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  • Eierbier – Fastenspeise, Flip und Festtagstrank

    Eierbier

    Fastenspeise, Flip und Festtagstrank

    Eierbier – warmes Bier mit Milch und Ei – erschien mir zuerst ein Kuriosum zu sein. Begonnen hat meine Erfahrung mit Eierbier mit einem Rezept von Käthe Lenhart, die aus dem Sudetenland flüchten musste und dann in Ipsheim gelebt hat. Bei Nachforschungen in der histo-rischen Kochbuchliteratur stellte es sich dann aber als ein Grundrezept der traditionellen Küche heraus, das im Laufe der Zeit unter ganz verschiedenen Vorzeichen – von der Fastenspeise bis zum Flip – angeboten wurde. Zu meiner Überraschung waren meine Testtrinker von dem ungewöhnlichen Trunk ganz begeistert.

    Behelfsheime, wie das aus Ottenhofen, das heute im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in der Baugruppe 20. Jahrhundert wiederaufgebaut ist, dienten in der Zeit des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit Ausgebombten und Flüchtlingen etwa aus dem Sudetenland als Notunterkunft. In den Behelfsheimen lebten Flüchtlinge auf engstem Raum, ohne Bad und WC, aber in den eigenen vier Wänden. Das war allemal besser, als sich zwangsweise mit anderen Parteien eine Wohnung teilen zu müssen. Gerade in dieser Zeit war in der Küche sparsames Wirtschaften angesagt.

    Das sogenannte „Eierbier“ ist ein Rezept zur Resteverwertung. Wenn einmal Bier übrig blieb und es schon nicht mehr ganz so frisch war, wurde daraus warmes Eierbier gemacht. Auf die Frage, was man denn im Sommer vor den Zeiten der Limonade außer Wasser so getrunken hat, erzählten Frau Arnold und Herr Hartlehnert – zwei Mitarbeiter des Freilandmuseums, die in der Nähe von Bad Windsheim in Dörfern aufgewachsen sind – unabhängig voneinander von warmem Bier als Getränk. Das gab es in ihrer Jugend (Fünfziger- und Sechzigerjahre) in Gläsern zu einer Mahlzeit dazu. Es wurde im Sommer und auch im Winter getrunken. Auch Kinder haben es in kleinerer Menge bekommen.

    Behelfsheim aus Ottenhofen im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Margarete Meggle-Freund

    Hühner im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Margarete Meggle-Freund

    Ein Grundrezept für Bier-Suppe, Bier-Mus und auch Eier-Bier

    Im „Bayerischen Kochbuch“, dem Standardwerk der Küche in Bayern, das bis heute erscheint, findet sich sowohl ein Rezept für Eier-Bier (Nr. 1716) als auch eines für Biersuppe (Nr. 115). Die Rezepte sind bis auf 20g Stärkemehl, mit dem die Biersuppe etwas gebunden wird, identisch. Als Grundrezept wird Bier mit Milch oder Wasser und etwas Gewürzen erwärmt. Die Suppe wird mit Mehl, Stärkemehl, übergossenen Semmeln oder Brot (auch altem und trockenem) gerne etwas angedickt. Noch dicker ergibt sich ein Bier-Mus, das auch in einigen historischen Kochbüchern erwähnt wird. Wobei die Grenze zwischen einer flüssigen Suppe und einem breiigen Mus fließend ist – galt doch eine Suppe dann als gut, wenn sie besonders dick und gehaltvoll war. Noch bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein war das Mus, ein Brei auf Getreidebasis, als erstes Gericht am Morgen üblich. Mus wurde aber auch zu den anderen Tageszeiten gegessen. Aus dem Mus hat sich unser heute wieder modernes Müsli entwickelt.

    Vor der Einführung der Kartoffel war Bier neben Brot ein Hauptnahrungsmittel breiter Bevölkerungsschichten in Mittel- und Nordeuropa. Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch schreibt: „Die massigen schweren Körpertypen, die die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts bevölkern … sind nahrungsphysiologisch mit dem hohen Bier- und Biersuppenkonsum zu erklären.“ (S. 36) Vielerorten war das allerdings Dünnbier. Wasser konnte keimbelastet sein. Bier dagegen hatte den Vorteil durch die Hitze bei der Zubereitung und den enthaltenen Alkohol ein nahrhaftes und zugleich hygienisches Getränk und Lebensmittel darzustellen. Eine generelle Aussage, wieviel Bier konsumiert wurde, ist kaum möglich. So gab es Regionen, in denen eher Bier getrunken wurde, während andere Regionen vom Weinbau geprägt waren. In den Obst- und Weinregionen Frankens war Bier in der Nachkriegszeit eher ein kostbares Lebensmittel, das gelegentlich beim Wirt geholt wurde. Eine Vertriebenenfamilie berichtet als Beleg dafür, wie sparsam sie gelebt habe, dass man sich am Sonntag in der vierköpfigen Familie eine Flasche Bier geteilt habe.

    In vielen historischen Kochbüchern sind Rezepte für Biersuppe enthalten, beispielsweise im „Vollständigen Nürnbergischen Kochbuch“, das 1691 in Nürnberg gedruckt wurde. Hier finden sich sechs Rezepte für Biersuppe (Nr. 52 – Nr. 57). Dieses Kochbuch rühmt sich auf der Titelseite Rezepte „nach eines jeden Beutel … so wol gemeine / als rare Speisen“ anzubieten; … in Suppen / Musen / Pasteten / Brühen …“. So sind hier auch einige Rezepte für die morgendlichen Breie (Weinmuse Nr. 1 – 9 und Biermuse Nr. 10 – 11) angeboten. Das alltägliche Mus und der Brei sind in den eher oberschichtlich orientierten gedruckten Kochbüchern sonst eher selten empfohlen. Aber auch im Vollständigen Nürnbergischen Kochbuch kommen zuerst die Rezepte mit Wein: Weinmuse und Weinsuppen (Nr. 43 – 47, 49 – 51, und weitere Suppe auf Weinbasis mit andern Geschmackszutaten). Die Rezepte für Bier- und Weinsuppe entsprechen sich von der Zubereitung. Aber Wein war seit dem 16. Jahrhundert teurer als Bier, da Wein in den meisten Regionen Deutschlands eingeführt werden musste. Von da an wurde Wein zum bevorzugten Getränk der Höfe. Dementsprechend finden sich in den Kochbüchern mehr feine Rezept mit dem höherwertigen Wein. Besondere Raffinesse entwickelt Sophie Juliane Weiler 1788 im Augsburgischen Kochbuch mit einer Wein- oder Biersuppe mit „Chocolade“. Sogar im „Nürnberger Puppen-Kochbuch“, 1896 herausgegeben von Tante Betty, das – passend zur bürgerlichen Puppenstube – in einem Miniaturformat erschien, findet sich als Nr. 127 „Warmes Bier auf andere Art“. Aus Bier und mit Bier zubereitete Speisen waren bis Anfang 20. Jahrhundert allgemein verbreitet und für alle Altersstufen üblich.

    „Milchtöpfe“ und auch der kleine Bierkrug aus Steingut trocknen auf dem Zaun vor dem Haus; Mainstockheim 1964, Foto Otto Beck im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Zwei Rezepte für Biersuppen in „Vollständiges Nürnbergisches Kochbuch“, gedruckt 1691

    Das Gelbe vom Ei – was gesund ist und nährt

    Die dank des Bieres nahrhafte Biersuppe und das Biermus führt das Nürnbergische Kochbuch von 1691 sowohl in der Rubrik „Kranken-Speisen“ als auch bei den „Fasten-Speisen“ auf. Johann Albrecht Grunauer hält in seinem Kochbuch, das 1733 in Nürnberg erschien, in Rezept Nr. 54 „eine andere weisse Bier-Suppe“ dienlich für jene, „die so mit den Husten sehr behaftet sind“. Eine Wein-Suppe (Nr. 51) empfiehlt er für „Schwindsüchtige“. Der Lehrer Leonhard Conrad schreibt 1804 in seiner „Darstellung des Dorfes Weimersheim in seinem ganzen Umfang“ unter den besonderen Bräuchen über die Kindstaufe:

    „Bei dem Kindbettschmaus kommen 20-30 Weiber zusammen und verschlecken und genießen für 12 – 16 fl. [= Gulden] Wecken. Die Gevatterin aber hat dafür zu sorgen, dass tüchtig Zucker vorhanden sei, womit man süßes Bier macht, und mit Wecken in eine große Schüssel eingebrockt, [und] austunkt. Jedes Weib schenkt aber nachher tüchtig ins Kindbett.“ (S. 174)

    In Weimersheim bei Weißenburg war das Eierbier wohl eine stärkende Speise für die Wöchnerinnen und gleichzeitig ein Festspeise für die Frauen des Dorfes.

