ist geschmückt mit einem Knaben, der auf der Laute einer kostümierten Dame mit Fächer ein Ständchen singt – umgeben von reichlich Neorenaissance Rollwerk. Solche historisierenden Objekte mit plastischer Oberfläche wurden im Rheinland und im Westerwald in der dortigen Keramikproduktion hergestellt. Damit retteten die Töpfer-Handwerker ihr Gewerbe noch ins Industriezeitalter hinüber.

    Das abgebildete Bowleset mit Motiven der Rheinromantik aus den Zwanzigerjahren wurde bereits industriell gefertigt von der Aktiengesellschaft Wick-Werke in Höhr-Grenzhausen, dem Zentrum der Westerwälder Keramikproduktion. Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren derartige mit Rhein-Burgen dekorierte Töpfe beliebt. Sie sind im Grundaufbau alle ähnlich. Dieser hier verrät mit Fruchtkörbchen als Deckelknauf und den Ecken der Henkel mit jugendstiligen Früchten seine späte Entstehungszeit. Die Rheinromantik entdeckte die Flusslandschaft des Rheintals mit kühnen Burgen auf wilden Felsen als romantische Sehnsuchtslandschaft und frühes touristisches Reiseziel. Seit der Rheinkrise im Jahre 1840, als in der französischen Öffentlichkeit der Rhein als Außengrenze beansprucht wurde, wurde diese Rheinromantik zunehmend nationalistisch aufgeladen. So konnte die Darstellung der wehrhaften Burgen am Rhein auch für die „Wacht am Rhein“ stehen. Das entsprechende Lied, das zur inoffiziellen Nationalhymne im deutschen Kaiserreich avancierte, beschwor deutschnationale Verteidigungsbereitschaft. Die Rheinlandschaft passte aber auch in kulinarischer Hinsicht besonders gut zur Bowle, gedieh dort doch der edle Rhein- und Moselwein. Wegen des milden Klimas im Rheinland galten die dortigen Weine bis in die Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts als die lieblichsten und spritzigsten deutschen Weine. So empfehlen die Kochbuchautoren gerne „Rhein- oder Moselwein“ für die sommerliche Bowle. Sogar im „Praktischen Kochbuch für die Deutschen in Amerika“ von 1897 (S. 348) wird für Maiwein „Rhein- und Moselwein“ empfohlen. Eine Familie aus Düsseldorf brachte den abgebildeten Bowletopf kurz nach seiner Herstellung mit nach Bayern.

    Bowleset mit Motiven der Rheinromantik Wein und Burgen, Westerwälder Steinzeug, 1920er, Foto Günther Freund

    Maitranklöffel abgebildet in Mathilde Erhardts Großem illustriertem Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch aus dem Jahr 1904

    Bowlebecher aus Bowleset mit Motiven der Rheinromantik Wein und Burgen, Westerwälder Steinzeug, 1920er, Foto Günther Freund

    Bowlebecher aus Bowleset mit Motiven der Rheinromantik Wein und Burgen, Westerwälder Steinzeug, 1920er, Foto Günther Freund

    Eisgekühltes Luxusgetränk

    Auch die Servierform der Bowle: gekühlt am besten mit Eis – machte die Bowle zum Luxusgetränk. Schon bei den Römern galt mit gepresstem Schnee gekühlter Wein als dekadenter Luxus. Im Barock waren eisgekühlte Getränke im höfischen Umfeld gefragt (Camporesi, 1992). Das Spektrum der in der besseren Gesellschaft beliebten Sommergetränke zeigt der genussfreudige Wolfgang Amadeus Mozart in einem Kanon (KV 234/382) auf, den er 1782 in Wien komponierte:

    „Bei der Hitz im Sommer …
    nehm [ich] Limonade, Mandelmilch,
    auch zu Zeiten Horner Bier;
    das im heißen Sommer nur.
    Ich für mich in Eis gekühlts Glas Wein,
    Auch mein Glas Gefrohrnes.“

    Heute ist dieser Kanon unter dem etwas allgemeineren Text “Essen, Trinken, das erhält den Leib” bekannt. Brunnenwasser und Most, die Sommergetränke der einfacheren Leute, erwähnt Mozart erst gar nicht. Er nennt gekühlte Getränke: Bier, das einen (Eis-)Keller zur Lagerung erfordert und Wein, gekühlt mit Eis aus dem Haushalt – oder gleich Speiseeis.

    Für die Eiskühlung der Bowle gab es Krüge mit Glaseinsätzen oder sogenannte Bowleeier aus Glas, die man in den Bowletopf hängt. Damit kann man Bowle kühlen, ohne sie zu verwässern. Man vermeidet damit auch die direkte Berührung des Eises mit dem Getränk. Noch bis in das 20. Jahrhundert warnen Kochbuchautoren davor, Natureis direkt zu konsumieren, denn es konnte Verunreinigungen enthalten. Im Winter wurde aus Seen Eis gebrochen, das man in sogenannten Eiskellern bis zum Sommer lagerte. Gasthäuser und besser gestellte Haushalte ließen sich mit diesem Eis beliefern. Im Eisschrank kühlte das Eis Speisen und Getränke, bis es weggeschmolzen war und durch eine neue Lieferung Eis ersetzt werden musste. Mit Strom gekühlte Schränke wurden zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts erfunden, setzten sich als Kühlschränke in Privathaushalten aber erst mit der allgemeinen Elektrifizierung in den 1950er-Jahren durch. Von da an waren Eiswürfel aus den anfangs noch kleinen Eisfächern der Kühlschränke allgemein verfügbar.

    In dieser Zeit entwickelte sich die Bowle zum beliebten Partygetränk. Passend zur neuen Leichtigkeit der Fifties waren nun transparente Bowlesets aus Glas – gerne mit Kristallschliff, wie auf den Einstiegsbildern zu sehen, verbreitet. Ebenso wie Bowlesets waren zu dieser Zeit auch andere dekorative Serviergeschirre sehr beliebt: wie das Körbchen für die Weinflasche, der Salzlettenständer, die nierenförmige Gebäckschale, der Schnapsgläschenhalter aus Bambus oder Elox und ähnliches –dekoriert mit exotischen Motiven wie venezianischen Gondeln, Eifeltürmen oder Ananasfrüchten. Alles in allem die verdinglichte Sehnsucht nach dem guten Leben und der Freiheit nach den Entbehrungen in den Kriegsjahren. Solche Ausstattungsstücke für die Cocktailparty waren hoch geschätzte Geschenke. Für sie wurde im Vergleich zu Alltagsgeschirr viel mehr Geld ausgegeben, obwohl diese Stück viel seltener benutzt wurden. Dementsprechend haben sich auch zahlreiche solcher Partyrequisiten erhalten. Sie waren die Prämien des neuen guten Lebens, die Zierde im (Gelsenkirchner-)Wohnzimmerbuffet, in deren Mittelpunkt oft das große Bowleset im Vitrinenfach stand. Dazu passend gab es Bowlespieße zum Aufspießen der Früchte aus der Bowle oder spielerische Anhänger zur Markierung der Gläser, etwa mit kleinen Glasfrüchten oder Figürchen. In den Siebzigerjahren waren die Bowletöpfe dann gern wieder aus Keramik glasiert in bunten Farben – rustikal-folkloristisch mit und ohne Blumenmuster, bis Bowle aus der Mode kam und die Bowletöpfe in den meisten Haushalten in der Versenkung verschwanden.

    Bowletopf aus Glas, abgebildet in Mathilde Erhardts Großem illustriertem Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch aus dem Jahr 1904

     

    Bowletopf aus rheinischem Steinzeug, abgebildet in Mathilde Erhardts Großem illustriertem Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch aus dem Jahr 1904

    Bowle Getränk für Männerabende, bürgerliche Gartennachmittage und Familienfeiern

    Auf dem anonymen Scherenschnitt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts trinken zwei jüngere Männer offenbar Bowle. Das Gegenstück dazu sind Scherenschnitte mit Kaffee trinkenden Damen. Auch auf frühen Fotografien wovon z. B. das Portal WDRdigit – Archiv des analogen Alltags einen aussagekräftigen Querschnitt veröffentlicht, finden sich einige Herrengesellschaften mit Bowle. Julius Stettenheim geht in seinem „Moderne(n) Knigge“ von 1905 (S. 84-85) selbstreden von Männern als Bowlegesellschaft aus. Ganz zum Ende längerer Auslassungen erwähnt er auch noch die Ausnahme:

    „Gehören Damen zur Bowlenrunde, so sage man ihnen, es schade ihnen die Bowle nicht, sie könnten trinken nach Herzenslust. Dies wird von ihnen nicht geglaubt, und sie trinken daher mehr als sie vertragen können. So reizend eine Frau ohne Spitz sein kann, so reizend kann eine Frau mit einem Spitz sein.“

    So galt die Bowle offenbar Anfang des 20. Jahrhunderts noch eher als Herrengetränk. Einige wenige Fotos zeigen so ab den 1920er Jahren auch schon gemischte, bürgerliche Gartengesellschaften mit sommerlicher Bowle. Kurt Tucholsky sieht in einem Gedicht von 1920 „Was fange ich Silvester an?“ drei Optionen in drei Gedichtstrophen für diesen Abend: Silvester entweder mit dem Generaldirektor zu feiern, im Familienschoße zu bleiben oder im Amüsierviertel zu verbringen. Zur Familienfeier schreibt er:

    „Wälz ich mich im Familienschoße? …
    Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
    Die Bowle –! (›Leichter Mosel‹ nur –).
    Prost Neujahr!“

    Die Silvesterbowle scheint also schon zum Repertoire der häuslichen Familienfeier zu Silvester zu gehören. Auch aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren als die Bowle und auch die Fotografie populär wurden, zeigen private Fotos nun häufig Bowle-Gesellschaften mit Weihnachtsbaum im Hintergrund, auch maskierte Gäste an Fasching, Sommerbowle im Garten, aber auch bowletrinkende Gesellschaften zu anderen Gelegenheiten sogar Hochzeiten und Taufen. Bowle ist nun ein populäreres Familiengetränk. Sie scheint besonders bei Frauen beliebt gewesen zu sein. Auf dem eingangs abgebildeten Foto fällt auf, dass nur vor den Frauen die Bowlebecher stehen, vor den Männern dagegen Bierflaschen. Immer wieder habe ich von längst Erwachsenen erzählt bekommen, wie für sie als Kinder das Naschen von den Bowlefrüchten die erste Erfahrung mit Alkohol war. So singt der selbsternannte „Wein-Kabarettist“ Ingo Konrad ein Loblied auf die Bowle.

