Dr. Margarete Meggle-Freund

Kulturwissenschaftlerin

Gastvorlesung in Jena

Gastvortrag in der Wohn-Vorlesung von Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger in Jena FSU am 14.07.2005

Dr. Margarete Meggle-Freund: Vorstellung der Dissertation

 

Zwischen Altbau und Platte.

Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen.

Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR

am Beispiel der Sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland


 

A Nach dem Wohnen fragen

– Zugänge: westdeutsche Außensicht und ostdeutsche Innensicht

– Themastellung: Doppelaspekt Geschichte und Geschichten

– Persönlicher Zugang: Beispielort Reichenbach

– Forschungsdesign: Quellen, Vorgehen, Gesprächspartner

– Politische und örtliche Rahmenbedingungen

B Fallbeispiel: Familie Schäfer und ihre Wohnung

a) Staatliche Wohnungszwangsbewirtschaftung und die individuelle Lösung des Wohnungsproblems der Familie Schäfer

b) Die Politik der Vernachlässigung der Altbausubstanz und die Komfortvorstellungen der Bürger

c) Planmäßige Mangelwirtschaft und die Ordnung der Dinge
Vertiefung: die Schrankwand als Bestandteile des Einrichtungsschemas für Wohnzimmer und Symbol für die Wohnkultur der DDR

C Schluss: Alltagskonstruktion in der DDR

a) Selbsteinschätzungen zum Alltagsleben in der DDR:
die Alltagskonstruktion der „zwei Welten“

b) Historiographische Interpretation: DDR-Alltag:
Leben in der privaten „Nische“ oder in der durchherrschten Gesellschaft“?

 
Volltext der Arbeit: http://margarete.meggle-freund.de


A Nach dem Wohnen fragen

 

 

Abb. 1: Ost-West-Colawerbung

– Zugänge:

Westdeutsche Außensicht: Wohnen in der DDR ist hier in Jena ein nahe liegendes Thema. Die Plattenbausiedlung Jena-Lobetal und die Altstadt Jenas, die nach der Vernachlässigung der Bausubstanz zu DDR-Zeiten in den letzten Jahren nun rasante Veränderungen erfuhr, zeugen von der Wohnungspolitik des SED-Staates. Die Politik prägte den Rahmen für das alltägliche Leben.Für die, die hier aufgewachsen sind, ist dies vertraut. Aber mich, die ich aus München komme, befremdet immer wieder die Andersartigkeit der Wohnerfahrung. Sie ist Ausgangspunkt meiner Fragen.

Ostdeutsche Innensicht: Auf der anderen Seite stieß solches Fragen manchmal auf Verwunderung. Frau Winter, eine meiner Interviewpartnerinnen, bewertete ihre Wohnung zu Beginn des Interviews:

„Welchen Stil, welche Atmosphäre?  
Naja, Polstermöbel, Schrankwand, Ehebetten, (lacht) wie es halt so ist.        
Normale Küche mit Esstisch.           
Halt so, wie es mir gefällt.    
Also schon so, daß ich drin wohnen kann. Es ist keine piekfeine Wohnung, daß man sich nicht drin bewegen kann,   
also schon, naja, so wie es eben sein muss zu Hause, daß man sich wohlfühlt, daß man denkt, ja das ist meines und
– Ganz einfach, daß es sauber ist, daß Ordnung ist.“ (19/1)
   

Frau Winter vermittelte mir das ganze Gespräch über, ihre Bedenken: Was soll die komische Fragerei. So verlief das ganze Interview kurz angebunden und reichlich spröde. Hinterher dachte ich frustriert, das kann ich ohnehin vergessen, es ist doch nichts gesagt. Aber im Prozess der Interpretation kam ich immer wieder auf dieses Gespräch zurück. Frau Winter hatte die Aussagen aller anderen Gesprächspartner verdichtet.

Im eben angeführten Zitat nennt sie das Repertoire der Einrichtung: Polstermöbel und Schrankwand. Die zentrale Bewertung ist „normal, wie es halt so ist, wie es eben sein muss“ – so quasi: Was soll die Frage. Sie betont gleichzeitig aber Persönliches: „wohlfühlen“, „meines“. Die Bewertung gipfelt in „sauber“. – Ordnung ist ihr ein derart wichtiger Wert, daß er alles zusammenfasst.

Meine Untersuchung beschäftigt sich mit sog.Normalbürgern: Sie müssen betonen, daß ihr Leben normal gewesen sei, sonst wäre es kein Alltag gewesen. Allerdings muß die Normalität auch deshalb betont werden, weil sie mit den Umbrüchen seit der politischen Wende ins Wanken geraten ist. Dieser sich gewandelten Normalität geht meine Arbeit nach.

– Themastellung:

 

 

Abb.2+3: Altbaufenster, Plattenbaufenster

 

Zwischen Altbau und ‘Platte’: wohnen die Reichenbacher. Das meint ganz konkret die vier Wände, aber auch die vielen Zwischentöne der feinen Bewertungen.

Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen: Mein Thema ist ein Doppeltes: zum einen das Wohnen im Spiegel der Interviewaussagen, zum anderen die geschichtlichen Erfahrungen aus der subjektiven Sicht der Betroffenen, die sich ausdrücken in ihren Geschichten vom Wohnen.

Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR: Die übergeordnete Fragestellung dabei ist: Wie konstruierten sich die DDR-Bürger unter den besonderen Bedingungen des DDR-Systems ihren – als von ihnen als unabhängig erlebten – Alltag? Damit ist auch der theoretische Bezugsrahmen genannt: die phänomenologische Alltagsforschung in Nachfolge von Alfred Schütz und die so genannte Dichte Beschreibung nach Clifford Geertz.