    Viele der zu seiner Zeit gängigen Gesundheitsvorstellungen und Wertungen der verschiedenen Getränke fasst Bernhard Christoph Faust in seinem Gesundheitskatechismus zum Gebrauche in den Schulen und beim häuslichen Unterricht, gedruckt Wien 1795, zusammen. Dieses Werk war ausgesprochen populär und erschien in sechs Auflagen. Faust schreibt „Der Wein, als Arzeney, erquikt den Matten und Schwachen“ (S. 66). Wein galt ihm als besonders stärkend. Das gängige Bier toleriert er in seinem Frage-Antwort-Schema des Katechismus: „Ist das Bier ein gesundes Getränk? Dünnes, rein ausgegohrnes Bier ist für Erwachsene wohl nicht schädlich. Gutes Wasser ist aber gesünder und viel besser.“ In der Fußnote dazu: „Kinder verlieren durch Biertrinken die Lust zum Wasser, und legen den Grund zum Kaffe- Wein und Brannteweintrinken.“ (S. 65) kommt der Lehrer und Volksaufklärer durch, der zu Mäßigkeit und gesundem Lebensstil auffordert und vor teuren Genussmitteln wie Kaffee und Wein warnt. Der Branntwein war zu dieser Zeit – und erst recht dann in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts – das verbreitete Getränk, mit dem sich die einfachen Menschen betranken und auch die Droge, mit der sich viele in der Last der Arbeit betäubten. Das Bier dagegen galt den Aufklärern als der gesunde Alkohol.

    „Gesund“ wird unser Eierbier dann auch noch durch das zugegebene Eigelb – „das Gelbe vom Ei“, wie die Redewendung sagt. Denn der Dotter galt als das Wertvollste vom Ei. Eine Erklärung dafür liefert ein anderer Aufklärer, nämlich der Arzt Johann Georg Krünitz in seiner Ökonomischen Enzyklopädie, die 1773 bis 1858 erschien:

    „Was die Wirkung der Eyer und der daraus zubereiteten Speisen, in Absicht auf die Gesundheit, betrifft so läßt sich dieselbe, nach den Eigenschaften ihrer beyden wesentlichen Theile, und nach ihrer Zubereitung, leicht beurtheilen. … bey einer stärkern Hitze aber wird es dick, und endlich zu einem trocknen, zähen, unauflösbaren Klumpen. Soll das Eyweiß verdauet werden, so muß seine zähe Eigenschaft vermindert werden. Es muß, wie die Gallerte, mit Wasser verdünnet werden, sonst bleibt es als ein steinharter Körper im Magen liegen. …
    Der Eydotter hat wenigern Zusammenhang, und ist daher in einem reinen Magen leichtverdaulicher. … Es nährt ebenfalls sehr stark. … Am gesundesten sind die Eyer, je mehr man sie in ihrem natürlichen Zustande gelaßen hat, und je weniger sie durch starkes Feuer und große Hitze in ihrer milden Beschaffenheit verändert worden sind. So gehen z. E. die rohen Eyer, die Schlürfeyer, die Stippeyer, die dotterweichen Eyer, die gefällten und endlich die gedämpften Eyer, wenig oder gar nicht von ihrer ursprünglichen natürlichen Beschaffenheit ab, und sind eine leichtverdauliche, sehr nahrhafte und überaus gesunde Speise. Sie ersetzen die verlornen Kräfte sehr geschwind bey Entkräfteten und Wiedergeneseten; sie sind die schicklichste Nahrung für Schwindsüchtige, für Kranke, die kein Fieber haben, und für alle diejenigen, die einen schwachen Magen haben, …
    Indessen ist doch auch denen, die sich eines reinen Magens zu erfreuen haben, die Behutsamkeit anzurathen, daß sie nicht auf einmahl zuviel Eyer essen, … Vielleicht hat dieses vor Zeiten die Salernitanische Schule bewogen, den Rath zu ertheilen, daß man zu jedem Ey ein Glas Wein trinken soll.“ (Stichwort Ey in Bd. 11)

    Krünitz schließt hier nach dem Ähnlichkeitsprinzip, dass flüssiges Eigelb den flüssigen Körpersäften entspricht und deshalb gesünder sei als Eigelb. Das Rezept der Weinsuppe mit Ei übersetzt seine Gesundheitsregeln perfekt in die Kochpraxis. Aber auch das Eierbier, in dem die Eier nur legiert und nicht gekocht werden, ergibt nach Krünitz´ Vorstellungen „eine leichtverdauliche, sehr nahrhafte und überaus gesunde Speise“. Viel von dieser Einschätzung der Eier hat sich bis heute gehalten. In der Kochlehre des Bayerischen Kochbuches z.B. heißt es noch in jüngsten Auflagen „Das Eigelb ist wertvoller als das Eiklar, in legierter Form sehr leicht verdaulich.“ (S. 321)

    Im Internet wird Eierbier noch heute vereinzelt als Hausmittel bei Erkältungen empfohlen. Dabei ist zu beachten, was auch schon Krünitz beschreibt, dass roh verzehrte Eier unbedingt frisch sein sollten. Sonst besteht die Gefahr sich mit Salmonellen zu infizieren. Heutige Gesundheitsexperten warnen allerdings davor, bei Fieber Alkohol in größerer Menge zu trinken, weil er das Immunsystem belastet. Hopfen dagegen wirkt beruhigend und fördert den Schlaf. Ingwer und Honig finden sich auch weiterhin in vielen neueren Erkältungsmitteln. So wird das Eierbier – in Maßen und gelegentlich getrunken – nicht schaden.

    Umwertungen – ein Getränk unter verschiedenen Vorzeichen

    Rezepte für Eierbier findet sich noch in ganz anderen Zusammenhängen unter anderen Namen. Im Maggi-Kochbuch aus den Dreißigerjahren ist ein Rezept eingeordnet in die Rubrik „Erfrischungsgetränke“ und verwendet das als besonders nahrhaft geltende Malzbier. Im Bayerischen Kochbuch begegnet uns das Eierbier auch in der Rubrik „Flips“. Unter diesem Namen, der vom englischen „to flip“ (aufschlagen) kommt, waren in den Siebzigerjahren Mixgetränke aus Alkohol, Ei und Sahne modern. Die CocktailsWorld (https://www.cocktailsworld.net) erklärt, dass das Ei aufgeschlagen eine schöne Schaumkrone ergibt. Außerdem werde der Drink dadurch weicher und der Alkohol somit geschmacklich entschärft. Und mit dem Ei komme Umami als zusätzliche Geschmackskomponente hinzu. Deshalb sind Eier in Cocktails nach wie vor modern. In England und Amerika sind solche Getränke unter dem Namen „Eggnogs“ seit dem 19. Jahrhundert ein traditionelles Getränk für Weihnachten und Neujahr. Das sind alkoholische Getränke mit Ei, Zucker und Milch oder Sahne. Ursprünglich wurden sie im Winter warm getrunken; inzwischen gibt es Eggnogs als alkoholische Fertigprodukte, die auch kalt getrunken werden, das ganze Jahr über. So wurde und wird die traditionelle Rezeptur des warmen Alkohols mit Ei und Milch über die Zeit unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen getrunken: als Reste-Essen, Nährbier, als stärkendes Getränk, Krankenkost, Fastenspeise, als traditioneller Weihnachtsdrink, oder als Flip und heute als Cocktail.

    Eierbier

    Eierbier, Foto Margarete Meggle-Freund

    Oma Käthe Lenharts Rezept für das Eierbier ist wunderbar schlicht und damit alltagstauglich: Bier und Milch auf kleiner Stufe erwärmen. Dann von der Platte nehmen und vorsichtig das Ei unterrühren und viel Zucker und Zimt zugeben. Damit es noch besser gegen Erkältungen hilft, ersetze ich den Zucker durch Honig und würze mit Ingwersaft. Das Aufschlagen von Sahne und Ei mit dem elektrischen Handmixer ergibt einen stabilen, dekorativen Schaum.

    Für das Foto hat mir eine Nachbarin einen kleinen Glaskrug geliehen. Sie bekam ihn Ende der Siebzigerjahre als rustikales Geschenk vom Gasthof Gockel, in dem sie geheiratet hatte. Das Glas war so schlicht, dass der gute Krug für den Gebrauch zum Trinken geeignet war, und doch so edel glänzend, dass er auch für die Vitrine zur Dekoration dienen konnte und so den Hochzeitsgasthof über die Jahre in Erinnerung hielt. In Franken heißt ein solcher Krug von einem halben Liter Volumen „Seidel“. Ein „Seidla“ ist im fränkischen Raum die gängige Einheit des Bierausschanks. Und die Katze der Wirtsleute der Wirtschaft am Kommunbrauhaus im Fränkischen Freilandmuseum wird auch „Seidla“ gerufen.