    „Neulich war ich bei meinen Eltern zu Besuch. … plötzlich sehe ich ihn: Unseren neobarocken Bowletopf. Er war ein Koloss unseres Hausrates, ein Erbstück ganzer Generationen. Drei Tonnen schwer und aus Keramik. … Augenblicklich fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt. Der Raum begann sich zu drehen, ein Zeitloch tat sich auf und ich taumelte und nahm wie von einer fremden Macht gesteuert Platz auf dem kreisrunden roten Sitzkissen mit den orientalischen Motiven, das auf einmal wieder wie damals mitten im Raum stand. Offensichtlich war ich in den 1970er Jahren gelandet. Tatsächlich: Das Wohnzimmer sah jetzt wieder aus wie in meinen Kindertagen: Der Boden bestand aus großen, cremeweißen Natursteinfliesen, darauf ein kreisrunder Flauschteppich, in dem wir Kinder immer Erdnüsse fanden. An der Seite ein aus Backsteinen kubistisch gemauerter offener Kamin. Mittig ein rechteckiger Couchtisch, der auf einer zentralen Säule ruhte und sich mittels eines ausgeklügelten Federmechanismus‘ und eines kleinen Hebels in der Höhe verstellen ließ. … Ich beobachtete, wie mein Vater, jetzt wieder ganz der junge Mann von damals, feierlich mit der Bowle den Raum betrat. Breitbeinig wie ein Matrose. Mit zum Bersten angespannter Oberkörpermuskulatur. Vor sich gefühlte 50 Liter Flüssigkeit. In einem aufwendigst verzierten Bowlentopf. An den Seiten waren Darstellungen von sechs Rheinburgen zu sehen, dazwischen Reliefs von Weinlaub und Trauben. Und oben drauf hockte die halbnackte Loreley, die als Deckelgriff diente. … Die Pfirsiche und der Wein waren schon drin, jetzt schütteten meine Eltern noch Sekt und Schnaps als Wirkungsbeschleuniger dazu. So eine Bowle soll ja in erster Linie wirken. Wir Kinder durften nicht von der Bowle probieren. Wegen des Alkohols. Aber von den Früchten durften wir naschen. Die waren ja gesund. … Ich hing meinen Gedanken nach. Es war meine Mutter, die mich aus meinen Träumen riss: „Ingo, wo bleibst Du …?“ … „Du sprichst ja genau so wie früher, als Du von den Bowlefrüchten genascht hast!“ (http:// weinjocker.blogspot.com am 14.4.2021)

    Bowletrinkende Männer, Scherenschnitt Mitte 19. Jahrhundert

    Der fruchtig-geistvolle Inhalt der Bowle: Ananas und Erdbeeren

    Die Bowlefrüchte scheinen die Bowle erst auszumachen. Waldmeisterbowle wird in historischen Kochbüchern fast nie allein erwähnt. Daneben wird meist auch ein Rezept für Ananas- oder Erdbeerbowle empfohlen. Obwohl immer wieder behauptet wird, Bowle solle schon 400 Jahre alt sein, konnte ich keine Belege für ein Getränk unter diesem Namen finden. In Amaranthes Frauenzimmerlexikon aus dem Jahr 1715 (S. 486) ist noch von einer „kalten Weinschale mit Erdbeeren“ die Rede. Erst seit dem 19. Jahrhundert finden sich vermehrt Rezept und Erwähnungen von Bowle als Getränk. In einer Rezeptsammlung aus dem Goethehaus Anfang des 19. Jahrhunderts finden sich mehrere Rezepte für Erdbeer- und Ananasbowle (S. 88 – 89). Von Adele Schopenhauer stammt das Rezept für den „Maitrank“. Zuerst kommt hier eine Orange und einem Pfund Zucker in den Topf. „Dann füllt man die ganze Terrine mit Waldmeister und gießt 4 Flaschen leichten Moselwein auf.“ (S. 87) Mit dem Waldmeister ging man also sehr großzügig um.

    Mit der Ananas verfuhr man dagegen umso sparsamer. Eine Übertragung des Kochbuch-Klassikers von Henriette Davidis für Deutsche in Amerika von 1897 rechnet „eine in dünne Scheiben geschnittene Ananas“ für 13 Flaschen Wein. Und schließt dann noch eine Empfehlung zum Einkochen einer eventuell übrigbleibenden Frucht an. Ananas und Erdbeeren wurden beide ab Mitte des 19. Jahrhunderts gewerbsmäßig in größerem Umfang angebaut. Die im 18. Jahrhundert schon in der höfischen Orangerie in Sanssouci gezüchteten Ananas waren unerschwinglicher Luxus. Im 19. Jahrhundert kultivierten dann auch Handelsgärtnereien Ananas. Ein Potsdamer Händler bewarb ab 1840 in der Vossischen Zeitung seine eingekochte Ananas unter anderem für Ananasbowle. (Potsdamer Neueste Nachrichten vom 09.07.2015, online) Teuer blieben eingemachte Ananas aber weiterhin. Noch in den Fünfzigerjahren war Ananas aus der Dose für breite Bevölkerungsschichten in der Bundesrepublik ein erreichbares, aber doch noch etwas exotisches Luxusgut. In dieser Zeit kommt auch der Toast Hawaii mit Ananas, Kochschinken und Käse auf. In der DDR waren Ananas bis in die 1980er Jahre nur in Delikat- oder Exquisitläden für den gehobenen Bedarf sehr teuer oder nur gegen Devisen erhältlich. Von Ananastorte oder Bowle mit Ananas als ganz besonders guten Speisen erzählten viele Gesprächspartner in Interviews zur Alltagsgeschichte der DDR (Meggle, 2004, S. 343, 391). Heute wird Bowle ostalgisch als typisches DDR-Getränk etikettiert, das ruhig etwas stärkeren Alkohol und etwas mehr Zucker enthalten darf, damit sie schneller wirkt. 1959 wurde in der DDR zum 10. Jubiläum der Republik der Film „Maibowle“ produziert. Es war ein Lustspielfilm mit freundlichen Lobpreisungen der sozialistischen Menschengemeinschaft und des Chemieprogramms der DDR und einigen reichlich trunkenen Darstellern. Als Aufhänger diente ein jährliches Familientreffen mit Maibowle zum Geburtstag des Vaters. Bowle war in der DDR aus den gleichen Gründen wie im Westen in den Fünfziger und Sechziger Jahren beliebt: Sie war dank der exotischen Früchte und Gewürze etwas Besonderes, gleichzeitig war sie auch einfach. Jeder Alkohol, der zur Verfügung stand, auch unterschiedliche Arten, konnten zusammengemischt werden. Der Zucker übertönte dann eventuelle geschmackliche Ungereimtheiten und beschleunigte den Anstieg der Stimmung. Im Osten Deutschlands hat sich die Vorliebe für Bowle länger gehalten als im Westen, wo teurere Cocktails die Bowle ablösten. Letztlich ist das Rezept für Bowle als gekühlte Mischung von Wein, anderem Alkohol, Gewürzen oder Früchten und Zucker auch seit dem 19. Jahrhundert im Wesentlichen gleichgeblieben.

    Monatserdbeeren abgebildet in Mathilde Erhardts Großem illustriertem Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch aus dem Jahr 1904. Monatserdbeeren sind eine von den Walderdbeeren abgleitete Sorte, die über Monate hinweg Früchte trägt.

    Waldmeister oder Mayenkraut für die Maibowle

    Zur Maibowle, der Frühlingsbowle, braucht es als essenzieller Zutat das Waldmeisterkraut. „Maitrunk“, „Maiwein“ und „Maybowle“ gibt es nur im April, Mai und Juni, wenn der Waldmeister wächst. Waldmeisterkraut ergibt ein sehr spezifisches Aroma. Sein botanischer Name ist „Galium odoratum (L.) scop.“. Im Volksmund hat die Pflanze verschiedene Namen wie z.B. Waldmeister, Waldmeier, Mäserich, Gliedkraut, Maikraut oder Maienkraut. Die Pflanze wird 10 – 30 cm hoch. Sie wird als Heil- und Gewürzkraut verwendet. Die einzelnen aufrecht wachsenden Stängel haben spitze kahle Blätter in Quirlen. Die kleinen weißen Blüten bilden endständigen Scheindolden. Die Pflanze soll geerntet werden, bevor sie blüht. Ihr Geruch ist angenehm. Erst wenn man die Pflanze trocknet, entwickelt sich das intensive Aroma. Die Pflanze bevorzugt Buchen- und Mischwälder mit nährstoffreichen Böden. Waldmeistersirup oder Waldmeisteraroma für Götterspeise wird heute eher künstlich im Labor hergestellt, weil die Waldmeisterpflanze Cumarin enthält. Cumarin wirkt in größerer Menge als Nervengift. Cumarin findet man auch in anderen Pflanzen. Es verleiht z. B. dem Heu seinen typischen Geruch oder ist in den jetzt modischen Tonkabohnen enthalten. Gern werden damit heute auch Kosmetika aromatisiert. Da der Cumaringehalt im Waldmeister ziemlich gering ist, treten kaum ernsthafte Vergiftungen beim Verzehr des Waldmeisters auf. Wird Waldmeister jedoch in größeren Mengen genossen, können durchaus Kopfschmerzen und Benommenheit auftreten. Der Waldmeister wurde früher wegen seines angenehmen Duftes auch als Motten- und Insektenschutz – gerne in Büscheln – in die Kleiderschränke gehängt (https://www.pflanzenfreunde.com/heilpflanzen/waldmeister.htm, abgerufen am 16.4.2021). Wer ganz sicher gehen will, kann die Pflanze auch als Gewürzkraut im Topf kaufen, z.B. beim Kräutermarkt im Fränkischen Freilandmuseum.