 

 

Abb. 4: Bahnhof Reichenbach: ein Stadt im Umbau

 

am Beispiel der sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland: Konkret verortet soll dies sein am Beispiel der sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland. Und zeitlich eingegrenzt ist die Untersuchung auf die Spätzeit der DDR, was der zeitlichen Reichweite der Interviews entspricht.

Heute möchte ich vor allem die empirische Arbeit sehr nahe am Material vorstellen. Am Fallbeispiel einer Familie und ihrer Wohnung soll sowohl die Sache, als auch die Deutungen und anschließende Interpretationen vorgeführt werden. Abschließend möchte ich die Interviewaussagen zum Ort des Alltags in Bezug setzen zu theoretischen Deutungen.

– persönlicher Zugang: Beispielort Reichenbach

persönlicher Bezug: Päckchenbekannte meiner Eltern dort, als Paten, dann Lösung von ihnen, um offen sein zu können

Reichenbach als Beispiel ausgewählt, weil: Wohnen hat mit Verortet-Sein zu tun an konkretem Ort festgemacht,

überschaubar, Kleinstadt 1990: rund 25000 Einwohner, Arbeiterstadt, Maschinenbau und Textilindustrie – seit Wende viele Arbeitslose – typisch nach demographischen Merkmalen und in der Selbstempfindung,

Lage: Vogtland bei Plauen, noch nicht Grenzlage, aber nicht bevorzugtes Berlin, von Bayern aus erreichbar

– Forschungsdesign: Quellen, Vorgehen, Gesprächspartner

Hauptquelle: über 1200 S. Transkripte von 34 Interviews, rund 20 narrative Wohninterviews,

mehrere Feldforschungsaufenthalte 1994 bis 1996, Interviews durchschnittlich von 2 1/2 Stunden Dauer, in den Wohnungen der Befragten

offene biographische Interviews zur Entwicklung der Fragestellung beim Erstaufenthalt, dann Wohninterviews und Zweitgespräche und Expertengespräche,

Fotodokumentationen von 16 Wohnungen, Archivstudien

Interviewpartner: spiegeln etwa in demographischen Merkmalen Reichenbacher Durchschnitt,

allerdings Schwerpunkt im sozialen Mittelfeld, besonders im kleinbürgerlich-materialistischen Milieu (Sinus-Typologie),

Auswahl: Dagebliebene – am liebsten noch in der gleichen Wohnung, vom Alter die DDR bewusst erlebt,

rund 2/3 Frauen, 1/3 Männer (21:9)

Interessenschwerpunkt: vom Einzelnen, ethnographisch, Lebens- und Alltagsbewältigung?

– Politische und örtliche Rahmenbedingungen:

Wohnungszwangsbewirtschaftung, Staatsaufgabe

Recht auf Wohnung verfassungsmäßig garantiert

weitgehende Enteignungen

verstaatlichtes Bauwesen und Wohnungsbau

industrialisierter Wohnungsbau: Plattenbau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 5-10 Ansichten von Reichenbach: Markt im Zentrum, Neubausiedlung errichtet in den 1980er-Jahren

 

in Reichenbach: Vernachlässigung der Altbausubstanz: Plumpsklos – fehlende Kanalisation.., in der die Mehrheit wohnte

später Beginn des Plattenbaus in Achtzigerjahren

B Fallbeispiel: Familie Schäfer und ihre Wohnung

Empirischer Ausgangspunkt soll das Fallbeispiel einer Familie und ihrer Wohnung sein. Am Beispiel der Familie Schäfer möchte ich aufzeigen, wie äußere, staatliche Regelungen einen Ordnungsrahmen vorgaben, in dem sich die Einzelnen ihre eigenen Ordnungen schufen, ihren Alltag konstruierten dinglich konkret und übertragen. Zuerst stelle ich das Wohnen der Schäfers in Eigenaussagen und Bildern vor. Vieles davon kann man auf der Basis der anderen Wohninterviews dann auch verallgemeinern. Mit Hintergrundinformationen aus der Literatur schließlich lässt sich das Beispiel historisch einordnen. Ich werde anhand der Bereiche a) Wohnungsvergabe, b) Komfortvorstellungen und c) Dinggebrauch über das Wechselspiel verschiedener staatlicher Vorgaben versus Eigensinnigkeit der Menschen im Wohnen sprechen.

 

 

Abb. 11: Familie Schäfer

 

Zur Familie Schäfer gehören vier Personen: Herr Schäfer ist im Frühjahr 1995 zum Zeitpunkt des Interviews 45 Jahre alt. Er ist Physiker und arbeitete vor der Wende in der Entwicklungsabteilung eines Betriebes. Seit einigen Jahren ist er als EDV-Fachmann tätig. Frau Schäfer ist 42 Jahre alt. Wie fast alle Frauen zu DDR-Zeiten war sie ebenfalls vollzeit berufstätig. Sie studierte Chemie und ist schon viele Jahre in einem ortsansässigen Industriebetrieb beschäftigt. Die Schäfers haben zwei Kinder: Die Tochter hat gerade ihr Abitur bestanden, der Sohn besucht die Mittelstufe des Gymnasiums. Sie selber schätzten sich im Lebensstandard oder der ihrer Einrichtung als normale DDR-Bürger ein. Die Schäfers bewohnen die Erkerwohnung eines Mehrfamilienhauses aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