    1 Liter ergibt: 500 ml helles Bier, 150 ml Schlagsahne, 350 ml Wasser, 3 Eigelb, 1 gehäufter Esslöffel Honig (z. B. der aus dem Fränkischen Freilandmuseum) oder 50g Zucker, 2 Esslöffel Ingwersaftkonzentrat (z.B. „Bens`s Ginger oder „Inge“ oder „Pure Ginger“), gemahlener Zimt

    Die Eidotter werden mit Honig und Sahne mit dem Handmixer aufgeschlagen und nach und nach wird die Milch dazu gegeben. Währenddessen wird das Bier vorsichtig erwärmt und die Sahne-Eimasse legiert. Das Getränk darf nicht kochen, sonst flockt das Ei und der gesundheitliche Wert des Honigs geht verloren. Zur Abrundung einen Schuss Ingwersaft zugeben. Oben auf den Schaum etwas gemahlenen Zimt streuen.

    Wohl bekomm’s! Prosit auf die Gesundheit!

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Im Freilandmuseum geht`s um die Wurst

    Die Bratwürste des Bad Windsheimer Metzgers Ernst Seemann haben den Ruf, die besten der ganzen Stadt zu sein. Ende Januar 2021 gibt der Metzgermeister seinen Traditionsbetrieb auf, womit in der Betriebsstätte in der Seegasse eine Handwerkstradition endet, die bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. Uns verrät Metzger Seemann sein historisches Bratwurstrezept und wir verarbeiten die leckeren Bratwürste zu einer modernen Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel.

    Gute Fränkische Bratwürste an einem schönen Ort zu verspeisen ist ein guter Grund für einen Ausflug ins Fränkische Freilandmuseum. Dort kann man viel über die verschiedenen traditionellen Zubereitungsarten des fränkischen Traditionsgerichts erfahren.

    Frische Würste bei der Hausschlachtung

    Das stattliche Bauernhaus aus Reichersdorf in der Baugruppe Altmühlfranken sticht im Freilandmuseum durch seinen prächtigen großen Stall hervor. Er ist mit einem gemauerten „Böhmischen Gewölbe“ versehen. Sicher gab es im Reichersdorfer Hof auch Hausschlachtungen. Metzger Ernst Seemann erzählt im Interview, dass sein Vater und Großvater bis in die 1960er Jahre keinen richtig großen Betrieb in der Stadt hatten. Vielmehr gingen sie zu Bauern auf das Land, um dort zu schlachten. Die klassischen Hausschlachtungen – so berichtet er – ergaben neben dem Fleisch nur ein begrenztes Sortiment an Wurstwaren: Blut- und Leberwürste, Presssack und grobe Bratwürste. Wenn das Fleisch noch schlachtwarm verarbeitet wird, besitzt es eine natürliche Bindungskraft, welche die Wurst zusammenhält. Deswegen musste schnell gearbeitet werden.

    In der Sammlung des Freilandmuseums findet sich ein Doppelwiegemesser, wie es seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlich war. Mit solch einem Gerät konnte der Metzger Fleisch schonend zerkleinern. Auch kleinere mechanische Fleischwölfe zum Drehen, wie sie in Haushalten verwendet wurden, finden sich einige in der Museumssammlung. Im Stadelteil des Seldenhauses aus Obermässing im Freilandmuseum kann man sich in einer kleinen Ausstellung über die ländliche Hausmetzgerei informieren. Die Umstände der Hausschlachtung legten eher einfache Rezepte aus nur grob zerkleinertem Fleisch nahe. Metzger Seemann berichtet, dass erst mit der Einführung des elektrischen Kutters in den 1930er Jahren, mit dem das Fleisch ganz fein gewolft werden konnte, die Vielzahl fränkischen Wurstwaren aufkamen.

    Wurstfüllmaschine 1. Hälfte 20. Jahrhundert, 08_765 in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, Foto Monika Runge

    Bauernhaus aus Reichersdorf im Fränkischen Freilichtmuseum, Foto Ute Rauschenbach

    Doppelwiegemesser zum Zerkleinern von Fleisch, Metzgerwerkzeug aus dem 20. Jahrhundert, B_1973 in der Sammlung Otto und Elsa Beck im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Monika Runge

    Haushaltsüblicher Fleischwolf 1. Hälfte 20. Jahrhundert in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, 08_723 in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums, Foto Norman Schärfenberg

    Wie wurde die Bratwurst zum fränkischen Nationalgericht?

    Würste sind ein elementare Zubereitungsart von Fleisch. Zerkleinertes Fleisch wird mit Gewürzen in Därme gefüllt. In dieser handlichen Form kann es leicht weiter zubereitet werden. Schon im ältesten erhaltenen römischen Kochbuch “De re coquinaria II.4” (Über die Kochkunst) von Apicius findet sich ein Rezept für geräucherte Würste aus Schweinefleisch. Der früheste archivalische Nachweis des Wortes „Bratwurst“ in Franken dürfte im ältesten Stadtbuch von Ansbach (1388-1467) zu finden sein. Im Jahr 1430 heißt es darin, „drei prot wurst sollen ein pfunt wegen“ (im Staatsarchiv Nürnberg, Bd. 1, S. 4015-1, fol. 92 zitiert nach Reddig, S.252). Auf Bildern finden sich seit dieser Zeit immer wieder Bratwürste. Bei Festlichkeiten präsentierten die Metzger besonders lange Würste. Bei volkstümlichen Wettbewerben dienten Würste auch gerne als Preise. Darauf geht die Redewendung „es geht um die Wurst“ zurück. In den höfischen Kochbüchern finden sich allerdings kaum Rezepte für Bratwurst. Die Bratwurst gehörte eher zu den Speisen der Landbevölkerung. Sie war fester Bestandteil beim bäuerlichen Hochzeitsmahl. Der Physikatsbericht für das Landgericht Erlangen berichtet um die Mitte des 19. Jahrhunderts, dass wohlhabende Bauern zu Anfang des Winters ein Rind und vier bis fünf Schweine schlachten. „Geringere Leute“ – so der Physikatsbericht – schlachten wenigstens ein Schwein (zitiert nach Loos, S. 528). Das Fleisch wurde dann durch Räuchern und Einsalzen haltbar gemacht. Dagegen waren frisch zubereitete Fleischprodukte wie beispielsweise Würste etwas Besonders und wurden „vom Landmann als Luxus- und Krankenspeise betrachtet“ (Redding S. 258).

    Erst seit Ausgang des 18. Jahrhunderts – mit dem erwachenden Interesse für eine deutsch-nationale Vergangenheit – entdeckten gehobenere Schichten den Reiz der einfacheren, volkstümlichen Lebensart. So erfuhren ländliche Gerichte eine Aufwertung und Stilisierung als Nationalspeisen. Wie es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur Aufwertung der Fränkischen Bratwurst als regionaler Spezialität kam, ist eine offene Frage. Sophie Weiler führt in ihrem Augsburgischen Kochbuch von 1787 als Rezept Nr. 808 in der Rubrik „Noch etwas zur Haushaltung“ am Ende ihres Buchs „Schweinene Bratwürste“ auf. Ihr historisches Rezept unterscheidet sich von dem heutigen Rezept von Metzger Ernst Seemann nur darin, dass Sophie Weiler neben Salz, Pfeffer und Majoran als Gewürze Coriander und Ingwer empfiehlt, statt Piment und Muskatnuss, die Seemann verwendet. So groß sind die regionalen Unterschiede wohl nicht.

    Metzger Seemann nimmt die Konfession als Etikett für regionale Unterschiede: Die Bratwürste aus Unterfranken – der Region um Würzburg – würden „katholisch“ genannt. Sie enthalten – so Seemann – einen höheren Feinbrätanteil, eventuell auch Ei zum Binden und seien mitunter vorgebrüht. Damit können sie eine hellere Farbe haben. Im evangelisch geprägten Mittelfranken komme dagegen nur grob gewolftes Fleisch in die Bratwurst. Ist die einfachere Bratwurst also etwa Ausdruck einer bescheideneren Lebenshaltung der Protestanten? Wie auch immer: Metzgermeister Seemann ist überzeugt, „die besten Bratwürste gibt es in Frankens gemütlicher Ecke um Neustadt Aisch und Bad Windsheim.“ Solche Geschichten und Zuschreibungen machen aus einem einfachen Gericht eine lokale Spezialität.

    Die Lebenserfahrung der Verfasserin jedenfalls bestätigt: in Mittelfranken gibt es besonders gute Bratwürste. Es ist eine Region, in der Getreide – als hochwertiges Mastfutter – wächst und viele Bauern Vieh halten. Das Metzgerhandwerk ist hier kleinteilig strukturiert. Im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns und Deutschlands schlachten in Mittelfranken noch viele Betriebe selbst. In den kleineren Betrieben und Schlachthöfen bekommen die Tiere vor dem Schlachten insgesamt mehr Ruhe, als in Großschlachthöfen. Zwischen den Bauern als regionalen Lieferanten und den Metzgern zu den Endverbrauchern sind die Wege kurz. Es bestehen Vertrauensbeziehungen, die sich positiv auf die Qualität auswirken.