    Waldmeister wächst in Buchenwäldern. Foto Margarete Meggle-Freund

    Waldmeisterpflanze abgebildet in Mathilde Erhardts Großem illustriertem Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch aus dem Jahr 1904

    Waldmeister-Erdbeer-Bowle

    Waldmeister-Erdbeer-Bowle in einem Glastopf von 1919, Foto Margarete Meggle-Freund

    Die Anregung zu meinem Bowleexperiment lieferte ein gläserner Bowletopf. Zuerst wollte ich ihn nur als Blumenvase verwenden. Aber die Bowle stieß auf so positive Resonanz, dass er nun öfters zum Einsatz kommt. Den Glastopf hatte die Mutter der Schenkerin aus einem städtischen Handwerkerhaushalt im Jahr 1919 zur Hochzeit bekommen. Typisch für die Zeit ist die Wahl des edlen Bleikristalls, dabei aber der Verzicht auf üppiges Ornament. Nur ein schlichter paralleler Schliff markiert den Rand des zylindrischen Gefäßes. Die Tischdecke mit dem eingewebten antikisierenden, geometrischen Mäandermuster und die später rot gestrichenen Küchenstühle mit den senkrechten Leisten im Rücken stammen aus der gleichen Zeit. Von den ebenfalls zylindrischen Trinkbechern haben sich nur wenige erhalten. Sie wurden in den Sechzigerjahren um rundbauchige Trinkbecher und Cocktailspießchen aus Kunststoff zum Aufspießen der Bowlefrüchte ergänzt. Die Schöpfkelle aus Plexiglas kam in den Siebzigerjahren dazu.

    250 g Erdbeeren, 3 Teelöffel Agavensirup, 1 Sträußchen Waldmeisterkraut (8 Stängel), 1 Flasche (0,75 l) sommerlicher Weißwein, 1 Flasche (0,75 l) trockener Sekt, Mineralwasser mit viel Kohlensäure und nach Bedarf Eiswürfel

    Den Waldmeister über Nacht antrocknen lassen oder einfrieren, erst dann entfaltet sich sein Aroma. Dabei wird er schwarz. So kann man sich auch etwas Vorrat an Waldmeister anlegen. Die Erdbeeren waschen und die größeren Früchte in Stücke schneiden, die sich gut aufspießen lassen. Mit Agavensirup leicht süßen, darauf den Wein gießen und einige Stunden kaltstellen und einziehen lassen. Dann für eine halbe Stunde das Waldmeistersträußchen über einem Kochlöffel, der über den Topf gelegt wird, an einem Faden in den Wein hängen. Die holzigen Enden der Pflanzen sollen nicht ins Getränk kommen. Kurz vor dem Ausschenken den gut gekühlten Sekt zugießen. Die Bowle schmeckt am besten kalt, deshalb bei Bedarf noch Eiswürfel zugeben. Wer weniger Alkohol zu sich nehmen möchte, kann auch mit gut gekühltem Mineralwasser verdünnen.

    Variante Rosenbowle: Hier noch als Variante eine Rosenbowle, die ebenfalls im 19. Jahrhundert überliefert ist, falls man die Erntezeit des Waldmeisters verpasst hat. Passend zur Romantik soll sie auch aus England kommen.

    4 ungespritzte Rosenblüten, einige Rosenblätter als Dekor, 5 Spritzer Rosenwasser, 1 Flasche (0,75 l) sommerlicher Weißwein, 1 Flasche (0,75 l) trockener Sekt, Mineralwasser mit viel Kohlensäure und nach Bedarf Eiswürfel

    Rosenblätter abzupfen mit Rosenwasser und Wein ansetzen und 4 Stunden ziehen lassen, vor dem Servieren mit Sekt aufgießen und mit einigen Rosenblättern als Dekor bestreuen.

    Ob es Kopfweh gibt, hängt an der Qualität des Weins. Eine Bowle aus einem guten trockenen (fränkischen) Wein und Sekt mit nicht zu viel Zucker und natürlich in Masen getrunken, ist bekömmlich. Sehr gut passt das Waldmeisteraroma auch zu Spargel.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Eierbier – Fastenspeise, Flip und Festtagstrank

    Eierbier

    Fastenspeise, Flip und Festtagstrank

    Eierbier – warmes Bier mit Milch und Ei – erschien mir zuerst ein Kuriosum zu sein. Begonnen hat meine Erfahrung mit Eierbier mit einem Rezept von Käthe Lenhart, die aus dem Sudetenland flüchten musste und dann in Ipsheim gelebt hat. Bei Nachforschungen in der histo-rischen Kochbuchliteratur stellte es sich dann aber als ein Grundrezept der traditionellen Küche heraus, das im Laufe der Zeit unter ganz verschiedenen Vorzeichen – von der Fastenspeise bis zum Flip – angeboten wurde. Zu meiner Überraschung waren meine Testtrinker von dem ungewöhnlichen Trunk ganz begeistert.

    Behelfsheime, wie das aus Ottenhofen, das heute im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in der Baugruppe 20. Jahrhundert wiederaufgebaut ist, dienten in der Zeit des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit Ausgebombten und Flüchtlingen etwa aus dem Sudetenland als Notunterkunft. In den Behelfsheimen lebten Flüchtlinge auf engstem Raum, ohne Bad und WC, aber in den eigenen vier Wänden. Das war allemal besser, als sich zwangsweise mit anderen Parteien eine Wohnung teilen zu müssen. Gerade in dieser Zeit war in der Küche sparsames Wirtschaften angesagt.

    Das sogenannte „Eierbier“ ist ein Rezept zur Resteverwertung. Wenn einmal Bier übrig blieb und es schon nicht mehr ganz so frisch war, wurde daraus warmes Eierbier gemacht. Auf die Frage, was man denn im Sommer vor den Zeiten der Limonade außer Wasser so getrunken hat, erzählten Frau Arnold und Herr Hartlehnert – zwei Mitarbeiter des Freilandmuseums, die in der Nähe von Bad Windsheim in Dörfern aufgewachsen sind – unabhängig voneinander von warmem Bier als Getränk. Das gab es in ihrer Jugend (Fünfziger- und Sechzigerjahre) in Gläsern zu einer Mahlzeit dazu. Es wurde im Sommer und auch im Winter getrunken. Auch Kinder haben es in kleinerer Menge bekommen.

    Behelfsheim aus Ottenhofen im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Margarete Meggle-Freund

    Hühner im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Margarete Meggle-Freund

    Ein Grundrezept für Bier-Suppe, Bier-Mus und auch Eier-Bier

    Im „Bayerischen Kochbuch“, dem Standardwerk der Küche in Bayern, das bis heute erscheint, findet sich sowohl ein Rezept für Eier-Bier (Nr. 1716) als auch eines für Biersuppe (Nr. 115). Die Rezepte sind bis auf 20g Stärkemehl, mit dem die Biersuppe etwas gebunden wird, identisch. Als Grundrezept wird Bier mit Milch oder Wasser und etwas Gewürzen erwärmt. Die Suppe wird mit Mehl, Stärkemehl, übergossenen Semmeln oder Brot (auch altem und trockenem) gerne etwas angedickt. Noch dicker ergibt sich ein Bier-Mus, das auch in einigen historischen Kochbüchern erwähnt wird. Wobei die Grenze zwischen einer flüssigen Suppe und einem breiigen Mus fließend ist – galt doch eine Suppe dann als gut, wenn sie besonders dick und gehaltvoll war. Noch bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein war das Mus, ein Brei auf Getreidebasis, als erstes Gericht am Morgen üblich. Mus wurde aber auch zu den anderen Tageszeiten gegessen. Aus dem Mus hat sich unser heute wieder modernes Müsli entwickelt.

    Vor der Einführung der Kartoffel war Bier neben Brot ein Hauptnahrungsmittel breiter Bevölkerungsschichten in Mittel- und Nordeuropa. Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch schreibt: „Die massigen schweren Körpertypen, die die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts bevölkern … sind nahrungsphysiologisch mit dem hohen Bier- und Biersuppenkonsum zu erklären.“ (S. 36) Vielerorten war das allerdings Dünnbier. Wasser konnte keimbelastet sein. Bier dagegen hatte den Vorteil durch die Hitze bei der Zubereitung und den enthaltenen Alkohol ein nahrhaftes und zugleich hygienisches Getränk und Lebensmittel darzustellen. Eine generelle Aussage, wieviel Bier konsumiert wurde, ist kaum möglich. So gab es Regionen, in denen eher Bier getrunken wurde, während andere Regionen vom Weinbau geprägt waren. In den Obst- und Weinregionen Frankens war Bier in der Nachkriegszeit eher ein kostbares Lebensmittel, das gelegentlich beim Wirt geholt wurde. Eine Vertriebenenfamilie berichtet als Beleg dafür, wie sparsam sie gelebt habe, dass man sich am Sonntag in der vierköpfigen Familie eine Flasche Bier geteilt habe.

    In vielen historischen Kochbüchern sind Rezepte für Biersuppe enthalten, beispielsweise im „Vollständigen Nürnbergischen Kochbuch“, das 1691 in Nürnberg gedruckt wurde. Hier finden sich sechs Rezepte für Biersuppe (Nr. 52 – Nr. 57). Dieses Kochbuch rühmt sich auf der Titelseite Rezepte „nach eines jeden Beutel … so wol gemeine / als rare Speisen“ anzubieten; … in Suppen / Musen / Pasteten / Brühen …“. So sind hier auch einige Rezepte für die morgendlichen Breie (Weinmuse Nr. 1 – 9 und Biermuse Nr. 10 – 11) angeboten. Das alltägliche Mus und der Brei sind in den eher oberschichtlich orientierten gedruckten Kochbüchern sonst eher selten empfohlen. Aber auch im Vollständigen Nürnbergischen Kochbuch kommen zuerst die Rezepte mit Wein: Weinmuse und Weinsuppen (Nr. 43 – 47, 49 – 51, und weitere Suppe auf Weinbasis mit andern Geschmackszutaten). Die Rezepte für Bier- und Weinsuppe entsprechen sich von der Zubereitung. Aber Wein war seit dem 16. Jahrhundert teurer als Bier, da Wein in den meisten Regionen Deutschlands eingeführt werden musste. Von da an wurde Wein zum bevorzugten Getränk der Höfe. Dementsprechend finden sich in den Kochbüchern mehr feine Rezept mit dem höherwertigen Wein. Besondere Raffinesse entwickelt Sophie Juliane Weiler 1788 im Augsburgischen Kochbuch mit einer Wein- oder Biersuppe mit „Chocolade“. Sogar im „Nürnberger Puppen-Kochbuch“, 1896 herausgegeben von Tante Betty, das – passend zur bürgerlichen Puppenstube – in einem Miniaturformat erschien, findet sich als Nr. 127 „Warmes Bier auf andere Art“. Aus Bier und mit Bier zubereitete Speisen waren bis Anfang 20. Jahrhundert allgemein verbreitet und für alle Altersstufen üblich.