 

Abb. 12: Haus der Familie Schäfer

 

a) Staatliche Wohnungszwangsbewirtschaftung und die individuelle Lösung des Wohnungsproblems der Familie Schäfer

Herr Schäfer erzählte vom Beginn seiner Ehe:

„In Bitterfeld war die Wohnsituation so schlecht, daß wir dort ewig keine Wohnung gekriegt haben. Und unsere Tochter war dann unterwegs, dann hätten wir irgendwo in einem Wohnheim in einem Zimmer wohnen müssen mit der Tochter. … Und meine Frau stammte aus Mylau und so ist es dann gekommen, daß wir uns hier niedergelassen haben.“ (5/7)

Am Beginn der Ehe der Schäfers „hatte die junge Familie ein Wohnungsproblem“. Mit der Formulierung „ein Wohnungsproblem haben“ umschrieben die Interviewpartner umgangssprachlich eine schwierige Wohnsituation, in der ein Betroffener einen Antrag auf die Zuteilung einer geeigneten Wohnung gestellt hat. Fast alle Interviewpartner sprachen von „ihrem Wohnungsproblem“, das mit ähnlich verwickelten Umständen verbunden war.

Der politische Hintergrund dazu ist im ‘Recht auf Wohnung’ zu suchen, das in der Verfassung der DDR festgeschrieben war. Dazu betrieb die SED-Regierung eine staatliche Wohnungszwangsbewirtschaftung. Sie war gesetzlich geregelt in der Wohnraumlenkungsverordnung. Die Wohnungsämter regelten zentral die Verteilung aller Wohnungen. Selbst in privatem Eigentum verbliebene Wohnungen wurden so zentral vergeben. Jeder Wohnungssuchende, also auch ein Eigentümer, musste am örtlichen Wohnungsamt einen Wohnungsantrag stellen. Nach festgelegten Regeln wurde solch ein Antrag dann in eine Dringlichkeitsstufe eingeteilt. Danach bemaßen sich die Größe und die Wartezeit, die in den meisten Fällen mehrere Jahre betrug.

Um die Wartezeit zu verkürzen und eine angemessen große Wohnung zu erhalten, ergriffen Schäfers Eigeninitiative und kauften 1977 das Haus, in dem sie bis heute leben. Das war möglich, weil sie inzwischen ein Wohnungsangebot für eine kleine Wohnung erhalten hatten, und die Eigentümerin des Hauses bereit war mit ihnen zu tauschen: So konnte Familie Schäfer den Wohnungsanspruch der früheren Eigentümerin übernehmen und sofort in das gekaufte Haus einziehen. Die frühere Eigentümerin dagegen zog in die ihnen zugeteilte kleinere Wohnung.

Diesen ungewöhnlichen Schritt eines Hauskaufs konnten Schäfers nur dank der besonderen handwerklichen Fähigkeiten Herrn Schäfers wagen. Er selbst verallgemeinert dies:

„Handwerksleistungen waren generell knapp. Deswegen sind auch sehr viele DDR-Bürger relativ geschickt, weil sie also aus der Not heraus sich ganz zwangsläufig mit vielen Dingen beschäftigen mussten. Mauerer hat man nicht gekriegt, also wenn man was zu mauern hatte, musste man das halt lernen.“ (5)

Bei den minimalen Mieteinnahmen stellte der Bauunterhalt eines Altbaus ein großes Problem dar. Die gesetzlich festgeschriebenen Mieten deckten den Bauunterhalt nicht. So bestand eher die Tendenz Altbauten an den Staat zu schenken, als sie zu erwerben.

Auf die einschränkende staatliche Ordnung reagierte Herr Schäfer mit der Ausbildung besonderer handwerklicher Fähigkeiten. Dank dieser Fähigkeiten, großer Einsatzbereitschaft, dem Aufbau eines Beziehungsnetzes und Organisationstalent konnten die Schäfers entgegen der staatlichen Norm minimierter kleiner Wohnungen ihre Vorstellung einer angemessenen Wohnung verwirklichen.

b) Die Politik der Vernachlässigung der Altbausubstanz und die Komfortvorstellungen der Bürger

„Zu einer kompletten Wohnung gehört, daß eine Küche und ein Bad dabei sind. Heute gehört schon irgendwie eine Heizung dazu, obwohl das sicher viele nicht haben. Es gehört dazu, daß ordentliche Fenster drin sind. Eigentlich sind das normale Dinge, aber hier im Osten nicht unbedingt.“ (5)

Herr Schäfer formulierte so seine Norm einer vollständigen Wohnung. Schäfers haben einen Vorsaal, ein Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer, ein Gästezimmer, Küche und ein Wohnzimmer.

Als erstes tritt ein Besucher in den so genannten ‘Vorsaal’. Er vermittelt als Schwellenraum zwischen außen und innen und komplettiert so die Raumfolge einer Wohnung zu einer Einheit. Von dort aus gehen die einzelnen Räume ab.

 

 

Abb. 13: Vorsaal der Familie Schäfer

 

 

Abb. 14: Zimmer der Tochter der Familie Schäfer

 

 

Abb. 15: Zimmer des Sohnes der Familie Schäfer

 

 

Abb. 16a-b: Küche der Familie Schäfer

 

 

Abb. 17: Wohnzimmer der Familie Schäfer

 


Abb. 18: Schlafzimmer der Familie Schäfer

 

Alle Gesprächspartner zählten die fünf Räume Vorsaal, Küche, Bad mit WC, Wohnzimmer und Schlafzimmer zum Kernbestand einer vollständigen Wohnung. Dazu äußerten sie sich aber meist nur dann, wenn bei ihnen etwas von diesem kompletten Raumkonzept fehlte.