    Heute gelten vor allem die Gewürzmischung und der sogenannte Bändeldarm als Kennzeichen der mittelfränkischen groben Bratwurst. Das rohe nur grob gewolfte Fleisch kommt in den Bändeldarm, einen gespaltenen, besonders zarten Schweinedarm. Seine Fettschicht gibt beim Braten Aroma ab und macht die Würste saftig. Charakteristisch ist die seitliche Bändelnaht.

    Hochzeitsspeisen Ende der 1940er-Jahre im Raum Ochsenfurt: rote Äpfel, Kaffee, Meerrettich, Wein, Torte und, vorne in der Mitte, Bratwürste wohl mit Kraut, Foto Adam Menth im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Fresko mit Bratwürsten im Haus aus Matting aus der Zeit 1580-1600, Foto Ute Rauschenbach

    Fahrende Habe, Holzschnitt von Hans Paur, Der Hund mit den Bratwürsten rechts unten könnte ein Vorbild für das Fresko im Haus aus Matting sein.um 1475

    „gesotten und gebraten, sie müssen all herein“

    „Gesotten und gebraten, sie müssen all herein“ – heißt es im Mozartkanon (KV 560b) „Oh du eselhafter Martin“ zur Zubereitung der Gänse. Für die Bratwürste gilt dies gleichermaßen. So wie sich das Rezept der groben Bratwurst mit den einfachen Möglichkeiten der Hausschlachtung entwickelt hat, entsprechen die Zubereitungsarten der Bratwurst den historischen Kochtechniken.

    Bratwürste aufgehängt zum Räuchern im offenen Schlot der Rauchküche in der Mühle aus Unterschlauersbach, Foto Werner Müller

    Herd mit offenem Feuer in der Mühle aus Unterschlauersbach im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Werner Müller

    In den Biergärten des Freilandmuseums gibt es auf dem Rost über dem offenen Feuer gebratene Würste. In Thüringen heißen die Bratwürste danach „Roster“. In der Küche der Mühle aus Unterschlauersbach brennt auf dem gemauerten Herd ein offenes Feuer. Darüber kann der Bratwurstrost stehen oder auch eine Pfanne mit Fett, in der die Bratwürste langsam gebraten werden. Damit der Rauch des offenen Feuers abziehen kann, hatten die alten Rauchküchen über dem Herd einen offenen Schlot. In diesen Schlot wurden Fleisch und Würste in den Rauch gehängt und so haltbar gemacht. In Südtirol heißen solche Würste demnach „Kaminwurzen“. Räuchern war neben Pökeln eine der wenigen Konservierungsmöglichkeiten von Fleisch in Zeiten vor Erfindung des Kühlschranks. Für viele Museumsbesucher entspricht der Ausblick in den rauchgeschwärzten mit Würsten behängten Schlot der Mühle aus Unterschlauersbach einer Vorstellung von Schlaraffenland. Die auf diese Weise geräucherten Würste werden heute meist kalt zur Brotzeit gegessen.

    Im Bauernhof aus Reichersdorf ist die Rauchkuchl mit einem Gewölbe aus der Zeit um 1700 Ende des 19. Jahrhunderts modernisiert worden. Das Herdfeuer brennt nun in einem geschlossenen Sparherd. Das ist energiesparender und weniger rußig als ein offenes Herdefeuer. Aber auch das Ofenrohr des Sparherdes endet einfach und entlässt den Rauch in den offenen Schlot. Auf dem Herd im Topf wurden Würste im essigsauren Sud mit Zwiebeln, Gewürzen und Wurzelgemüse als „Saure Zipfel“ gesotten.

    Von der Küche aus wird nicht nur der angebaute Backofen beheizt, dessen Ofenloch in der Bildmitte zu sehen ist, sondern als „Hinterlader“ auch der Kachelofen der benachbarten Stube befeuert. Im Ofenfeuer wurden in dem im Bauernhaus aus Reichersdorf dargestellten Zustand Ende des 19. Jahrhunderts nur noch die Kartoffeln für die Schweine und das Sauerkraut gekocht, weil diese rundum besonders viel Hitze benötigten. Die rußgeschwärzten Töpfe wurden mit einer Ofengabel ins offene Herdfeuer geschoben. Im Sauerkraut konnte man auch die Würste erwärmen. Davon kommt die Redensart „jemandem eine hölzerne Wurst auf‘s Kraut legen“, was so viel bedeutet, wie „ihn prügeln“.

    Die Hitze des Stubenofens wurde auch zum rauchfreien Kochen genutzt. Der Kachelofen in der Stube hat eine Nische, die sogenannte „Röhre“, in der Schmorgerichte zubereitet werden konnten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagert sich das Kochen zunehmend weg vom offenen Feuer hin zum geschlossenen Sparherd und zum Kochen bzw. Schmoren in der Röhre. Unsere Bratwurstpfanne mit Äpfeln und Zwiebeln ließe sich gut in dem Stubenofen des Bauernhauses aus Reichersdorf zubereiten. In der Küche des Bauernhauses hängt links am Bord eine Reine aus braunem Emaille, die sich dafür hervorragend eignen würde.

    Küche im Bauernhaus aus Reichersdorf mit Sparherd und Backofen, Foto Ute Rauschenbach

    Stube im Bauernhaus aus Reichersdorf mit Ofen. In der Röhre des Stubenofens konnten Speisen geschmort werden, Foto Simon Kotter

    Mittelfränkische grobe Bratwürste

    Mit Aufgabe seines Betriebs Ende Januar 2021 offenbart Metzgermeister Ernst Seemann uns hier das Rezept für seine beliebten groben Bratwürste, wie er es von seinem Vater gelernt hat.

    Bratwurstmasse aus 1 kg Fleisch: 667g (=2/3) mageres Schweinefleisch (Schulter oder Schlegel), 333 (=1/3) Speck (Rücken oder Bauch), 16 g Speisesalz für rohe Bratwürste oder 20g für geräucherte Bratwürste, 3 g Majoran, 3 g weißer Pfeffer, 3 g Piment, 2 g gemahlene Muskatnuss, Bändeldarm für rohe Bratwürste oder Dünndarm für geräucherte Würste.

    Das in Stücke geschnittene Fleisch wird gut mit den Gewürzen vermischt, dann im Fleischwolf grob zerkleinert. Nun wird die Masse nochmals gut gemischt und mit nur locker in die Bändeldärme gefüllt, damit die Würste später nicht aufplatzen. Für das Ergebnis spielt die Qualität des Fleisches eine wichtige Rolle. Metzger Seemann verwendet nur die höchste Güteklasse.

    Mittelfränkische Bratwürste von Metzger Ernst Seemann mit der seitlichen Bändelnaht, Foto Margarete Meggle-Freund

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel

    Bratwurstpfanne mit Apfel und Zwiebel, Foto Margarete Meggle-Freund

    Und wenn Metzgermeister Ernst Seemann uns hier schon sein traditionsreiches Rezept für seine groben Bratwürste verrät, zeige ich hier eine moderne Alternative zur einfachen historischen Zubereitung der Bratwürste in Kraut, bei der die Bratwürste heute zusammen mit Gemüse in einer Bratwurstpfanne gegart werden. Die würzigen und saftigen fränkischen Bratwürste geben Aroma und Fett ab. Mit süßsäuerlichen Äpfeln und roten Zwiebeln ergibt das eine köstliche Geschmacksmelange. Selbst meine vegetarischen Freunde lassen sich das so aromatisierte Gemüse nicht auskommen. Auf dem Foto wird die Bratwurstpfanne serviert mit einer Gabel mit hölzernem Griff aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Gabel hat – wie eine Kuchengabel – drei Zinken, die aber derart spitz sind, dass man sich beim Essen damit in Gefahr bringen würde. Als Fleischgabel eignet sie sich hervorragend.

    4 Portionen ergeben: 500 g festkochende Kartoffeln, 4 rote Zwiebeln, 4 säuerliche Äpfel, 4 Zweige frischer Thymian, 2 Stiele frischer Rosmarin, 8 grobe Bratwürste, 4 Zehen Knoblauch, ca. 5 El Öl, Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle.
    Als Beilage: 250 g grüne Linsen, Salz, 2 Lorbeerblätter, 100g Wurzelgemüse
    Als Dekor: Zitronenscheiben, Zweiglein frischer Thymian, nach Geschmack Sahnemeerrettich.