    „Milchtöpfe“ und auch der kleine Bierkrug aus Steingut trocknen auf dem Zaun vor dem Haus; Mainstockheim 1964, Foto Otto Beck im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Zwei Rezepte für Biersuppen in „Vollständiges Nürnbergisches Kochbuch“, gedruckt 1691

    Das Gelbe vom Ei – was gesund ist und nährt

    Die dank des Bieres nahrhafte Biersuppe und das Biermus führt das Nürnbergische Kochbuch von 1691 sowohl in der Rubrik „Kranken-Speisen“ als auch bei den „Fasten-Speisen“ auf. Johann Albrecht Grunauer hält in seinem Kochbuch, das 1733 in Nürnberg erschien, in Rezept Nr. 54 „eine andere weisse Bier-Suppe“ dienlich für jene, „die so mit den Husten sehr behaftet sind“. Eine Wein-Suppe (Nr. 51) empfiehlt er für „Schwindsüchtige“. Der Lehrer Leonhard Conrad schreibt 1804 in seiner „Darstellung des Dorfes Weimersheim in seinem ganzen Umfang“ unter den besonderen Bräuchen über die Kindstaufe:

    „Bei dem Kindbettschmaus kommen 20-30 Weiber zusammen und verschlecken und genießen für 12 – 16 fl. [= Gulden] Wecken. Die Gevatterin aber hat dafür zu sorgen, dass tüchtig Zucker vorhanden sei, womit man süßes Bier macht, und mit Wecken in eine große Schüssel eingebrockt, [und] austunkt. Jedes Weib schenkt aber nachher tüchtig ins Kindbett.“ (S. 174)

    In Weimersheim bei Weißenburg war das Eierbier wohl eine stärkende Speise für die Wöchnerinnen und gleichzeitig ein Festspeise für die Frauen des Dorfes.

    Viele der zu seiner Zeit gängigen Gesundheitsvorstellungen und Wertungen der verschiedenen Getränke fasst Bernhard Christoph Faust in seinem Gesundheitskatechismus zum Gebrauche in den Schulen und beim häuslichen Unterricht, gedruckt Wien 1795, zusammen. Dieses Werk war ausgesprochen populär und erschien in sechs Auflagen. Faust schreibt „Der Wein, als Arzeney, erquikt den Matten und Schwachen“ (S. 66). Wein galt ihm als besonders stärkend. Das gängige Bier toleriert er in seinem Frage-Antwort-Schema des Katechismus: „Ist das Bier ein gesundes Getränk? Dünnes, rein ausgegohrnes Bier ist für Erwachsene wohl nicht schädlich. Gutes Wasser ist aber gesünder und viel besser.“ In der Fußnote dazu: „Kinder verlieren durch Biertrinken die Lust zum Wasser, und legen den Grund zum Kaffe- Wein und Brannteweintrinken.“ (S. 65) kommt der Lehrer und Volksaufklärer durch, der zu Mäßigkeit und gesundem Lebensstil auffordert und vor teuren Genussmitteln wie Kaffee und Wein warnt. Der Branntwein war zu dieser Zeit – und erst recht dann in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts – das verbreitete Getränk, mit dem sich die einfachen Menschen betranken und auch die Droge, mit der sich viele in der Last der Arbeit betäubten. Das Bier dagegen galt den Aufklärern als der gesunde Alkohol.

    „Gesund“ wird unser Eierbier dann auch noch durch das zugegebene Eigelb – „das Gelbe vom Ei“, wie die Redewendung sagt. Denn der Dotter galt als das Wertvollste vom Ei. Eine Erklärung dafür liefert ein anderer Aufklärer, nämlich der Arzt Johann Georg Krünitz in seiner Ökonomischen Enzyklopädie, die 1773 bis 1858 erschien:

    „Was die Wirkung der Eyer und der daraus zubereiteten Speisen, in Absicht auf die Gesundheit, betrifft so läßt sich dieselbe, nach den Eigenschaften ihrer beyden wesentlichen Theile, und nach ihrer Zubereitung, leicht beurtheilen. … bey einer stärkern Hitze aber wird es dick, und endlich zu einem trocknen, zähen, unauflösbaren Klumpen. Soll das Eyweiß verdauet werden, so muß seine zähe Eigenschaft vermindert werden. Es muß, wie die Gallerte, mit Wasser verdünnet werden, sonst bleibt es als ein steinharter Körper im Magen liegen. …
    Der Eydotter hat wenigern Zusammenhang, und ist daher in einem reinen Magen leichtverdaulicher. … Es nährt ebenfalls sehr stark. … Am gesundesten sind die Eyer, je mehr man sie in ihrem natürlichen Zustande gelaßen hat, und je weniger sie durch starkes Feuer und große Hitze in ihrer milden Beschaffenheit verändert worden sind. So gehen z. E. die rohen Eyer, die Schlürfeyer, die Stippeyer, die dotterweichen Eyer, die gefällten und endlich die gedämpften Eyer, wenig oder gar nicht von ihrer ursprünglichen natürlichen Beschaffenheit ab, und sind eine leichtverdauliche, sehr nahrhafte und überaus gesunde Speise. Sie ersetzen die verlornen Kräfte sehr geschwind bey Entkräfteten und Wiedergeneseten; sie sind die schicklichste Nahrung für Schwindsüchtige, für Kranke, die kein Fieber haben, und für alle diejenigen, die einen schwachen Magen haben, …
    Indessen ist doch auch denen, die sich eines reinen Magens zu erfreuen haben, die Behutsamkeit anzurathen, daß sie nicht auf einmahl zuviel Eyer essen, … Vielleicht hat dieses vor Zeiten die Salernitanische Schule bewogen, den Rath zu ertheilen, daß man zu jedem Ey ein Glas Wein trinken soll.“ (Stichwort Ey in Bd. 11)

    Krünitz schließt hier nach dem Ähnlichkeitsprinzip, dass flüssiges Eigelb den flüssigen Körpersäften entspricht und deshalb gesünder sei als Eigelb. Das Rezept der Weinsuppe mit Ei übersetzt seine Gesundheitsregeln perfekt in die Kochpraxis. Aber auch das Eierbier, in dem die Eier nur legiert und nicht gekocht werden, ergibt nach Krünitz´ Vorstellungen „eine leichtverdauliche, sehr nahrhafte und überaus gesunde Speise“. Viel von dieser Einschätzung der Eier hat sich bis heute gehalten. In der Kochlehre des Bayerischen Kochbuches z.B. heißt es noch in jüngsten Auflagen „Das Eigelb ist wertvoller als das Eiklar, in legierter Form sehr leicht verdaulich.“ (S. 321)

    Im Internet wird Eierbier noch heute vereinzelt als Hausmittel bei Erkältungen empfohlen. Dabei ist zu beachten, was auch schon Krünitz beschreibt, dass roh verzehrte Eier unbedingt frisch sein sollten. Sonst besteht die Gefahr sich mit Salmonellen zu infizieren. Heutige Gesundheitsexperten warnen allerdings davor, bei Fieber Alkohol in größerer Menge zu trinken, weil er das Immunsystem belastet. Hopfen dagegen wirkt beruhigend und fördert den Schlaf. Ingwer und Honig finden sich auch weiterhin in vielen neueren Erkältungsmitteln. So wird das Eierbier – in Maßen und gelegentlich getrunken – nicht schaden.

    Umwertungen – ein Getränk unter verschiedenen Vorzeichen

    Rezepte für Eierbier findet sich noch in ganz anderen Zusammenhängen unter anderen Namen. Im Maggi-Kochbuch aus den Dreißigerjahren ist ein Rezept eingeordnet in die Rubrik „Erfrischungsgetränke“ und verwendet das als besonders nahrhaft geltende Malzbier. Im Bayerischen Kochbuch begegnet uns das Eierbier auch in der Rubrik „Flips“. Unter diesem Namen, der vom englischen „to flip“ (aufschlagen) kommt, waren in den Siebzigerjahren Mixgetränke aus Alkohol, Ei und Sahne modern. Die CocktailsWorld (https://www.cocktailsworld.net) erklärt, dass das Ei aufgeschlagen eine schöne Schaumkrone ergibt. Außerdem werde der Drink dadurch weicher und der Alkohol somit geschmacklich entschärft. Und mit dem Ei komme Umami als zusätzliche Geschmackskomponente hinzu. Deshalb sind Eier in Cocktails nach wie vor modern. In England und Amerika sind solche Getränke unter dem Namen „Eggnogs“ seit dem 19. Jahrhundert ein traditionelles Getränk für Weihnachten und Neujahr. Das sind alkoholische Getränke mit Ei, Zucker und Milch oder Sahne. Ursprünglich wurden sie im Winter warm getrunken; inzwischen gibt es Eggnogs als alkoholische Fertigprodukte, die auch kalt getrunken werden, das ganze Jahr über. So wurde und wird die traditionelle Rezeptur des warmen Alkohols mit Ei und Milch über die Zeit unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen getrunken: als Reste-Essen, Nährbier, als stärkendes Getränk, Krankenkost, Fastenspeise, als traditioneller Weihnachtsdrink, oder als Flip und heute als Cocktail.