In den meisten Wohninterviews sind deshalb fehlende oder mangelhafte sanitäre Einrichtungen ein Schwerpunktthema. Die von Herrn Schäfer formulierte Norm war also nicht durchgängig verwirklicht, vielmehr lagen die Realitäten vieler Altbauwohnungen und die Komfortansprüche der Bewohner weit auseinander. Noch fünf Jahre nach der Wende verfügten 18 % der Reichenbacher Wohnungen weder über ein WC noch über ein Bad. Hinter dieser Zahl steht eine große Menge von Altbauten, in der sich rund 60% aller Wohnungen befanden.

 

Abb. 19: Kontrast einer unsanierten Wohnung: Plumpsklo

 

Einige der Gesprächspartner versuchten sich mit nachträglichen Lösungen dem Komfortideal anzunähern.

 

 

Abb. 20: improvisierte Lösung mit multifunktional genutzter Küche

 

Vor solchen Hintergrund wird der besondere Stolz verständlich, mit dem Schäfers auf ihr neu renoviertes Badezimmer hinweisen:

 

 

Abb.21: Badezimmer der Familie Schäfer

 

„Sie: Das Bad haben wir jetzt erst neu gebaut. … Das war auch sehr viel kleiner, das ist jetzt doppelt so groß und auch sehr viel schöner geworden. Er: Mit Eckbadewanne, Dusche und Innen-WC und so weiter, was eben so dazugehört.“ (5)

Aber erst mit den neuen Möglichkeiten nach der Wende konnten sich Schäfers ihre Komfortvorstellungen von dem, „was eben so dazugehört“ ganz verwirklichen.

Am extremsten zeigen sich Ergebnisse der Wohnungspolitik der DDR in den oben genannten Zahlen der Sanitärausstattungen. Die realsozialistischen Herrscher vernachlässigten die Altbausubstanz als kapitalistische Relikte. 1976 beschloss der Parteitag der SED ein neues Parteiprogramm, in dem er das Wohnungsbauprogramm zur politischen Hauptaufgabe erklärte. Ein Ziel der Wohnungspolitik unter Honecker lautet „jedem Bürger eine modern ausgestattete Wohnung“ bereit zu stellen. Dafür setzte die DDR-Regierung auf massenhaften industrialisierten Wohnungsbau, der die Plattenbausiedlungen schuf. Mit ihnen wurde der Wohnungsbedarf mengenmäßig weitgehend gedeckt. Mit dem Bau zahlreicher Neubauwohnungen, die über Wohnkomfort mit Zentralheizung, fließend Warm- und Kaltwasser, Bad, WC und Einbauküche verfügten, verfestigte sich die Norm einer derart ausgestatten Wohnung. Sie blieb aber für viele Bewohner der unsanierten Altbauwohnungen weiterhin unerreichbar.

Beim Thema Wohnkomfort wird deutlich wie sich Politik und Vorstellungen der Bürger gegenseitig beeinflussten: Die Politik versuchte den Ansprüchen ihrer Bürger entgegenzukommen. In dem sie sich die Ansprüche der Bürger zu eigen machten und sie als allgemeine Ziele einer belohnenden Sozialpolitik propagiert. Mit dem massenhaften Neubau konnte sie den geforderten Wohnkomfort auch für einen Teil der Bürger verwirklichen. Damit verfestigten sich aber auch die Vorstellungen vom komfortabel geordneten Wohnen.

c) Planmäßige Mangelwirtschaft und die Ordnung der Dinge

Ähnlich wie das Raumprogramm legte die Mehrheit der Interviewpartner auch beider Einrichtung der jedem der fünf Haupträume ein festes Einrichtungsprogramm zugrunde. Ein Beispiel dafür ist das Wohnzimmer. Übereinstimmend galt es meinen Gesprächspartnern erst als komplett eingerichtet mit 1. Couchgarnitur, 2. Fernseher und 3. Schrankwand.

 

 

Abb. 23: Schrankwand der Schäfers

 

Die Schrankwand der Schäfers stammt noch aus DDR-Zeiten (Abb. 15b), aber sie weicht von den durchschnittli­chen zeitgleichen Möbelstücken aus DDR-Produktion ab, weil sie mit Unterstützung eines Schreiners selbst konstruiert und selbst gebaut wurde. Auf sie verwies Herr Schäfer, als er mit Stolz erzählt, dass er gerne selbst etwas gestalte:

„Zum Beispiel auch die Schrankwand hier, die haben wir vom Tischler anfertigen lassen, die haben wir auch selber geplant, auch innen drin alles aufgebaut.“ (5)/17

Wollte sich ein normaler DDR-Bürger ohne besondere Beziehungen Möbel anschaffen, musste er sich oft mit dem begnügen, was er zufällig bekam. Die DDR exportierte Möbel, aber im eigenen Land waren sie Mangelware. Der Außendarstellung wegen dekorierten zwar entspre­chende Einrichtungsgeschäfte ihre Ausstellungsräume mit Möbelstücken, diese waren aber oft nicht zu erwerben. Herr Schäfer bemerkt hierzu:

„Generell knapp waren Möbel. … Es standen zwar welche da, aber kaufen konnte man die nicht. … Also die waren immer Ausstellungsmuster. Schreiner gab es kaum welche. Wir haben unsere Schrankwand herstellen lassen, aber das ist auch bloß wieder aufgrund von Beziehungen gegangen.“ (5)/28

So kamen die Schäfers zu ihrer Ausnahme-Schrankwand. Sie entspricht ihrer Vorliebe für funktionale und schlichte Möbel. Damit liegen sie weitgehend auf der allgemeinen stilistischen Linie der DDR-Möbelindustrie. Aber die meisten Möbel aus Serienproduktion waren nur mit Kunststoffoberflächen ausgerüstet, nicht mit echtholzfurnierten Oberflächen.