    Eine Auflaufform, Reine oder einen Bräter einfetten. Die Kartoffeln schälen und in Spalten schneiden, oder man verwendet kleine Kartoffeln. Die Zwiebeln schälen und ebenfalls in Spalten schneiden. Die Äpfel schälen, entkernen und vierteln. Zusammen mit den Kräutern in die Form geben, salzen und pfeffern und mit etwas Öl beträufeln.
    Bei 180 Grad im Backrohr etwa 40 Minuten backen. Wenn die Bratwürste oben liegen werden sie mit der Zeit braun und schmecken so ähnlich wie gebraten. Dabei sollte man aber aufpassen, dass die oberste Schicht nicht anbrennt. Dazu entweder zwischendurch die Zutaten wenden oder – sobald die Würste leicht braun sind – die Form mit Deckel oder Alufolie abdecken. Wenn man möchte, kann man auch etwas Gemüsebrühe angießen.

    In der Zwischenzeit die Linsen waschen. In etwas Fett das kleingeschnittene Wurzelgemüse anbraten, dann die Linsen, Lorbeerblatt, Salz und reichlich Wasser dazugeben. Kräftig aufkochen lassen und die Hitze reduzieren und etwa 20 Minuten nur sanft köcheln lassen. Zum Servieren das Wasser abgießen. Mit Zweiglein frischen Thymians und Zitronenscheiben garnieren.

    Wenn sie schon fertig gebraten ist kann die Bratwurstpfanne gut noch etwa eine Viertelstunde in der Nachwärme des ausgeschalteten Backrohrs nachziehen. Auch die Linsen kann man – wenn man sie nicht zu weichgekocht hat – energiesparend nachquellen lassen. So ist dieses Gericht besonders geeignet, um es in aller Ruhe Gästen aufzutischen.

    Falls etwa übrigbleiben sollte: Wird dieses Gericht nochmals aufgewärmt wird, so wird es noch besser, denn es hat dann noch mehr Zeit zum Durchziehen. Dann empfiehlt es sich allerdings, die Pfanne mit Gemüsebrühe aufzugießen, damit es nicht zu sehr anbrennt.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Weihnachtsbrezlein – Brezen als Handwerkszeichen und Stolz häuslicher Zuckerbäckerei

    Weihnachtsbrezlein

    Brezen als Handwerkszeichen und Stolz häuslicher Zuckerbäckerei

    Im Amtshaus aus Obernbreit am Marktplatz des Museumsdorfes hängt am Fenster der Backstube eine Breze. Damit tun die Bäcker des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirk Mittelfranken kund: Hier wird gebacken; hier gibt es frische Backwaren! Beim Backofenfest oder zu anderen Festen wird der Ofen in Betrieb genommen. Brezen sind eines der ältesten festlichen Formgebäcke auch zur Weihnachtszeit – und wurden so zum Zeichen des Bäckerhandwerks.

    Amtmann und Gemeindebeck

    1554 ließ sich Anton Conrad, Bauer und Mayster (Bäckermeister) dieses prächtige Haus mit seinem massiven gemauerten Untergeschoß mit der großen Tordurchfahrt und der ungewöhnlichen aufgemalten Diamantquaderung erbauen. Das Obergeschoß mit Ziergiebel und Renaissancevertäfelung in der Stube ist etwas jünger. Dieses Haus war landwirtschaftlicher Hof, mit einem Weinkeller, aber auch Amtshaus des Schultheißen mit Backstube. Im Dorf Obernbreit nahe Marktbreit herrschten komplizierte Machtverhältnisse. In Obernbreit gab es bis zu vier Grundherren. Jeder Grundherr hatte einen Schultheiß mit einem eigenen Amtshaus, der vor Ort die Herrschaft vertrat.– jeweils. Zu den Aufgaben eines Amtmannes gehörte in Ausübung seiner obrigkeitlichen Rechte auch das Amt des „Heimbecken“ (des Gemeindebäckers).

    Der Museumsarchivar, Ralf Rossmeissl, hat im Gemeindearchiv von Obernbreit einen „Haimbecken Ayd“ von 1561 gefunden:

    „ein Haimbeck soll dem Burgmaystern geloben, unnd …zue Gott den Almechtigen schwören …
    das er guts gerechts brod, unnd kaufmans gud backen wöll,
    unnd soll ein Laib aufgebackens brods zehen pfunde wol weg,
    unnd soll ein gantze gemein Arm und Reich bey gemeltem Becken Backn, …
    und soll ein ieglicher Haimbeck das Aygenfeuer mit iii . . glud verburgn.
    Soll auch einer iedem zue einem achtl Back melbs vier pfunde: und zu zwaien metzn zway pfund guts hefyl daichs geben, …
    auch dem herd im gemeins backofen, uff sein Cost, so offen ers bedurffen wuerd, schlohen machen und bestreichen lassen. …
    hinfuhro die 2 lezten Weiber, so den Teig Ins Beckenhauß bringen, bey denselben bleiben sollen, biß …. die Laib In Offen eingeschossen (Saalbuch Gemeinde Obernbreit im Gemeindearchiv folio 12b, 13)“

    Das „gerechte Brot“ ist eine Angelegenheit der Obrigkeit – gelobt vor Gott. Der Gemeidebäcker soll für alle – für Arme und für Reiche – backen. Er sichert eine Grundversorgung. Zu ihm kommen auch die „Weiber“, die backen lassen. So gab es eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Die Bäckerhandwerker waren Männer. Die häusliche Backarbeit war wohl Frauensache. Eine wichtige Aufgabe des Bäckers ist im dicht bebauten Obernbreit auch der Brandschutz. Der Bäcker muss den Ofen warten und die Glut hüten. Auch sein Sortiment ist im Eid genannt: ein Laib zu 10 Pfund, eine Achtel Back zu 4 Pfund und 2 Pfund guter Hefenteig. Der Gemeindebäcker soll vor allem Brot in verschiedenen Größen backen. Noch heute betrachten fränkische Traditionsbäcker den Zehnpfünder-Brotlaib als Statement.

    Amtshaus aus Obernbreit mit Backstube im Erdgeschoß im Fränkischen Freilichtmuseum, Foto Frank Boxler

    Hier gibt es frische Backwaren! Als Zeichen dafür hängt eine Brezel am Backstubenfenster, Foto Margarete Meggle-Freund

    Brezen als Handwerkszeichen der Bäcker

    Am Amtshaus aus Obernbreit, das im Freilandmuseum wiederaufgebaut wurde, hat sich leider kein Bäckerzeichen erhalten. Aber im Bildarchiv des Museums finden sich zwei Fotografien von Bäckerzeichen aus Obernbreit aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das Bäckerzeichen aus dem 18. Jahrhundert ist vom Fürstenhut des Markgrafen von Ansbach bekrönt. Beide Bäckerzeichen zeigen neben Doppelweck und Brotlaib vor allem dekorative Brezen. Auch ein sehr archaisch anmutender Backtrog, der im Museumshaus aus Höfstetten aufgestellt ist, ist mit Doppelweck, Breze und Brotlaib in Reliefschnitzerei verziert. Schon seit dem Mittelalter wird die Breze als Bäcker- und Zunft-Zeichen eingesetzt.

    Bäckerzeichen mit Breze, Doppelweck und Brotlaib aus Obernbreit, 1846, Foto Karl Sigismund Kramer 1957 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Bäckerzeichen mit Breze und Doppelweck aus Obernbreit, 18. Jahrhundert, Foto Karl Sigismund Kramer 1957 im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Fastenbrezen und Neujahrsbrezen – Brezen für besondere Anlässe

    Neben dem Brotgeschäft waren Brezen Produkte der Bäcker für besondere Anlässe. Der Name Breze geht auf das lateinisch brachium („der Arm“; für das Aussehen von verschränkten Armen) zurück. Brezen wurden zu besonderen Anlässen gebacken. Belegt sind in Oberfranken, aber auch in Schwaben oder Österreich sogenannte „Fastenbrezen“. Bei Fastenbrezen wird auf Butter und Eier verzichtet; oft sind sie mit Anis gewürzt. Im Mittelfranken oder z. B. auch in Lohr am Main verkaufen die Bäcker am Jahresanfang große, süße Hefeteigbrezen als Neujahrsbrezen. Das waren klassisch Geschenke der Paten an ihre Patenkinder. Aber auch Nikolaus- oder Weihnachtsbrezen sind belegt. In Oberösterreich hängen Brezen mitunter am Christbaum.

    Kind mit Neujahrsbreze oder -kringel vor Christbaum in Aub, Foto Adam Menth 1940er im Bildarchiv des Fränkischen Freilandmuseums

    Brezelrezepte in der häuslichen Bäckerei

    Auch in der häuslichen Bäckerei finden sich Brezen. Brezen als kleinere Feingebäcke finden sich seit dem 16. Jahrhundert in Kochbüchern. Max Rumpolt gibt in seinem 1581 gedruckten „New Kochbuch“ in der Rubrik „Von allerley Gebackens“ dieses Rezept für Anisbrezlein:

    „55. Nimb ein schönes Mehl lauter Eyerdotter und ein wenig Wein, Zucker und Aniß, mach ein Teig damit an, walg jn fein länglicht und rundt, mit saubern Händen und mach kleine Bretzel darauß, scheubs in ein warmen Ofen und backs, daß du es nit verbrennest, sondern fein außtrucknet, so werden sie auch mürb und gut. Du magst auch Zimmet darvnter nemmen oder nicht. Und man nennet es Precedella.“

    Man könnte sich vorstellen, dass die Frau Amtmännin mit ihrem nahen Zugang zu einem professionellen Backofen zu besonderen Anlässen solche Anisbrezen gebacken hat. Sie hatte ja auch eigenen Wein im Keller.