    Eierbier

    Eierbier, Foto Margarete Meggle-Freund

    Oma Käthe Lenharts Rezept für das Eierbier ist wunderbar schlicht und damit alltagstauglich: Bier und Milch auf kleiner Stufe erwärmen. Dann von der Platte nehmen und vorsichtig das Ei unterrühren und viel Zucker und Zimt zugeben. Damit es noch besser gegen Erkältungen hilft, ersetze ich den Zucker durch Honig und würze mit Ingwersaft. Das Aufschlagen von Sahne und Ei mit dem elektrischen Handmixer ergibt einen stabilen, dekorativen Schaum.

    Für das Foto hat mir eine Nachbarin einen kleinen Glaskrug geliehen. Sie bekam ihn Ende der Siebzigerjahre als rustikales Geschenk vom Gasthof Gockel, in dem sie geheiratet hatte. Das Glas war so schlicht, dass der gute Krug für den Gebrauch zum Trinken geeignet war, und doch so edel glänzend, dass er auch für die Vitrine zur Dekoration dienen konnte und so den Hochzeitsgasthof über die Jahre in Erinnerung hielt. In Franken heißt ein solcher Krug von einem halben Liter Volumen „Seidel“. Ein „Seidla“ ist im fränkischen Raum die gängige Einheit des Bierausschanks. Und die Katze der Wirtsleute der Wirtschaft am Kommunbrauhaus im Fränkischen Freilandmuseum wird auch „Seidla“ gerufen.

    1 Liter ergibt: 500 ml helles Bier, 150 ml Schlagsahne, 350 ml Wasser, 3 Eigelb, 1 gehäufter Esslöffel Honig (z. B. der aus dem Fränkischen Freilandmuseum) oder 50g Zucker, 2 Esslöffel Ingwersaftkonzentrat (z.B. „Bens`s Ginger oder „Inge“ oder „Pure Ginger“), gemahlener Zimt

    Die Eidotter werden mit Honig und Sahne mit dem Handmixer aufgeschlagen und nach und nach wird die Milch dazu gegeben. Währenddessen wird das Bier vorsichtig erwärmt und die Sahne-Eimasse legiert. Das Getränk darf nicht kochen, sonst flockt das Ei und der gesundheitliche Wert des Honigs geht verloren. Zur Abrundung einen Schuss Ingwersaft zugeben. Oben auf den Schaum etwas gemahlenen Zimt streuen.

    Wohl bekomm’s! Prosit auf die Gesundheit!

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Im Freilandmuseum geht`s um die Wurst

    Die Bratwürste des Bad Windsheimer Metzgers Ernst Seemann haben den Ruf, die besten der ganzen Stadt zu sein. Ende Januar 2021 gibt der Metzgermeister seinen Traditionsbetrieb auf, womit in der Betriebsstätte in der Seegasse eine Handwerkstradition endet, die bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. Uns verrät Metzger Seemann sein historisches Bratwurstrezept und wir verarbeiten die leckeren Bratwürste zu einer modernen Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel.

    Gute Fränkische Bratwürste an einem schönen Ort zu verspeisen ist ein guter Grund für einen Ausflug ins Fränkische Freilandmuseum. Dort kann man viel über die verschiedenen traditionellen Zubereitungsarten des fränkischen Traditionsgerichts erfahren.

    Frische Würste bei der Hausschlachtung

    Das stattliche Bauernhaus aus Reichersdorf in der Baugruppe Altmühlfranken sticht im Freilandmuseum durch seinen prächtigen großen Stall hervor. Er ist mit einem gemauerten „Böhmischen Gewölbe“ versehen. Sicher gab es im Reichersdorfer Hof auch Hausschlachtungen. Metzger Ernst Seemann erzählt im Interview, dass sein Vater und Großvater bis in die 1960er Jahre keinen richtig großen Betrieb in der Stadt hatten. Vielmehr gingen sie zu Bauern auf das Land, um dort zu schlachten. Die klassischen Hausschlachtungen – so berichtet er – ergaben neben dem Fleisch nur ein begrenztes Sortiment an Wurstwaren: Blut- und Leberwürste, Presssack und grobe Bratwürste. Wenn das Fleisch noch schlachtwarm verarbeitet wird, besitzt es eine natürliche Bindungskraft, welche die Wurst zusammenhält. Deswegen musste schnell gearbeitet werden.

    In der Sammlung des Freilandmuseums findet sich ein Doppelwiegemesser, wie es seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlich war. Mit solch einem Gerät konnte der Metzger Fleisch schonend zerkleinern. Auch kleinere mechanische Fleischwölfe zum Drehen, wie sie in Haushalten verwendet wurden, finden sich einige in der Museumssammlung. Im Stadelteil des Seldenhauses aus Obermässing im Freilandmuseum kann man sich in einer kleinen Ausstellung über die ländliche Hausmetzgerei informieren. Die Umstände der Hausschlachtung legten eher einfache Rezepte aus nur grob zerkleinertem Fleisch nahe. Metzger Seemann berichtet, dass erst mit der Einführung des elektrischen Kutters in den 1930er Jahren, mit dem das Fleisch ganz fein gewolft werden konnte, die Vielzahl fränkischen Wurstwaren aufkamen.

    Wurstfüllmaschine 1. Hälfte 20. Jahrhundert, 08_765 in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, Foto Monika Runge

    Bauernhaus aus Reichersdorf im Fränkischen Freilichtmuseum, Foto Ute Rauschenbach

    Doppelwiegemesser zum Zerkleinern von Fleisch, Metzgerwerkzeug aus dem 20. Jahrhundert, B_1973 in der Sammlung Otto und Elsa Beck im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Monika Runge

    Haushaltsüblicher Fleischwolf 1. Hälfte 20. Jahrhundert in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, 08_723 in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, Foto Norman Schärfenberg

    Wie wurde die Bratwurst zum fränkischen Nationalgericht?

    Würste sind ein elementare Zubereitungsart von Fleisch. Zerkleinertes Fleisch wird mit Gewürzen in Därme gefüllt. In dieser handlichen Form kann es leicht weiter zubereitet werden. Schon im ältesten erhaltenen römischen Kochbuch “De re coquinaria II.4” (Über die Kochkunst) von Apicius findet sich ein Rezept für geräucherte Würste aus Schweinefleisch. Der früheste archivalische Nachweis des Wortes „Bratwurst“ in Franken dürfte im ältesten Stadtbuch von Ansbach (1388-1467) zu finden sein. Im Jahr 1430 heißt es darin, „drei prot wurst sollen ein pfunt wegen“ (im Staatsarchiv Nürnberg, Bd. 1, S. 4015-1, fol. 92 zitiert nach Reddig, S.252). Auf Bildern finden sich seit dieser Zeit immer wieder Bratwürste. Bei Festlichkeiten präsentierten die Metzger besonders lange Würste. Bei volkstümlichen Wettbewerben dienten Würste auch gerne als Preise. Darauf geht die Redewendung „es geht um die Wurst“ zurück. In den höfischen Kochbüchern finden sich allerdings kaum Rezepte für Bratwurst. Die Bratwurst gehörte eher zu den Speisen der Landbevölkerung. Sie war fester Bestandteil beim bäuerlichen Hochzeitsmahl. Der Physikatsbericht für das Landgericht Erlangen berichtet um die Mitte des 19. Jahrhunderts, dass wohlhabende Bauern zu Anfang des Winters ein Rind und vier bis fünf Schweine schlachten. „Geringere Leute“ – so der Physikatsbericht – schlachten wenigstens ein Schwein (zitiert nach Loos, S. 528). Das Fleisch wurde dann durch Räuchern und Einsalzen haltbar gemacht. Dagegen waren frisch zubereitete Fleischprodukte wie beispielsweise Würste etwas Besonders und wurden „vom Landmann als Luxus- und Krankenspeise betrachtet“ (Redding S. 258).

    Erst seit Ausgang des 18. Jahrhunderts – mit dem erwachenden Interesse für eine deutsch-nationale Vergangenheit – entdeckten gehobenere Schichten den Reiz der einfacheren, volkstümlichen Lebensart. So erfuhren ländliche Gerichte eine Aufwertung und Stilisierung als Nationalspeisen. Wie es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur Aufwertung der Fränkischen Bratwurst als regionaler Spezialität kam, ist eine offene Frage. Sophie Weiler führt in ihrem Augsburgischen Kochbuch von 1787 als Rezept Nr. 808 in der Rubrik „Noch etwas zur Haushaltung“ am Ende ihres Buchs „Schweinene Bratwürste“ auf. Ihr historisches Rezept unterscheidet sich von dem heutigen Rezept von Metzger Ernst Seemann nur darin, dass Sophie Weiler neben Salz, Pfeffer und Majoran als Gewürze Coriander und Ingwer empfiehlt, statt Piment und Muskatnuss, die Seemann verwendet. So groß sind die regionalen Unterschiede wohl nicht.

    Metzger Seemann nimmt die Konfession als Etikett für regionale Unterschiede: Die Bratwürste aus Unterfranken – der Region um Würzburg – würden „katholisch“ genannt. Sie enthalten – so Seemann – einen höheren Feinbrätanteil, eventuell auch Ei zum Binden und seien mitunter vorgebrüht. Damit können sie eine hellere Farbe haben. Im evangelisch geprägten Mittelfranken komme dagegen nur grob gewolftes Fleisch in die Bratwurst. Ist die einfachere Bratwurst also etwa Ausdruck einer bescheideneren Lebenshaltung der Protestanten? Wie auch immer: Metzgermeister Seemann ist überzeugt, „die besten Bratwürste gibt es in Frankens gemütlicher Ecke um Neustadt Aisch und Bad Windsheim.“ Solche Geschichten und Zuschreibungen machen aus einem einfachen Gericht eine lokale Spezialität.

    Die Lebenserfahrung der Verfasserin jedenfalls bestätigt: in Mittelfranken gibt es besonders gute Bratwürste. Es ist eine Region, in der Getreide – als hochwertiges Mastfutter – wächst und viele Bauern Vieh halten. Das Metzgerhandwerk ist hier kleinteilig strukturiert. Im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns und Deutschlands schlachten in Mittelfranken noch viele Betriebe selbst. In den kleineren Betrieben und Schlachthöfen bekommen die Tiere vor dem Schlachten insgesamt mehr Ruhe, als in Großschlachthöfen. Zwischen den Bauern als regionalen Lieferanten und den Metzgern zu den Endverbrauchern sind die Wege kurz. Es bestehen Vertrauensbeziehungen, die sich positiv auf die Qualität auswirken.