Bei der Umsetzung solch eines Einrichtungsprogrammes stießen viele Gesprächspartner an die Grenzen der Planwirtschaft. Nicht nur der Wohnungssektor war in der DDR zwangsbewirtschaftet, sondern die ganze Konsumgüterproduktion war zentralistisch geplant. Dabei kam es zu paradoxen Erscheinungen: Güter,die in ihrer Produktionszahl begrenzt waren, wurden gehortet. Dadurch entstand ein künstlicher Bedarf, der zu einem Mangel führte, der wiederum den Bedarf steigerte. Solche Mangelartikel waren in der Spätzeit der DDR nach Aussagen der Gesprächspartner beispielsweise Möbel. Allerdings hat auch die Mangelwirtschaft neue Prestigeobjekte erzeugt: Gefragt und sozial angesehen war dann die seltenen Objekte, Dienstleistungen – jede Art von Privilegien.

Insgesamt steht in den Erzählungen der Interviewpartner das Bemühen im Vordergrund überhaupt die nötigen Requisiten zu bekommen um die allgemeinen und ganz persönlichen Vorstellungen vom geordneten Wohnen verwirklichen zu können. Soziale Unterscheidungen standen bei den meisten Gesprächspartnern erst an nachgeordneter Stelle.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.24ff: Serie von Schrankwänden in Reichenbacher Wohnungen

 

Vertiefung: Die Schrankwand als Bestandteile des Einrichtungsschemas für Wohnzimmer und Symbol für die Wohnkultur der DDR

Die Schrankwand, ohne die ein normales Wohnzimmer als unvollständig empfunden wurde, ergab sich aus den minimalisierten Grundrissen der Plattenbauwohnungen, die nur eine Wand für Bewahrmöbel boten, und setzte sich dann als repräsentatives Möbelstück durch.

Die Schrankwand wurde so ein Bestandteil des Einrichtungsprogramms für das Wohnzimmer, das sie inzwischen symbolisch für sozialistische Wohnkultur steht. Deshalb will ich auf sie kurz näher eingehen. Sie setzte sich etwa seit den Sechzigerjahren durch. Die minimalisierten Grundrisse der neugebauten Plattenwohnungen erlaubten oft nur an einer Wand die Aufstellung von Schränken. Um alle Gegenstände eines Haushaltes unterbringen zu können, mussten die Bewohner der Neubauwohnungen fast zwangsläufig auf die großen Bewahrmöbel der Schrankwände zurückgreifen.Sie sind inzwischen soweit verbreitet, daß sie sich auch in den meisten Wohnzimmer der Reichenbacher Altbauwohnungen fanden. Schrankwänden wurde, da sie schwer zu besorgen und sehr teuer waren, besonderer repräsentativer Wert zugemessen. In vielen Wohnungen konnte ich beobachten, daß alte Schrankwände auch nicht entsorgt werden, sondern z.B. im Kinderzimmer weiterverwendet wurden. Der Weg der gebrauchten Möbel war dabei in allen Fällen vom Wohnzimmer in rangniedrigere Räume – nie in andere Richtung. Auch nach der Wende wurden in fast allen untersuchten Wohnzimmern die Schrankwände im Gegensatz zu den Polstermöbeln noch beibehalten.

Schrankwände wurden industriell und in Typenbauweise produziert. Aus Materialknappheit wurde dann auch noch die Anzahl der Typen immer mehr reduziert. Es dominiert eine einheitliche Kastenform, die sich oft nur noch in den Oberflächendekoren unterscheidet. So lässt sich der Einheitsstil, den die Reichenbacher Wohnzimmerwände zeigen, erklären.Insgesamt kam es zu einer Reduzierung der Möbeltypen für Wohnzimmer. Es finden sich etwa keine Vitrinenschränke oder kaum die zeitgleich im Westen so beliebten offenen Regale.

Bezeichnend scheint mir hier eher das Beispiel von Frau Müller:

„Wir haben ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer, … Das Kinderzimmer haben wir so eingeteilt, dass wir vorne einen Wohnbereich haben …., hinten eine Art Schlafzimmer, geteilt durch eine Schrankwand. Dann haben wir das Wohnzimmer mit einer Eckgarnitur, wo wir essen und uns aufhalten können und mit einer Polstergarnitur [und einer Schrankwand]. Eine ziemlich kleine Küche, wo man hauptsächlich nur kochen kann, aber wo wir auch frühstücken, ein Tisch passt rein. Und ein Schlafzimmer, was eben grad auch so groß ist, dass ma eine Schrankwand und zwei Betten reinbringt. Das wäre eigentlich so das Wesentliche.“ (13)/22

In jedem Raum steht hier eine Schrankwand. Es bestand zwar vermutlich ein gewisser stilistischer Unterschied zwischen den großen Wohnzimmermöbeln und denen für Schlafräume, aber in der Sprechweise von Frau Müller ist ‘die Schrankwand’ der Möbeltypus, der die Räume ihrer Wohnung im „Wesentlichen“ ausmacht.

