Jakobsweg, Santiago de Compostela
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Historisierende Motive: Rückbezug auf ein überzeitliches „Mittelalter“

In der Wertigkeit verwandt mit der Erfahrung der Natürlichkeit ist die Erfahrung der Einfachheit. Nur wenige Dinge kann der Fernwanderer mit sich tragen und braucht er wirklich. Die Übernachtungsmöglichkeiten in den Refugios sind einfach bis primitiv. In der Reduktion der Mittel – allein auf den Körper gestellt – fühlen sich viele moderne Pilger mittelalterlichen Wallfahrern verwandt.

Hl. Jakobus d.Ä., süddeutsch um 1689/90, (Privatbesitz). Der Heilige Apostel Jakobus wird dargestellt als Pilger mit Reisehut, Pilgermantel und Muschel.Die Muschel erwarben die Pilger früher am Ziel  und trugen sie am Heimweg als Zeichen ihrer geglückten Wallfahrt. Heute ist sie Zeichen der gesamten Jakobsfahrt.

Kein Zeitungsartikel versäumt es, an die mittelalterliche Jakobswallfahrt zu erinnern. Dabei wird selbstredend alles „Alte“ unter die Rubrik Mittelalter eingeordnet. Der Jakobsweg und das Jakobspilgern bekommt damit eine zeitlos kontinuierliche Wertigkeit. Es spielt dabei keine Rolle, dass sich die Erscheinungsformen des Pilgerns verändert haben: vom gegenreformatorischen Bekenntnis, über die Rolle im Rokokoschäferspiel, bis hin zur verhüllenden Maske des Pilgers, wie z. B. in der Oper Freischütz. Der „mittelalterliche Jakobspilger“ zeigt sich als ein zum Typus stilisiertes Bild.

Das Gehen auf dem Weg bekommt ein archetypische Qualität. Wie die jugendlichen Helden in den europäischen Adoleszenzmärchen[10] sich auf den Weg machen und Abenteuer bestehen müssen, um den Übergang in die nächst Lebensstufe zu erreichen, so machen sich heutige Pilger in Umbruchsituationen und Lebenskrisen auf.

Auch bei den neu eingerichteten deutschen Wegen beziehen sich die Initiatoren immer auch auf Historisches, obwohl die Fachleute längst herausgearbeitet haben, dass es zwar bekannte Hauptrouten wie die Oberstraße entlang des Rheins gab, grundsätzlich aber alle historischen Verkehrswege von Jakobspilgern benutzt wurden, also jeder Weg Jakobsweg sein kann. Einen historischen Bezug stellen die Wanderführer oft her, indem sie auf Jakobskirchen oder -figuren an den Routen hinweisen. Doch enthält fast jede katholische Kirche eine Darstellungen der zwölf Apostel – darunter eben auch der Pilgerheilige Jakobus der Ältere.

Auch der Europarat hat seine Auswahl des Jakobsweges als europäische Kulturstraße damit begründet, dass sich auf ihm ein lange europäische Tradition nachvollziehen ließe. Die historische Kunst entlang des Camino dient dafür als Beleg. Das Bild, wie es sich heute in den Medien präsentiert, entsteht aber erst in der Auswahl, die das moderne Spanien im Zusammenhang mit dem Jakobsweg weitgehend ausblendet. Der Bezug auf die Geschichte wird unter dem Stichwort des Mittelalters zusammengefasst. Wie Bildbelege erscheinen dafür die Illustrationen zum 2006 im Knaur Verlag erschienen historischen Roman „Flucht auf dem Jakobsweg“,[11] der im Spätmittelalter spielt: Das Titelblatt ziert eine barock dekolletierte Dame; in einer Vorstellung des Buch in mobil, der auflagenstarken Kundenzeitschrift der Bundesbahn, ist die verschleierte Romanheldin zu sehen vor der Doppelturmfassade der Kirche von Santiago, die ja aus dem 18. Jahrhundert stammt, oder sie ist dargestellt wie eine altdeutsche Verkündigungsmadonna in ihrer Frauenstube.

„Die Geschichte“ oder „das Mittelalter“ erscheint im Diskurs um den Jakobsweg vielfach als Begründungsinstanz, auf die sich eigene Erfahrung aufbauen lässt. Nicht mehr der Bezug auf die konkrete christliche Lehre wird herangezogen. Vielmehr gilt eine diffuse spirituelle Überlieferung – im Bezug auf die vielen Generationen, die bereits den Weg gegangen sind – als Nachweis für „wahre“ Erfahrung. So wird eine allgemeine Nähe von Mittelalter, Mystik und Magie konstruiert.

Die Renaissance des Wallfahrens ist darin Teil antiaufklärererischer Strömungen der Gegenwart, die weg von Verstand und Technik hin zu direkter Erfahrung und Gefühl gehen. Waren noch die Hippies in der wohlhabenden Nachwirtschaftswundergeneration der 1970er Jahre zu ganz neuen Welten nach Osten aufgebrochen, im Glauben sie könnten alles verändern. So suchten viele in den 1980er Jahren im New Age Boom ihr Heil. Das Buch von Paulo Coelhos Tagebuch einer Pilgerreise[12] regte viele zum Aufbruch nach Westen an. Seit den 1990er Jahren, wo Einkommen und soziale Versorgung für viele Menschen ungesichert erscheinen, suchen deshalb viele Jakobspilger ihre Sicherheit in der (europäischen) Geschichte?


Spirituelle Motive: der Camino als Erfahrungsweg