    Heute gelten vor allem die Gewürzmischung und der sogenannte Bändeldarm als Kennzeichen der mittelfränkischen groben Bratwurst. Das rohe nur grob gewolfte Fleisch kommt in den Bändeldarm, einen gespaltenen, besonders zarten Schweinedarm. Seine Fettschicht gibt beim Braten Aroma ab und macht die Würste saftig. Charakteristisch ist die seitliche Bändelnaht.

    Hochzeitsspeisen Ende der 1940er-Jahre im Raum Ochsenfurt: rote Äpfel, Kaffee, Meerrettich, Wein, Torte und, vorne in der Mitte, Bratwürste wohl mit Kraut, Foto Adam Menth im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Fresko mit Bratwürsten im Haus aus Matting aus der Zeit 1580-1600, Foto Ute Rauschenbach

    Fahrende Habe, Holzschnitt von Hans Paur, Der Hund mit den Bratwürsten rechts unten könnte ein Vorbild für das Fresko im Haus aus Matting sein.um 1475

    „gesotten und gebraten, sie müssen all herein“

    „Gesotten und gebraten, sie müssen all herein“ – heißt es im Mozartkanon (KV 560b) „Oh du eselhafter Martin“ zur Zubereitung der Gänse. Für die Bratwürste gilt dies gleichermaßen. So wie sich das Rezept der groben Bratwurst mit den einfachen Möglichkeiten der Hausschlachtung entwickelt hat, entsprechen die Zubereitungsarten der Bratwurst den historischen Kochtechniken.

    Bratwürste aufgehängt zum Räuchern im offenen Schlot der Rauchküche in der Mühle aus Unterschlauersbach, Foto Werner Müller

    Herd mit offenem Feuer in der Mühle aus Unterschlauersbach im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Werner Müller

    In den Biergärten des Freilandmuseums gibt es auf dem Rost über dem offenen Feuer gebratene Würste. In Thüringen heißen die Bratwürste danach „Roster“. In der Küche der Mühle aus Unterschlauersbach brennt auf dem gemauerten Herd ein offenes Feuer. Darüber kann der Bratwurstrost stehen oder auch eine Pfanne mit Fett, in der die Bratwürste langsam gebraten werden. Damit der Rauch des offenen Feuers abziehen kann, hatten die alten Rauchküchen über dem Herd einen offenen Schlot. In diesen Schlot wurden Fleisch und Würste in den Rauch gehängt und so haltbar gemacht. In Südtirol heißen solche Würste demnach „Kaminwurzen“. Räuchern war neben Pökeln eine der wenigen Konservierungsmöglichkeiten von Fleisch in Zeiten vor Erfindung des Kühlschranks. Für viele Museumsbesucher entspricht der Ausblick in den rauchgeschwärzten mit Würsten behängten Schlot der Mühle aus Unterschlauersbach einer Vorstellung von Schlaraffenland. Die auf diese Weise geräucherten Würste werden heute meist kalt zur Brotzeit gegessen.

    Im Bauernhof aus Reichersdorf ist die Rauchkuchl mit einem Gewölbe aus der Zeit um 1700 Ende des 19. Jahrhunderts modernisiert worden. Das Herdfeuer brennt nun in einem geschlossenen Sparherd. Das ist energiesparender und weniger rußig als ein offenes Herdefeuer. Aber auch das Ofenrohr des Sparherdes endet einfach und entlässt den Rauch in den offenen Schlot. Auf dem Herd im Topf wurden Würste im essigsauren Sud mit Zwiebeln, Gewürzen und Wurzelgemüse als „Saure Zipfel“ gesotten.

    Von der Küche aus wird nicht nur der angebaute Backofen beheizt, dessen Ofenloch in der Bildmitte zu sehen ist, sondern als „Hinterlader“ auch der Kachelofen der benachbarten Stube befeuert. Im Ofenfeuer wurden in dem im Bauernhaus aus Reichersdorf dargestellten Zustand Ende des 19. Jahrhunderts nur noch die Kartoffeln für die Schweine und das Sauerkraut gekocht, weil diese rundum besonders viel Hitze benötigten. Die rußgeschwärzten Töpfe wurden mit einer Ofengabel ins offene Herdfeuer geschoben. Im Sauerkraut konnte man auch die Würste erwärmen. Davon kommt die Redensart „jemandem eine hölzerne Wurst auf‘s Kraut legen“, was so viel bedeutet, wie „ihn prügeln“.

    Die Hitze des Stubenofens wurde auch zum rauchfreien Kochen genutzt. Der Kachelofen in der Stube hat eine Nische, die sogenannte „Röhre“, in der Schmorgerichte zubereitet werden konnten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagert sich das Kochen zunehmend weg vom offenen Feuer hin zum geschlossenen Sparherd und zum Kochen bzw. Schmoren in der Röhre. Unsere Bratwurstpfanne mit Äpfeln und Zwiebeln ließe sich gut in dem Stubenofen des Bauernhauses aus Reichersdorf zubereiten. In der Küche des Bauernhauses hängt links am Bord eine Reine aus braunem Emaille, die sich dafür hervorragend eignen würde.

    Küche im Bauernhaus aus Reichersdorf mit Sparherd und Backofen, Foto Ute Rauschenbach

    Stube im Bauernhaus aus Reichersdorf mit Ofen. In der Röhre des Stubenofens konnten Speisen geschmort werden, Foto Simon Kotter

    Mittelfränkische grobe Bratwürste

    Mit Aufgabe seines Betriebs Ende Januar 2021 offenbart Metzgermeister Ernst Seemann uns hier das Rezept für seine beliebten groben Bratwürste, wie er es von seinem Vater gelernt hat.

    Bratwurstmasse aus 1 kg Fleisch: 667g (=2/3) mageres Schweinefleisch (Schulter oder Schlegel), 333 (=1/3) Speck (Rücken oder Bauch), 16 g Speisesalz für rohe Bratwürste oder 20g für geräucherte Bratwürste, 3 g Majoran, 3 g weißer Pfeffer, 3 g Piment, 2 g gemahlene Muskatnuss, Bändeldarm für rohe Bratwürste oder Dünndarm für geräucherte Würste.

    Das in Stücke geschnittene Fleisch wird gut mit den Gewürzen vermischt, dann im Fleischwolf grob zerkleinert. Nun wird die Masse nochmals gut gemischt und mit nur locker in die Bändeldärme gefüllt, damit die Würste später nicht aufplatzen. Für das Ergebnis spielt die Qualität des Fleisches eine wichtige Rolle. Metzger Seemann verwendet nur die höchste Güteklasse.

    Mittelfränkische Bratwürste von Metzger Ernst Seemann mit der seitlichen Bändelnaht, Foto Margarete Meggle-Freund

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel, Foto Margarete Meggle-Freund

    Und wenn Metzgermeister Ernst Seemann uns hier schon sein traditionsreiches Rezept für seine groben Bratwürste verrät, zeige ich hier eine moderne Alternative zur einfachen historischen Zubereitung der Bratwürste in Kraut, bei der die Bratwürste heute zusammen mit Gemüse in einer Bratwurstpfanne gegart werden. Die würzigen und saftigen fränkischen Bratwürste geben Aroma und Fett ab. Mit süßsäuerlichen Äpfeln und roten Zwiebeln ergibt das eine köstliche Geschmacksmelange. Selbst meine vegetarischen Freunde lassen sich das so aromatisierte Gemüse nicht auskommen. Auf dem Foto wird die Bratwurstpfanne serviert mit einer Gabel mit hölzernem Griff aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Gabel hat – wie eine Kuchengabel – drei Zinken, die aber derart spitz sind, dass man sich beim Essen damit in Gefahr bringen würde. Als Fleischgabel eignet sie sich hervorragend.

    4 Portionen ergeben: 500 g festkochende Kartoffeln, 4 rote Zwiebeln, 4 säuerliche Äpfel, 4 Zweige frischer Thymian, 2 Stiele frischer Rosmarin, 8 grobe Bratwürste, 4 Zehen Knoblauch, ca. 5 El Öl, Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle.
    Als Beilage: 250 g grüne Linsen, Salz, 2 Lorbeerblätter, 100g Wurzelgemüse
    Als Dekor: Zitronenscheiben, Zweiglein frischer Thymian, nach Geschmack Sahnemeerrettich.

    Eine Auflaufform, Reine oder einen Bräter einfetten. Die Kartoffeln schälen und in Spalten schneiden, oder man verwendet kleine Kartoffeln. Die Zwiebeln schälen und ebenfalls in Spalten schneiden. Die Äpfel schälen, entkernen und vierteln. Zusammen mit den Kräutern in die Form geben, salzen und pfeffern und mit etwas Öl beträufeln.
    Bei 180 Grad im Backrohr etwa 40 Minuten backen. Wenn die Bratwürste oben liegen werden sie mit der Zeit braun und schmecken so ähnlich wie gebraten. Dabei sollte man aber aufpassen, dass die oberste Schicht nicht anbrennt. Dazu entweder zwischendurch die Zutaten wenden oder – sobald die Würste leicht braun sind – die Form mit Deckel oder Alufolie abdecken. Wenn man möchte, kann man auch etwas Gemüsebrühe angießen.

    In der Zwischenzeit die Linsen waschen. In etwas Fett das kleingeschnittene Wurzelgemüse anbraten, dann die Linsen, Lorbeerblatt, Salz und reichlich Wasser dazugeben. Kräftig aufkochen lassen und die Hitze reduzieren und etwa 20 Minuten nur sanft köcheln lassen. Zum Servieren das Wasser abgießen. Mit Zweiglein frischen Thymians und Zitronenscheiben garnieren.

    Wenn sie schon fertig gebraten ist kann die Bratwurstpfanne gut noch etwa eine Viertelstunde in der Nachwärme des ausgeschalteten Backrohrs nachziehen. Auch die Linsen kann man – wenn man sie nicht zu weichgekocht hat – energiesparend nachquellen lassen. So ist dieses Gericht besonders geeignet, um es in aller Ruhe Gästen aufzutischen.