Abschließend lässt sich sagen, dass die gleichen und ähnliche Schrankwände, wie sie sich in den Wohnzimmern der Reichenbacher Interviewpartner fanden, zeitgleich auch in westlichen Wohnzimmern standen. [1] Aber die Reduzierung allein auf die Schrankwand als einzigen Möbeltyp und die Beschränkung auf wenige Ausführungsvarianten erzeugte eine DDR-typische Monokultur der Schrankwand. Natürlich gab es auch DDR-Bürger, die sich alternativ dazu einrichteten, aber sie blieben gegenüber der großen Mehrheit Ausnahmeerscheinungen. Der allgemeinen Verbreitung der Schrankwand entspricht auf der Ebene der Werte ihr hoher Rang als dritter unverzichtbarer Kernbestandteil der Wohnzimmereinrichtung neben Couchgarnitur und Fernseher. So gilt ‘die Schrankwand’ neben ‘der Platte’ zu Recht als Symbol der Wohnkultur in der DDR.

C Schluss: Alltagskonstruktion in der DDR

Der Ort des Alltags?

Mit der Interpretation der Räume und vieler kleiner Einzelaspekte, aus denen sich der Alltags­kosmos der Familie Schäfer zusammensetzte, sollte gezeigt werden, wie sehr die Lebensum­stände in der DDR, aus der distanzierten Sicht eines Außenstehenden gesehen das Wohnen einer Familie prägten. Das Spannungsfeld aus Staat auf der einen Seite und einzelner Bürger auf der anderen Seite bestimmt das Thema der ganzen Arbeit. Sie beschreibt dinglich-konkrete oder erzählte Alltagskonstruktionen im Bereich des Wohnens unter den Rahmenbedingungen der DDR – ihres Staates und ihrer Gesellschaft. Immer wieder habe ich die strukturellen Vorgaben des staatlichen und gesellschaftlichen Systems dargestellt.

Nun bleibt noch der ‘Ort des Alltags’ zusammenfassend zu klären: Wie sehr waren die einzelnen Menschen in ihrem Wohnalltag von staatlicher /politischer Seite beeinflusst – kontrolliert? Oder wirkten umgekehrt die Menschen in ihrem alltäglichen Verhalten auch auf die staatliche Seite zurück? Welchen Stellenwert hatte der Alltag im DDR-Staat und auch die Alltagskonstruktionen der Einzelnen im Gesamtgefüge der DDR-Gesellschaft? Oder gilt es eher von der Privatheit der Einzelnen aus zu fragen, ob der Alltag im totalitären Staat der DDR gar einen in sich geschlossenen Lebensbereich der privaten Freiheit bildete? Wie schätzten die Reichenbacher Gesprächspartner ihren Wohnalltag selbst ein; welches Lebensgefühl verbanden sie damit? Diesen Fragen möchte ich mich noch einmal vom empirischen Befund her nähern, bevor ich die Reichenbacher Ergebnisse in die theoretische Debatte zur DDR-Alltagsforschung einordne.

a) Selbsteinschätzungen zum Alltagsleben in der DDR:  die Alltagskonstruktion der „zwei Welten“

Stellvertretend soll noch einmal das Ehepaar Schäfer zu Wort kommen.Ich fragte sie, ebenso wie die anderen Interviewpartner auch, nach Hausbuch, Abschnittsbevollmächtigten und möglichen Kontrollen. Als Intellektuelle reflektierten sie daraufhin ihren Alltag im Allgemeinen:

„Sie: Einmal ist es [= das Hausbuch] kontrolliert worden in den vielen Jahren, die wir auch in DDR-Zeit hier gelebt haben. Ich weiß das gar nicht mehr, es war sicherlich von der Stadt Mylau. Da haben wir nur eine Auflage gekriegt, dass wir es mal wieder auf Vordermann bringen sollten, weil da noch Leute drinstanden, die schon Jahre verstorben waren. Aber es ist nicht so genau genommen worden, es war nicht wesentlich.   
Er: Sie müssen da immer zwei Dinge unterscheiden: Die DDR, wie sie sich nach außen hin dargestellt hat oder wie es in der Zeitung stand … und wie sie wirklich war. Das waren zwei verschiedene Welten. Die haben miteinander nicht sehr viel zu tun gehabt.
Sie: Da hat ma sich auch nichts draus gemacht, wenn das Hausbuch halt nicht in Ordnung war oder so.         
Er: … Dann gab es Wohnbezirke, da gab es dann auch noch Wohnbezirksvorsitzende, aber das ist alles, was so auf dem Papier war. Na, da ist mal ein Wohnbezirksfest im Jahr gemacht worden. Da gab es mal Bockwurst und Bier und ein Kinderkarussell.      
Sie: Das waren genau solche Feste wie jetzt das Gewerbefest oder, wenn die Feuerwehr irgendwas macht oder so. Und damals gab es eben Wohnbezirksfeste. Und da hat jeder Wohnbezirk in Mylau, ich weiß nicht, waren es zwei oder drei oder vier, mal ein Fest gemacht.      
Er: Zu DDR-Zeiten ist eben sehr viel vorgeschrieben worden, wie alles gemacht werden sollte. Und da man sich dem nicht entziehen konnte, bestimmten Dingen, da hat man die zwar gemacht und hat sie aber auch nicht gemacht. Hat sie halt so, so grade so halt gemacht wie es unbedingt notwendig war oder man hat das gemacht dabei, was man halt selber wollte. Ne, also das ist alles nicht so ernst genommen worden. Es gab natürlich welche, die es ernst genommen haben, die sind halt a weng ausgelacht worden.        
Sie: Des waren aber wenige. … Und der [Abschnittsbevollmächtigte] hat uns gekannt und der hat uns auch mal aufgefordert, wenn der Schnee nicht geräumt war vor der Haustür. Was heute genauso gemacht wird. Aber –   
Er: Also das private Leben lief eigentlich unpolitisch ab.“ (5)
/28-30