    Der Teig ist erstaunlich elastisch und lässt sich ohne Ruhezeit formen. Er erinnert an Gebäcke, die es heute in Süditalien (Ciambelline, Taralli) oder Spanien (Tortas de Aceite) gibt. Mit ihrer nur leichten Süße passen diese Anisbrezlein hervorragend zu Wein. Die südländischen Rezepte enthalten meist etwas Olivenöl, das im 16. Jahrhundert wohl noch nicht so leicht verfügbar war, aber das Aroma noch steigert.

    Das „Vollständige Nürnbergische Koch-Buch“, 1691 in Nürnberg erschienen, das auch Rezepte aus nicht professionellen Küchen aufführt, nennt in der Rubrik „Zucker- oder Quitten-Werk“ Grengeln (Kringel) oder Bretzeln, die mit grobem Zucker bestreut werden.

    Ebenfalls mürbe Brezeln mit grobem Zucker bestreut als „Nr. 373 Brezel (sehr gut)“ finden sich im handgeschriebenen Kochbuch von Käthchen Brehm, das diese 1899 an der Nürnberger Frauen-Arbeits- und Kochschule angelegt hat und das heute in der Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums aufbewahrt wird. Das originale Rezept ist für alle, die es gern süß mögen. Leicht modernisiert mit weniger Zucker, gröberem Dinkelmehl und mehr Butter ist das Rezept auch 2020 noch aktuell.

    Die historischen Brezlein serviere ich mit einer Backschaufel aus den 1930er Jahren. Mit den Einkerbungen am Stiel hat sie noch die Form, wie sie die Kleineisenindustrie im 19. Jahrhundert produzierte, ist aber schon aus dem damals neuen, nicht rostenden Spezialstahl „Cromargan“ hergestellt.

    Hölzerner Backtrog, wohl 17(?)58, aufgestellt im Bauernhaus aus Höfstetten im Fränkischen Freilandmuseum, vorne sind neben einem Monogramm und Jahreszahl die Produkte des Bäckers Doppelweck, Breze und Brotlaib im Relief geschnitzt.

    Anisbrezlein nach Max Rumpolt, 1581:

    Zuckerbrezlein (Rezept der Nürnberger Frauenkochschule, 1899):

    Zimtbrezlein (Variante der Zuckerbrezen mit Ökotouch, 2020):

    Weihnachtsbrezlein als Anisbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für ein großes Blech benötigt man 200g Mehl, 40g Zucker, 3 Eidotter, 6 Esslöffel Weißwein, 1 Teelöffel ganzer Anis,
    Dekor: 1 Eigelb zum Bestreichen und 1Tel ganzer Anis

    Alle Zutaten zu einem geschmeidigen Teig verkneten, Brezen formen, bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Weihnachtsbrezlein als Zuckerbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für je 3 Backbleche benötigt man 500g Mehl, 200g Zucker, 100g kalte Butter, 2 Eier, 4 – 6 Esslöffel Milch, 1 Vanillezucker,
    Dekor: Eigelb zum Bestreichen und Hagelzucker

    Alle Zutaten zu einem glatten Mürbteig verkneten. Der Teig muss sich von der Schüssel lösen; sonst noch Mehl zugeben. Den Teig zu einer kühlschrankbreiten Rolle formen und in Backpapier eingewickelt im Kühlschrank mehrere Stunden oder über Nacht kaltstellen.

    Von der Teigrolle gleichgroße Scheiben abschneiden, damit die Brezen etwas gleich groß werden. Diese zu bleistiftdicken Rollen formen und einfache Brezen legen. Mit Eigelb oder Kaffeesahne bestreichen und in Hagelzucker oder gehackte Haselnüsse tauchen. Bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Wenn man die Brezlein einige Tage in einer Blechdose an einem kühlen Ort aufbewahrt, können sie noch Luftfeuchtigkeit aufnehmen und werden mürber.

    Weihnachtsbrezlein als Zimtbrezlein, Foto Margarete Meggle-Freund

    Teig: für je 3 Backbleche benötigt man 500g Dinkelmehl (1060er), 240g kalte Butter, 2 Eier, 80g Mascobadovollrohr-Zucker, 1 Prise Salz, 1 Vanillezucker, 1 Teelöffel gemahlener Zimt,
    Dekor: Kaffeesahne zum Bestreichen und gehackte Haselnüsse

    Alle Zutaten zu einem glatten Mürbteig verkneten. Der Teig muss sich von der Schüssel lösen; sonst noch Mehl zugeben. Den Teig zu einer kühlschrankbreiten Rolle formen und in Backpapier eingewickelt im Kühlschrank mehrere Stunden oder über Nacht kaltstellen.

    Von der Teigrolle gleichgroße Scheiben abschneiden, damit die Brezen etwas gleich groß werden. Diese zu bleistiftdicken Rollen formen und einfache Brezen legen. Mit Eigelb oder Kaffeesahne bestreichen und in Hagelzucker oder gehackte Haselnüsse tauchen. Bei 150 Grad etwa 25 Minuten backen.

    Wenn man die Brezlein einige Tage in einer Blechdose an einem kühlen Ort aufbewahrt, können sie noch Luftfeuchtigkeit aufnehmen und werden mürber.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Streuobst-Crumble

    Streuobst-Crumble

    Eine kleine Apfelmeditation

    Im Spätsommer, wenn es auf meinem Heimweg aus der Museumsverwaltung etwas stärker regnet oder stürmt, kann es auf dem Parkplatz des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirks Mittelfranken schon einmal Äpfel regnen. Der Besucherparkplatz ist gleichzeitig als eine große Streuobstwiese angelegt. Hier gedeihen zahlreiche alte Apfel- und Zwetschgensorten. Im Frühjahr zur Zeit der Apfelblüte könnte man einen Blütenrausch in weiß und rosa bekommen. Hier – und sicher auch an vielen anderen Orten Frankens – fallen einem die Äpfel vor die Füße. Und so mancher Baum am Straßenrand verdient, dass seine Früchte geschätzt werden. Beim Markt der Genüsse am zweiten Oktoberwochenende und in den zwei Wochen danach baut der Gärtner des Fränkischen Freilandmuseums in normalen Jahren im Bauernhaus aus Unterlindelbach eine Obstsortenausstellung auf, die die Vielfalt der im Museum gepflegten alten Obstsorten des jeweiligen Jahres präsentiert. Das ist eine besondere Ausstellung im Museum, da sie nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch noch besonders gut riecht.

    Apfelentdeckungen

    Im Juli beginnt die Apfelentdeckungszeit. Die ersten Falläpfel vom Sturm heruntergeweht – sind noch zu sauer, um sie roh zu essen. Aber sie ergeben ein gutes, wenn auch noch recht säuerliches Apfelkompott. Doch schon Ende Juli wird als einer der ersten Sorten der „Weiße Klarapfel“ reif. Es ist ein ganz weißer, heller Apfel, der kurz vor der Vollreife geerntet wird, weil er eine so kurze Lagerfähigkeit hat und schnell mehlig wird. Deshalb gibt es die Klaräpfel auch nicht im Supermarkt zu kaufen. Weil er einer der ersten Apfelsorten der Saison ist, ist die Freude an seinem frischen Aroma besonders groß. Ein Beispiel für eine weitere frühe Sorte ist der „Herzogin Olga Apfel“, der nahe der Ausstellungsscheune wächst. Beim Kochen zerfallen die frühen Sorten sehr schnell und man muss aufpassen, dass das Apfelkompott nicht anbrennt. Zum Glück wachsen meine Lieblingsäpfel, die Jakob Fischer Äpfel, die sowohl zum direkten Verzehr als auch zum Backen gut geeignet sind, ganz in der Nähe der Museumsverwaltung. Die großen rotbackigen Äpfel hängen an einem hoch aufwachsenden und ausladenden, ansehnlichen schönen Baum. Allerdings mögen auch die Wespen seine Früchte sehr gerne. Manche der Äpfel der vielen Bäume schmecken roh eher herb. Das sind dann meist die sehr festen, späten Sorten, die eher für die Mostherstellung geeignet sind. Doch auch sie sind für ein gemischtes Apfelkompott durchaus zu gebrauchen.