    Falls etwa übrigbleiben sollte: Wird dieses Gericht nochmals aufgewärmt wird, so wird es noch besser, denn es hat dann noch mehr Zeit zum Durchziehen. Dann empfiehlt es sich allerdings, die Pfanne mit Gemüsebrühe aufzugießen, damit es nicht zu sehr anbrennt.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Weihnachtsbrezlein – Brezen als Handwerkszeichen und Stolz häuslicher Zuckerbäckerei

    Weihnachtsbrezlein

    Brezen als Handwerkszeichen und Stolz häuslicher Zuckerbäckerei

    Im Amtshaus aus Obernbreit am Marktplatz des Museumsdorfes hängt am Fenster der Backstube eine Breze. Damit tun die Bäcker des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirk Mittelfranken kund: Hier wird gebacken; hier gibt es frische Backwaren! Beim Backofenfest oder zu anderen Festen wird der Ofen in Betrieb genommen. Brezen sind eines der ältesten festlichen Formgebäcke auch zur Weihnachtszeit – und wurden so zum Zeichen des Bäckerhandwerks.

    Amtmann und Gemeindebeck

    1554 ließ sich Anton Conrad, Bauer und Mayster (Bäckermeister) dieses prächtige Haus mit seinem massiven gemauerten Untergeschoß mit der großen Tordurchfahrt und der ungewöhnlichen aufgemalten Diamantquaderung erbauen. Das Obergeschoß mit Ziergiebel und Renaissancevertäfelung in der Stube ist etwas jünger. Dieses Haus war landwirtschaftlicher Hof, mit einem Weinkeller, aber auch Amtshaus des Schultheißen mit Backstube. Im Dorf Obernbreit nahe Marktbreit herrschten komplizierte Machtverhältnisse. In Obernbreit gab es bis zu vier Grundherren. Jeder Grundherr hatte einen Schultheiß mit einem eigenen Amtshaus, der vor Ort die Herrschaft vertrat.– jeweils. Zu den Aufgaben eines Amtmannes gehörte in Ausübung seiner obrigkeitlichen Rechte auch das Amt des „Heimbecken“ (des Gemeindebäckers).

    Der Museumsarchivar, Ralf Rossmeissl, hat im Gemeindearchiv von Obernbreit einen „Haimbecken Ayd“ von 1561 gefunden:

    „ein Haimbeck soll dem Burgmaystern geloben, unnd …zue Gott den Almechtigen schwören …
    das er guts gerechts brod, unnd kaufmans gud backen wöll,
    unnd soll ein Laib aufgebackens brods zehen pfunde wol weg,
    unnd soll ein gantze gemein Arm und Reich bey gemeltem Becken Backn, …
    und soll ein ieglicher Haimbeck das Aygenfeuer mit iii . . glud verburgn.
    Soll auch einer iedem zue einem achtl Back melbs vier pfunde: und zu zwaien metzn zway pfund guts hefyl daichs geben, …
    auch dem herd im gemeins backofen, uff sein Cost, so offen ers bedurffen wuerd, schlohen machen und bestreichen lassen. …
    hinfuhro die 2 lezten Weiber, so den Teig Ins Beckenhauß bringen, bey denselben bleiben sollen, biß …. die Laib In Offen eingeschossen (Saalbuch Gemeinde Obernbreit im Gemeindearchiv folio 12b, 13)“

    Das „gerechte Brot“ ist eine Angelegenheit der Obrigkeit – gelobt vor Gott. Der Gemeidebäcker soll für alle – für Arme und für Reiche – backen. Er sichert eine Grundversorgung. Zu ihm kommen auch die „Weiber“, die backen lassen. So gab es eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Die Bäckerhandwerker waren Männer. Die häusliche Backarbeit war wohl Frauensache. Eine wichtige Aufgabe des Bäckers ist im dicht bebauten Obernbreit auch der Brandschutz. Der Bäcker muss den Ofen warten und die Glut hüten. Auch sein Sortiment ist im Eid genannt: ein Laib zu 10 Pfund, eine Achtel Back zu 4 Pfund und 2 Pfund guter Hefenteig. Der Gemeindebäcker soll vor allem Brot in verschiedenen Größen backen. Noch heute betrachten fränkische Traditionsbäcker den Zehnpfünder-Brotlaib als Statement.

    Amtshaus aus Obernbreit mit Backstube im Erdgeschoß im Fränkischen Freilichtmuseum, Foto Frank Boxler

    Hier gibt es frische Backwaren! Als Zeichen dafür hängt eine Brezel am Backstubenfenster, Foto Margarete Meggle-Freund

    Brezen als Handwerkszeichen der Bäcker

    Am Amtshaus aus Obernbreit, das im Freilandmuseum wiederaufgebaut wurde, hat sich leider kein Bäckerzeichen erhalten. Aber im Bildarchiv des Museums finden sich zwei Fotografien von Bäckerzeichen aus Obernbreit aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das Bäckerzeichen aus dem 18. Jahrhundert ist vom Fürstenhut des Markgrafen von Ansbach bekrönt. Beide Bäckerzeichen zeigen neben Doppelweck und Brotlaib vor allem dekorative Brezen. Auch ein sehr archaisch anmutender Backtrog, der im Museumshaus aus Höfstetten aufgestellt ist, ist mit Doppelweck, Breze und Brotlaib in Reliefschnitzerei verziert. Schon seit dem Mittelalter wird die Breze als Bäcker- und Zunft-Zeichen eingesetzt.

    Bäckerzeichen mit Breze, Doppelweck und Brotlaib aus Obernbreit, 1846, Foto Karl Sigismund Kramer 1957 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Bäckerzeichen mit Breze und Doppelweck aus Obernbreit, 18. Jahrhundert, Foto Karl Sigismund Kramer 1957 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Fastenbrezen und Neujahrsbrezen – Brezen für besondere Anlässe

    Neben dem Brotgeschäft waren Brezen Produkte der Bäcker für besondere Anlässe. Der Name Breze geht auf das lateinisch brachium („der Arm“; für das Aussehen von verschränkten Armen) zurück. Brezen wurden zu besonderen Anlässen gebacken. Belegt sind in Oberfranken, aber auch in Schwaben oder Österreich sogenannte „Fastenbrezen“. Bei Fastenbrezen wird auf Butter und Eier verzichtet; oft sind sie mit Anis gewürzt. Im Mittelfranken oder z. B. auch in Lohr am Main verkaufen die Bäcker am Jahresanfang große, süße Hefeteigbrezen als Neujahrsbrezen. Das waren klassisch Geschenke der Paten an ihre Patenkinder. Aber auch Nikolaus- oder Weihnachtsbrezen sind belegt. In Oberösterreich hängen Brezen mitunter am Christbaum.

    Kind mit Neujahrsbreze oder -kringel vor Christbaum in Aub, Foto Adam Menth 1940er im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Brezelrezepte in der häuslichen Bäckerei

    Auch in der häuslichen Bäckerei finden sich Brezen. Brezen als kleinere Feingebäcke finden sich seit dem 16. Jahrhundert in Kochbüchern. Max Rumpolt gibt in seinem 1581 gedruckten „New Kochbuch“ in der Rubrik „Von allerley Gebackens“ dieses Rezept für Anisbrezlein:

    „55. Nimb ein schönes Mehl lauter Eyerdotter und ein wenig Wein, Zucker und Aniß, mach ein Teig damit an, walg jn fein länglicht und rundt, mit saubern Händen und mach kleine Bretzel darauß, scheubs in ein warmen Ofen und backs, daß du es nit verbrennest, sondern fein außtrucknet, so werden sie auch mürb und gut. Du magst auch Zimmet darvnter nemmen oder nicht. Und man nennet es Precedella.“

    Man könnte sich vorstellen, dass die Frau Amtmännin mit ihrem nahen Zugang zu einem professionellen Backofen zu besonderen Anlässen solche Anisbrezen gebacken hat. Sie hatte ja auch eigenen Wein im Keller.

    Der Teig ist erstaunlich elastisch und lässt sich ohne Ruhezeit formen. Er erinnert an Gebäcke, die es heute in Süditalien (Ciambelline, Taralli) oder Spanien (Tortas de Aceite) gibt. Mit ihrer nur leichten Süße passen diese Anisbrezlein hervorragend zu Wein. Die südländischen Rezepte enthalten meist etwas Olivenöl, das im 16. Jahrhundert wohl noch nicht so leicht verfügbar war, aber das Aroma noch steigert.

    Das „Vollständige Nürnbergische Koch-Buch“, 1691 in Nürnberg erschienen, das auch Rezepte aus nicht professionellen Küchen aufführt, nennt in der Rubrik „Zucker- oder Quitten-Werk“ Grengeln (Kringel) oder Bretzeln, die mit grobem Zucker bestreut werden.

    Ebenfalls mürbe Brezeln mit grobem Zucker bestreut als „Nr. 373 Brezel (sehr gut)“ finden sich im handgeschriebenen Kochbuch von Käthchen Brehm, das diese 1899 an der Nürnberger Frauen-Arbeits- und Kochschule angelegt hat und das heute in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums aufbewahrt wird. Das originale Rezept ist für alle, die es gern süß mögen. Leicht modernisiert mit weniger Zucker, gröberem Dinkelmehl und mehr Butter ist das Rezept auch 2020 noch aktuell.

    Die historischen Brezlein serviere ich mit einer Backschaufel aus den 1930er Jahren. Mit den Einkerbungen am Stiel hat sie noch die Form, wie sie die Kleineisenindustrie im 19. Jahrhundert produzierte, ist aber schon aus dem damals neuen, nicht rostenden Spezialstahl „Cromargan“ hergestellt.

    Hölzerner Backtrog, wohl 17(?)58, aufgestellt im Bauernhaus aus Höfstetten im Fränkischen Freilandmuseum, vorne sind neben einem Monogramm und Jahreszahl die Produkte des Bäckers Doppelweck, Breze und Brotlaib im Relief geschnitzt.