Herr Schäfer unterschied hier ganz klar „zwei verschiedene Welten“, die miteinander „nicht viel zu tun“ hatten. Das sind für ihn die DDR in ihrer Außendarstellung und eine Innensicht, „wie sie wirklich war“, -‘das wirkliche Leben’, wie er es etwa erlebte. Mit dieser Doppelung widerspricht sich die Kontrolle des SED-Staates und das Gefühl seiner Bürger, frei zu sein, nicht mehr: Es gab strenge Vorschriften der Kontrolle bis in die Wohnung der hinein, beispielsweise durch Hausbücher, sie wurden aber dann doch nur sehr lax gehandhabt oder von den Bürgern umgangen. Herr Schäfer sah auf der einen Seite die „Welt“ der vielen Vorschriften und auf der anderen Seite den Eigensinn der Bürger, dass man „gemacht hat, was man halt selber wollte“. Mit zahlreichen Taktiken, von denen er gleich mehrere nennt, wie tun und doch nicht tun, nur das unbedingt Notwendige tun oder den Vorschriften entsprechen, dabei aber eigene Anliegen erfüllen, sicherten sich die DDR-Bürger ihren Eigensinn – ihren persönlichen Freiraum. Der Einfluss des Abschnittsbevollmächtigten endete, wie es die Schäfers darstellten, „vor der Haustüre“. So konnte Herr Schäfer als abschließende Regelaussage formulieren, dass das „private Leben eigentlich unpolitisch“ ablief. Das ist auch Ergebnis des geschickten Verhaltens der Bürger sich zu entziehen, wie er es oben beschrieben hat. Herr Schäfer glaubt also den einen Teil seines Lebens in der DDR, die private Welt, als von politischer Einflussnahme frei. In seinem einschränkenden „eigentlich“ könnten allerdings die von mir herausgearbeiteten staatlichen Einflussnahmen, die ja nur im Ausnahmefall der Grenzverletzung griffen, enthalten sein.

Das Modell der zwei Welten, wie es Herr Schäfer hier zur Selbstdeutung des Alltags in der DDR aufstellte, entspricht dem, wie auch die anderen Gesprächspartner ihren Alltag darstellten. Sie formulierten kein Bild von zwei Welten, legten aber Wert darauf, dass ihr Privatleben deutlich zu unterscheiden war vom Leben in Betrieb und Öffentlichkeit; ihr Privatleben sei unpolitisch – frei – gewesen. Sie beschrieben auch wiederholt die kommunikative Praxis mit zwei Zungen zu reden, je nachdem in welchem Lebensbereich, man sich bewegte: Im Privaten unterhielt man sich ungezwungen und mit politischen Witzen, im Öffentlichen dagegen war man vorsichtiger, formulierte genau dem Gegenüber und Kontext angepasst, benutzte vorgefertigte Sprachformeln, welche die offizielle Erwartungshaltung erfüllten – oft ohne eigentlich etwas auszusagen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass eine Doppelung ihres Lebens in einen öffentlichen und einen privaten Bereich eine Grundlage der Alltagskonstruktion der Gesprächspartner darstellte. Diese Trennung bezog sich sowohl auf das konkrete Handeln und Sprechen als auch auf die Selbstinterpretation. Aus der Sicht der Gesprächspartner ist das Erzählen von dieser Alltagskonstruktion auch ihre Antwort auf die Frage nach ‘dem Ort des Alltags’. Welchen Stellenwert solch eine Alltagskonstruktion aber in einer historiographischen Interpretation hat, gilt es nun noch zu klären.

b) Historiographischen Interpretation: DDR-Alltag: Leben in der privaten Nische oder in der durchherrschten Gesellschaft?