    Gerade diese festen späten Apfelsorten enthalten am meisten Pektin. Äpfel eignen sich wegen ihres hohen Pektingehaltes besonders gut zum Einkochen. Pektine sind in den festen Pflanzenbestandteilen enthalten. Sie übernehmen dort eine festigende und wasserregulierende Funktion. Pektine dienen in der Küche als Binde- und Geliermittel. Die im Gelierzucker verwendeten Pektine werden unter anderem aus Apfeltrester und Orangenschalen gewonnen.

    Museumsparkplatz als Streuobstwiese, Foto Ute Rauschenbach

    Apfelverwertung

    Bringe ich nun meine Apfelbeute nach Haus – eine bunter Apfelhaufen, ganz unterschiedlich große Früchte, manche haben die Wespen schon angeknabbert – entfaltet sich gleich der Apfelduft in der Küche. Manche der Früchte sind bewohnt. Das spricht für sie, denn Würmer „bevorzugen Bioqualität“. Bald sollten die angestoßenen Früchte verarbeitet werden!

    Das Fallobst lädt nun zu einer kleinen Apfelmeditation ein. Jeder Apfel braucht eine sorgfältige Einzelfallprüfung: Nicht nur schälen und das Kernhaus entfernen steht an, sondern auch großzügig die schlechten Stellen ausschneiden. Hier ist Sorgfalt angesagt, weil faulige Stücke gesundheitsschädlich sind und das Apfelkompott schnell verderben liesen. Wie bekommt diese Tätigkeit einen guten Flow? Auf dem Arbeitsbrett werden die Früchte geschält, geviertelt, ausgeschnitten und ggf. kleingeschnitten. Der Schäler und die Messer sind gut geschärft. Es bietet sich ein Obstmesser mit einer kurzen, geschwungenen Klinge an, mit dem man besonders leicht der runden Apfelform folgen kann. Zügig arbeiten und dabei entspannt atmen ist angesagt. Meine kleine Apfelmeditation vollziehe ich in Ruhe oder ich höre dabei auch gerne Musik. Es ist auch eine gute Gelegenheit für ein nettes Gespräch. Jedenfalls ist es immer wieder spannend, die verschiedenen Sorten zu kosten. Am Ende ist die Kompostschale mit den Apfelschalen und dem Ausgeschnittenen genauso gefüllt wie der Kochtopf mit den Apfelstücken. Und der Büromensch, der den ganzen Tag vor dem Bildschirm gearbeitet hat, ist durch die Apfelmeditation wieder geerdet. Traditionell war das Apfeleinputzen eine Arbeit, die auch die Großmutter noch erledigen konnte – oft im Freien auf der Bank vor dem Haus.

    Obstsortenausstellung beim Markt der Genüsse im Fränkischen Freilandmuseum, Foto Margarete Meggle-Freund

    Streuobst-Crumble

    Streuobst-Crumble, Foto Margarete Meggle-Freund

    „Crumble“ – was im Deutschen so etwa „Krümel“ bedeutet – ist eigentlich ein Obstkuchen mit Streuseln – nur ohne Boden. Er soll in England während des zweiten Weltkriegs als preiswerte Alternative zum Kuchen erfunden worden sein. Im US-amerikanischen Raum läuft dieses Gericht auch als „Crisp“. In den 2010er-Jahren war Crumble in vielen Variationen in Deutschland in Mode. Für mich steht der Crumble für die Fülle der Ernte im Herbst. Als warmes Dessert mit dem wärmenden Zimt kann er Seelentröster gegen die kälter werdenden Tage zum Winter hin sein.

    Für 4 Portionen als Nachtisch benötigt man:

    für das Apfelkompott: 1 kg geschälte und geschnittene Äpfel oder anderes Streuobst (wie Zwetschgen, Birnen oder Quitten), Saft einer Zitrone, Rosinen und/oder Zucker zum Süßen nach Geschmack, 100 ml oder mehr Wasser, 1 Esslöffel Rum. Ein Kilo Äpfel ergibt etwa 700 Gramm Apfelkompott. Wenn es ganz schnell gehen soll, geht – unter Verzicht auf die Meditation – natürlich auch ein fertiges Apfelmus.

    für die Streusel: 140 g Butter, ½ Teelöffel gemahlener Zimt, 1 Prise Salz, 2½ gehäufte Esslöffel Vollrohrzucker, 200 g Mehl (Das kann auch ersetzt werden durch Hafermehl und/oder gemahlene Mandeln), 40 g feinblättrige Haferflocken, 40 g Mandelblättchen

    und als Extra obendrauf: 4 Kugeln Vanilleeis.

    Für das Apfelkompott die Äpfel mit Zitronensaft und Wasser erhitzen, zum Kochen bringen und bei geringer Hitze etwa 15 Minuten köcheln lassen, bis die Äpfel anfangen zu zerfallen. Die Rosinen gegen Ende der Kochzeit etwas mitkochen lassen. Eventuell mit Zucker abschmecken. Das Schöne ist, dass reif vom Baum gefallenes Obst genug Fruchtsüße hat, so dass kein Zucker nötig ist.

    Das Apfelkompott lässt sich auf Vorrat einkochen. Dazu werden die Blechdeckel von Twist-off-Gläsern in Wasser gekocht. Die sehr sauber gespülten Gläser mit heißem Wasser ausschwenken, dann schnell das heiße Apfelkompott bis einen halben Zentimeter unter den Rand des Glases einfüllen. Den Rand des Glases mit einem Küchentuch sauber abreiben, damit an dieser Stelle kein Schimmel entstehen kann. Den ausgekochten Deckel mit jeweils einem Esslöffel Rum ausschwenken und dann verschließen. So läuft noch etwas Rum oben auf das eingefüllte Kompott. Die befüllten Twist-Off-Gläser umgekehrt auf den Deckel auf ein feuchtes Tuch stellen und abkühlen lassen. Wenn sich die Blechdeckel etwas nach innen gezogen haben, ist wunschgemäß im Inneren des Glases ein Vakuum entstanden. Kühl, trocken und dunkel gelagert hält sich das Apfelkompott einige Monate im Glas.

    Für das Crumble eine Auflaufform einfetten und Apfelkompott 2 cm hoch einfüllen. Im Backofen bei ca. 200 Grad backen. Dann die Streusel herstellen: Dafür die Butter in einem Topf schmelzen lassen; Zucker, Zimt und Salz zugeben; soviel Mehl und Haferflocken einrühren, bis große Krümel entstehen; abschließend Mandelblättchen unter die Krümel mischen. Nun werden die Streusel auf das schon vorgewärmte Apfelkompott verteilt und ca. 10 Minuten gebacken bis sie leicht hellbraun sind. Etwas abgekühlt mit Vanilleeis servieren.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.

  • Haferflockenküchle

    Haferflockenküchle

    Reformkost aus der hygienischen Küche

    Die Ideen der Hygiene veränderten das Leben auf dem Lande seit dem Ende des 19. Jahrhundert grundlegend. Die aktuelle Sonderausstellung (noch bis Dezember 2020) „Sauberkeit zu jeder Zeit!“ im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken zeigt, wie fast alle Lebensbereiche – vom Stall, Hausbau, Geburtshilfe, Waschen, Schlafen, Kochen bis zur persönlichen Hygiene – nach den neuen Regeln umgestaltet wurden. Dazu passend stellen wir „Haferflockenküchle“ als ein Rezept der Reformkost aus der hygienischen Küche vor.

    Reform-Küchen

    Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der Hygiene kam den Frauen zu. Besonders den Haushalt sollten sie hygienisch führen. Die landwirtschaftlichen Haushaltungsschulen vermittelten Regeln und Fähigkeiten für eine hygienische ländliche Hauswirtschaft und berieten die Bäuerinnen auf den Höfen. Das in der Ausstellung gezeigte Foto eines mustergültig hygienischen Küchenschranks aus den Fünfzigerjahren diente dabei in der Landwirtschaftsschule in Bischofsheim an der Röhn als Anschauungsmittel. Das offensichtliche Vorbild für den Schulschrank war die sogenannte „Reformküche“, welche die Firma Eschebach 1927 auf der Leipziger Messe vorgestellt hatte. In ihrem weit verbreiteten Ratgeber „Der neue Haushalt“ stellte Erna Meyer den Reformküchenschrank als Vorbild gelungener rationeller Küchenorganisation dar. Ihr Ratgeber sollte ein Wegweiser zu „wirtschaftlicher Haushalts- und Lebensführung“ sein. Der Anspruch war nicht nur, den Haushalt vernunftmäßig zu organisieren, sondern das ganz Leben nach Vernunft- und Hygieneregeln zu gestalten. In der Küche geht es ihr etwa um kurze Wege. Im Reformküchenschrank ist nach dem Vorbild von Apothekeneinrichtungen alles kompakt, übersichtlich, gut sichtbar verstaut und mit dicht schließenden Schranktüren vor dem Verstauben geschützt. In Glasschütten sind offene Lebensmittel wie Mehl, Salz und Zucker griffbereit untergebracht. Im Schulschrank findet auch das Putzgerät seinen Platz – ordentlich verstaut im Schrank. Leisten an den Türen für Kochlöffel und Topfdeckel nutzen den Raum optimal aus. Ausziehbare Bretter über den mittleren Schubladen schaffen zusätzliche Abstellflächen. Typisch ist auch der weiße Schleiflack, der eine abwischbare Oberfläche ergab und schon von der Farbe her für Hygiene stand. Hochaktuell mutet uns der modulare Aufbau der Eschebach Küche an: Die Einzelteile haben jeweils eigene Füße und konnten so auch getrennt aufgestellt werden und so in verschiedenen Raumsituationen eingesetzt werden. Um sich die aufsehenerregende Modernität dieser Küchenschränke klar zu machen, denke man an die dunklen Küchen der meisten Museumshäuser, die bestenfalls über kleine offene Stellagen für die Küchengeräte verfügen.