    Anisbrezlein nach Max Rumpolt, 1581:

    Zuckerbrezlein (Rezept der Nürnberger Frauenkochschule, 1899):

    Zimtbrezlein (Variante der Zuckerbrezen mit Ökotouch, 2020):

    Weihnachtsbrezlein als Anisbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für ein großes Blech benötigt man 200g Mehl, 40g Zucker, 3 Eidotter, 6 Esslöffel Weißwein, 1 Teelöffel ganzer Anis,
    Dekor: 1 Eigelb zum Bestreichen und 1Tel ganzer Anis

    Alle Zutaten zu einem geschmeidigen Teig verkneten, Brezen formen, bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Weihnachtsbrezlein als Zuckerbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für je 3 Backbleche benötigt man 500g Mehl, 200g Zucker, 100g kalte Butter, 2 Eier, 4 – 6 Esslöffel Milch, 1 Vanillezucker,
    Dekor: Eigelb zum Bestreichen und Hagelzucker

    Alle Zutaten zu einem glatten Mürbteig verkneten. Der Teig muss sich von der Schüssel lösen; sonst noch Mehl zugeben. Den Teig zu einer kühlschrankbreiten Rolle formen und in Backpapier eingewickelt im Kühlschrank mehrere Stunden oder über Nacht kaltstellen.

    Von der Teigrolle gleichgroße Scheiben abschneiden, damit die Brezen etwas gleich groß werden. Diese zu bleistiftdicken Rollen formen und einfache Brezen legen. Mit Eigelb oder Kaffeesahne bestreichen und in Hagelzucker oder gehackte Haselnüsse tauchen. Bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Wenn man die Brezlein einige Tage in einer Blechdose an einem kühlen Ort aufbewahrt, können sie noch Luftfeuchtigkeit aufnehmen und werden mürber.

    Weihnachtsbrezlein als Zimtbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für je 3 Backbleche benötigt man 500g Dinkelmehl (1060er), 240g kalte Butter, 2 Eier, 80g Mascobadovollrohr-Zucker, 1 Prise Salz, 1 Vanillezucker, 1 Teelöffel gemahlener Zimt,
    Dekor: Kaffeesahne zum Bestreichen und gehackte Haselnüsse

    Alle Zutaten zu einem glatten Mürbteig verkneten. Der Teig muss sich von der Schüssel lösen; sonst noch Mehl zugeben. Den Teig zu einer kühlschrankbreiten Rolle formen und in Backpapier eingewickelt im Kühlschrank mehrere Stunden oder über Nacht kaltstellen.

    Von der Teigrolle gleichgroße Scheiben abschneiden, damit die Brezen etwas gleich groß werden. Diese zu bleistiftdicken Rollen formen und einfache Brezen legen. Mit Eigelb oder Kaffeesahne bestreichen und in Hagelzucker oder gehackte Haselnüsse tauchen. Bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Wenn man die Brezlein einige Tage in einer Blechdose an einem kühlen Ort aufbewahrt, können sie noch Luftfeuchtigkeit aufnehmen und werden mürber.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Zwetschgenkuchen – Fränkische Hauszwetschgen

    Zwetschgenkuchen – Fränkische Hauszwetschgen

    Am Baum gereifte Zwetschgen sind wahre Aromabomben! Ein Zwetschenkuchen aus reifen Früchten braucht kaum zusätzlichen Zucker. Das Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken kultiviert historische Zwetschgen- und Pflaumensorten, etwa verschiedene Fränkische Hauszwetschgen und auch Pogauner Wildpflaumen. Kurze Zeit im Herbst gibt es diese Zwetschgen zu kaufen, dann ist Zwetschgenkuchenzeit. Im Museumsshop wird das ganz Jahr über Zwetschgenwasser angeboten, das aus den Museumzwetschgen gebrannt wurde.

    Zwetschgenanbau in Franken

    Schon seit dem 8. Jahrhundert, der Zeit Karls des Großen, werden in Franken Zwetschgen kultiviert. In Kloster- und Adelsgärten wurden Obstbäume gepflanzt. Zum Schlösschen Eyerlohe, das heute im Freilandmuseum steht, gehörte im 18. Jahrhundert ein „Obst-, Gras- und Wurzgarten“ wie ihn das Kataster von 1832 (v. Eybsches Archiv Schloß Rammersdorf K8) nennt. So diente das Anwesen in Eyerlohe einem ansbachischen Hofbeamten als landwirtschaftliches Versorgungsgut.

    Vermehrt propagierten dann die Aufklärer seit dem 18. Jahrhundert den Obstanbau. Ein Beispiel ist der Schulmeister und Gemeindevorsteher Johann Leonhard Conrad (1780 – 1826) der sein Dorf Weimersheim, heute ein Ortsteil von Weißenburg i. Bay., zu einem Schwerpunkt des Obstanbaus machte. In seiner Ortschronik hebt er besonders die Vorteile des Zwetschgenanbaus hervor

    „… zu den Vorzügen ländlicher Industrie gehört ferner der Obstbau, der allein mehreren geringen [armen] Einwohnern öfters ihr ganzes Auskommen gewährt. Es waren in den letzten Jahren welche darunter, die nur aus dem Gewinn mit Zwetschgen Kapitalien abzahlen konnten. Dieser Baum und Fruchtart wächst hier ohne Mühe und aus dem Wurzelausschlag in vorzüglicher Güte …“ (S. 225)

    So gab es in Weimersheim um 1900, zum Höhepunkt des Obstanbaus, über 8500 Obstbäume. Davon waren mehr als die Hälfte Zwetschgenbäume. Für die Zwetschgen sprach, dass sie sich als Wildobst selbst vermehrten. D.h. es genügt, aus den Wurzeln die Bäume zu verpflanzen. Im Gegensatz zu Äpfeln und Birnen müssen wurzelechte Zwetschgen nicht veredelt werden, indem man auf die Stämme von Wildobst Äste von Edelsorten aufpfropft. Äpfel und Birnen brauchen regelmäßig auch noch einen kunstgerechten Obstbaumschnitt. Zwetschgen dagegen müssen kaum beschnitten werden. So haben sich von der Fränkischen Hauszwetschge mit der Zeit verschiedene Sorten entwickelt. Inzwischen werden rund zwanzig Varietäten der Hauszwetschgen angebaut. Ende des 19. Jahrhunderts gingen durch die Reblaus in Franken viele Flächen für den Weinbau verloren und wurden dann für den Obstanbau genutzt. Auch kleinere, sich aus der Realteilung ergebende Flächen wurden in Streuobstwiesen umgewandelt. Im Maintal verkauften Bauern die Früchte an die vielen kleinen Brennereien, um ihr Einkommen aufzubessern. In den 1960er-Jahren wurden viele der bäuerlichen Streuobstwiesen aufgegeben. Erst seit den letzten Jahrzehnten werden die Streuobstbestände wieder neu geschätzt. Die Fränkische Hauszwetschge gehört neben dem Wein zum kulinarischen Erbe Frankens und wird als bayerische Spezialität vermarktet.

    Die Frucht der Fränkischen Hauszwetschge ist oval und hat eine blaue, schwarzblaue oder violette Farbe, das Fruchtfleisch ist grüngelb bis rötlich. Das lokale Klima Frankens mit reichlich Sonne und relativ geringen Niederschlägen prägt den Geschmack der Früchte und beschert ihnen einen hohen Zuckergehalt. Besonders hoch ist dieser bei Spätzwetschgen, die zum Herbst erntereif sind. Damit eignen sie sich ideal für Obstkuchen.

    Zwetschgenbäume an einem Weinbergshang, Foto Fritz Pachtner im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Fränkische Hauszwetschge, Foto Spezialitätenland-Bayern StMELF

    Fränkische Hauszwetschge als Hausbaum am Thiels Weg Mainstockheim, Foto Otto Beck 1963 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Zwetschgenbäume in der Flur von Mainstockheim, Foto Otto Beck 1965 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Zwetschgenkuchen mit Rührteig

    Zwetschgenkuchen mit Fränkischen Hauszwetschgen, Foto Margarete Meggle-Freund

    Nur in einem kurzen Zeitraum etwa von Ende Juli bis in den Oktober gibt es Zwetschgen, aber dann kann es auf einmal eine größere Menge sein. Da bewährt sich dieses Zwetschgenkuchenrezept, weil es so überaus schlicht und einfach zuzubereiten und doch sehr gut ist. Weil die Zwetschgen nicht ausreichten sind auf dem Foto noch einige Apfelstücke unter die Zwetschgen gemischt. Die beiden Schüsselchen mit den geometrischen Art déco artigen Malhorndekoren sind Anfang der Dreißigerjahre entstanden. Es sind „Schwesternschüsselchen“: Das blaue dekorierte Schüsselchen kommt aus einer Haushaltsauflösung einer ledigen Dame in den Achtzigerjahren. Als Jahre später deren Schwester starb, fand sich das rote dekorierte Schüsselchen. Es hat leider einen Sprung. Die Schwester hatte Familie und entsprechend wurde das Geschirr stärker beansprucht. Inzwischen haben die beiden „Schwesterschüsselchen“ wieder zusammengefunden.

    Für 1 Backblech benötigt man:
    Für den Teig: 75 g weiche Butter, 1 Ei, ½ Tütchen Backpulver, 75 g Zucker oder Agavensirup (bei ganz reifen Früchten kann man den Zuckeranteil reduzieren), 1 Prise Salz, ein kräftiger Schuss Rum, 1/8 – 1/16 l Milch, 250 g Mehl (1060er Dinkel),
    Als Belag: 2 kg Spätzwetschgen oder zusätzlich auch etwas Apfel in dünnen Scheiben, Zimt, 1 Tütchen Vanillezucker

    Die weiche Butter wird mit Ei und Zucker schaumig geschlagen, Milch und Rum und dann das Mehl mit Backpulver und Salz untergerührt. Nun wird der Teig mit einem Teichschaber auf ein mit Backpapier belegtes Blech gestrichen. Die Zwetschgen werden entkernt und die Hälften der Zwetschgen werden von der Spitze her nochmals etwas eingeschnitten, damit sie sich schön flach legen lassen. Die Zwetschgen in Reihen, leicht überlappend auf den Teig legen und mit Zimt und Vanillezucker bestreuen. Etwa 30 Minuten bei mittlerer Hitze backen. Mit Schlagsahne schmeckt der Zwetschgenkuchen besonders gut.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.