    Mit dem Bild dieses Küchenschrankes warben die Beraterinnen der Landwirtschaftsschule Röhn-Grabfeld für eine rationell und hygienisch organisierte Küche. Fotoarchiv Fränkisches Freilandmuseum Fladungen

    Die „Reformküche“ der Firma Eschebach war Vorbild für hygienisch Küchenausstattung und Vorläufer moderner modularer Küchen. Tafel X im Ratgeber „Der neue Haushalt. Ein Wegweiser

    Das neue hygienische Kochgeschirr aus Glas

    Offenbar hatte meine Großmutter 1939 ihren Küchenschrank nach den Anregungen von Erna Meyer geplant. Der Ratgeber fand sich in ihrem Nachlass ebenso wie die für das Foto der Haferflockenküchle verwendeten Glasgefäße. Glas gilt bis heute als besonders hygienischer Werkstoff, der mit seiner porenfreien Oberfläche keinen Geschmack annimmt und besonders beständig gegen Wasser und Chemikalien ist. 1887 entwickelte der Chemiker und Glastechniker Otto Schott erstmals hitzebeständiges Borsilikatglas, das im Labor verwendet wurde. Seit den 1920er-Jahren wurde dann feuerfestes Gebrauchsglas unter dem Markennamen „Jenaer-Glas“ produziert und für den privaten Haushalt vertrieben. Das Material Pressglas ermöglicht im Vergleich zu geblasenem Glas eine kostengünstige industrielle Produktion der Entwürfe. Das entsprach der Idee des Bauhauses, gutes Design für breite Bevölkerungsschichten verfügbar zu machen. Bedeutende Gestalter aus der Schule des Bauhauses wirkten an der Formgebung dieser Glasprodukte mit.

    So entwarf 1939 Wilhelm Wagenfeld die eckigen Vorratsgefäße aus Pressglas. Sie waren Teil der „Kubus“-Serie, die in der Gesamtgröße genau den Fächern der ersten Kühlschränke, die seit den 1930ern für Privathaushalte aufkamen, entsprach. In ihrer eckigen Form, mit den Deckeln und vor allem wegen ihrer Stapelbarkeit nutzten sie den Raum optimal aus. Das war der Grund, warum sie bei der Haushaltsauflösung nicht aussortiert wurden. Der hier als ofenfeste Servierschale genutzte multifunktionale Deckel einer Auflaufform könnte aus der „JENA 2000“-Reihe von Backformen stammen, mit der Heinrich Löffelhardt in den 1960er Jahren die Entwürfe von Wilhelm Wagenfeld weiterentwickelt hat. Typisch ist die organische Form der Einheit von runder Deckelform und Griffen, die industriegerecht in einem Guss hergestellt werden konnten. Die feuerfesten und durchsichtigen Auflaufformen waren für Privathaushalte die beliebteste Anwendung des hygienischen Jena-Glases. So dass der umgangssprachliche Begriff „Jenglas“ gleichbedeutend mit „Kochgeschirr aus Glas“ verwendet wurde, auch wenn es von anderen Anbietern bald billiger produziert wurde. Trotz aller Stabilität des Materials gingen die Auflaufformen bei häufiger Benutzung auch hin und wieder zu Bruch – weshalb wohl auch im Haushalt meiner Großmutter von den Fünfzigerjahre-Entwürfen nur die kleinen Schüsseln übrig blieben und der verwendete Deckel im Familienmaß wohl in den Sechzigerjahren ersetzt wurde. Die Leinentischdecke aus den frühen Sechzigerjahren mit dem folklorisierenden rot-blauen Muster lockert die labormäßige Strenge der „guten Form“ des Industriedesigns in Glas etwas auf. Die Tischdecke stammt aus dem Haushalt einer Landwirtschaftsrätin, die in dieser Zeit junge Bäuerinnen unterrichtete.

    Haferflockenküchle

    Haferflockenküchle, Foto Margarete Meggle-Freund

    „Haferflockenküchle“, ein reformerisch angehauchtes Rezept, habe ich ebenso wie die Geschirre von meiner Großmutter übernommen, aber inzwischen mit einem höheren Gemüseanteil variiert. Es ist einfache, preiswerte und nahrhafte Alltagsküche, mit dem Anspruch gesund zu sein. Haferflocken sind schon seit dem 19. Jahrhundert ein verbreitetes Nährmittel. Spätesten seit dem Birchermüsli auf Haferflockenbasis, das seit den 1920er Jahren propagiert wurde, gelten sie als gesundes Lebensmittel. Bratlinge aus Haferflocken finden sich z. B. auch in einem Kochbuch der Nürnberger Frauen- und Kochschule von 1899. Dort ist es ein Sparrezept, in dem Fleischreste verwendet werden. Dank der nahrhaften Haferflocken war mit diesem Gericht leicht eine Familie satt zu bekommen. Auch in der modernisierten Variante mit hohem Gemüseanteil kann das Rezept der Resteverwertung dienen. Schon etwas „angeschrumpeltes“ Wurzelgemüse, kann man – vorher in Wasser eingeweicht und fein gerieben – hierfür noch gut verarbeiten.

    Grundrezept pro Person benötigt man:

    4 Esslöffel zarte Haferflocken, 1 Esslöffel Mehl, 1 Ei, 1 Teelöffel Gemüsebrühe, knapp 1/8 Liter Milch oder Reismilch, Gewürze, Fett zum Ausbacken

    Varianten:

    vom Gemüse fast die gleiche Menge wie die Haferflocken,

    fein geriebene Karotten mit ¼ Teelöffel gemahlener Rosmarin (Brecht Gewürze im Reformhaus) und 1 Prise Knoblauchpulver oder

    feingeriebene Rote Beete mit 1 Prise Piment oder

    feingeriebener Sellerie oder Petersilienwurzel oder

    grob geraspelte Zucchini mit Pfeffer und ev. Dill,

    ½ klein geschnittene Zwiebel (roh oder angedünstet),

    gewürfelter Schinken, gepökelt und gekochte Rippchen, Fleisch- oder Wurstreste.

    Die vegetarische Variante Grundrezept mit Karotten ist besonders gut.

    Alle Zutaten werden gemischt und 10 Minuten oder auch einige Stunden vor dem Ausbacken stehen gelassen, damit die Haferflocken quellen können und sich die Masse gut verbindet. Der Teig soll fester als Pfannkuchenteig und flüssiger als Frikadellenteig sein, so dass er in der Pfanne etwas verläuft.

    1 Esslöffel Fett in einer beschichteten Pfanne heiß werden lassen. Mit einem Tropfen Teig testen, ob das Fett schon heiß genug ist. Dieser soll sofort fest werden, aber nicht schwarz. Wenn nicht genug Fett verwendet wird oder das Fett nicht heiß genug ist, oder zu heiß ist, besteht die Gefahr, dass die Bratlinge anbrennen. Bei diesem Rezept Fett zu sparen, macht wenig Sinn, weil erst das Braten im heißen Fett das Röstaroma als spezifischen Geschmack ergibt. Das Braten lässt sich auch nicht beschleunigen. Deshalb bei einer größeren Menge lieber mit mehreren Pfannen gleichzeitig arbeiten.

    Gehäufte Esslöffel Teig in die heiße Pfanne setzen. Auf beiden Seiten braten. Im vorgewärmten Backrohr warmhalten. Mit Salat und Senf, Chutney oder Grüner Kräutersoße servieren.

    Auch kalt als Picknick schmecken diese Bratlinge sehr gut. Dann sollte ihre Konsistenz eher fester sein, damit man sie gut als Fingerfood in die Hand nehmen kann. Mit einer Scheibe Tomate und Mozzarella oder anderem Käse überbacken schmecken sie auch am nächsten Tag noch gut.

    In meiner Kulinarikserie des Fränkischen  Freilandmuseum Bad Windsheim finden sich alte und erneuerte Rezepte mit Zutaten aus Franken, einfach und alltäglich, oder auch einmal aufwendigere, kreative Rezepte mit kulturhistorischem Hintergrund.