Befragtman das Interviewmaterial nach dem ‘Ort des Alltags’ in der DDR, stößt man auf das Erzählen von dem, was nun nicht mehr ist: Nach den Erfahrungen der Veränderung charakterisierten die Gesprächspartner ihren Alltag in der DDR. Einige seien hier noch einmal zusammengefasst. Sie bedauerten als wichtigste Veränderung in ihrem Alltag den Verlust materieller und sozialer Sicherheit und Geborgenheit, die der DDR-Staat mit dem Recht auf Wohnung und Arbeit gewährt hatte: Statt Wohnungsmangel gibt es nun Wohnungsleerstand in Reichenbach. Der Arbeitskräftemangel zu DDR-Zeiten hat sich umgekehrt in hohe Arbeitslosigkeit. Unruhe ist in die frühere sichere Nische der Privatsphäre des Wohnens getreten. Auch die Geborgenheit der Kontakte wankte vielfach, weil die Freunde ebenfalls verunsichert waren. Die veränderte Arbeitswelt fordert mehr Zeit von den Menschen: Wer Arbeit hat, braucht dafür mehr Energie, wer dagegen keine Arbeit hat, fürchtete oft die Zeit im Übermaß. Auch die neuen Reise- und Konsummöglichkeiten fordern ihren zeitlichen Tribut, die privaten Netzwerke mit ihrer „Wärme“ und Unterstützung beim Erwerben sind weniger gefragt. Wiederholt gerieten die Kleinfamilien mit der Wende in eine Krise. Gründe dafür waren etwa, dass das neue System vielfach die mittleren Generationen, die vom Arbeitsleben des Sozialismus geprägt waren, in die Arbeitslosigkeit entließ. Besonders hart waren die Frauen betroffen. Vielfach brachen neue (oder alte) Geschlechterdifferenzen auf. In der DDR war den Geprächspartnern der Wohnalltag eine kleine selbstgestaltete Welt in berechenbarem Rahmen mit Mitgestaltungsmöglichkeiten im lebensweltlichen Bereich. Gerade in der Nachwendezeit erlebten sich die Gesprächspartner häufig dann umso mehr als Spielball der außerhalb ihrer Mitwirkungsmöglichkeiten liegenden Veränderungen. Aber sie schilderten auch neue Wahlmöglichkeiten in Konsum, Hobby und Beruf. Die neue Reisefreiheit eröffnete neue Horizonte. – Insgesamt zeichnete die Mehrheit der Interviewpartner in ihrem Erinnern ein überwiegend harmonisierend-ostalgisches Bild ihres Alltagslebens in der DDR. Kritik an Enge und Beschränktheit der Nischenwelt war kein Erzählthema. Doch selbst diese Weichzeichnung der Erinnerung ist bedingt und bezogen auf die Herrschaftspraxis im DDR-Sozialismus.

Selbst in ihrer Eigenwahrnehmung charakterisierten die Interviewpartner also den Ort ihres Alltags in vielfältigen Bezügen auf das System und seine Herrschaft. Sie bleiben aber weitgehend bei einer harmonisierenden Sicht auf die heile Welt ihrer Nischen. Sie stellen sich im Interview als jemanden dar, der trotz Schwierigkeiten sein Leben gemeistert hat. Erst aus einer wissenschaftlichen Außenperspektive wird die dialektische Durchdringung und Bedingtheit von totalitären Strukturen und Alltagskonstruktion in den Nischen deutlich. Besonders eindrücklich hat darauf der ostdeutsche Historiker Stefan Wolle hingewiesen:

„Es hat beides gegeben, die biedermeierliche Gartenzwergidylle des DDR-Alltags und das Repressionssystem. Sie haben aber – auch wenn es vielen so schien oder heute so scheint – nicht unabhängig nebeneinander existiert. Das eine war die Bedingung des anderen. Zwischen dem saubergeharkten Todesstreifen an der Mauer und den gepflegten Vorgärten der Datschenkolonien bestand eine dialektische Einheit der Gegensätze.“ (S.38) [2]

2 Hauptthesen zur Deutung des Alltags im Sozialismus:

1. Günter Gaus, der langjährige ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin prägte den Begriff der „Nische“:Der Alltag in der DDR sei der Sonderbereich einer „Nische“. Dazu zählter in seinem essayistischen Band etwa gelöstes Zusammensein in Schrebergarten oder im häuslichen Bereich mit einer Kultur vieler Witze über das politische System. [3]

Dahinein passt, daß sich alle Gesprächspartner Zuhause im Bereich ihrer Wohnung frei fühlten und unbefangen staatskritisch äußerten. Sie berichteten,sie hätten genau unterschieden, was sie im Privatbereich und was im öffentlicheren Betrieb über den Staat äußerten.

Gaus ist vielfach im Sinne einer Doppelkulturtheorie missverstanden worden, daß es zwei voneinander unabhängige Lebensbereich gegeben habe, die private und unpolitische Welt des autonomen Alltags in den Nischen und die politisch von offizieller Seite kontrollierte Welt des öffentlichen Bereichs. Dagegen betont Gaus selbst immer wieder, daß er die „Nischen im Sozialismus“ meine.

2. These von der „durchherrschten Gesellschaft“ [4] von Alf Lüdke:Dafür sprechen die Fakten, daß die Stasi etwa über die Kinder die Eltern ausspionierte. Zugang und Aufstieg in Ausbildung und Beruf kontrollierte. Oder Eheleute einander ausspionierten.

Dahinein passt, daß alle DDR-Bürger ein sog. Hausbuch führen mussten, wo sie sämtliche Besucher eintragen mussten. Auch einige meiner Interviewpartner berichteten, der Gebietspolizist, der sogenannte Abschnittsbevollmächtigte, sei zu ihnen in die Wohnung gekommen unter dem jederzeit zur Verfügung stehenden Vorwand, das Hausbuch kontrollieren zu müssen. Weniger direkt war die Kontrolle, wenn Kinder über häusliches Geschehen in der Schule ausgefragt wurden, wie mir eine Gesprächspartnerin erzählte. Sie durfte unter anderem. aus solchen Gründen kein Abitur machen oder studieren.

Conclusio: So sind meiner Meinung nach die beiden aufgezeigten Thesen kein Widerspruch. Sie argumentieren nur auf unterschiedlichen Ebenen: Der DDR-Alltag ist sowohl ein Sonderbereich einer Nische der Privatheit als auch Teil des Lebens in einer durchherrschten Gesellschaft. Diese Opposition ergibt sich nur aus den unterschiedlichen Betrachtungsweisen. Die Betrachtung struktureller Momente ergibt, dass Herrschaft und Kontrolle des SED-Staates bis in Wohnung, Familie und Ehen reichte und der Alltag erst durch den Bezug auf Herrschaft definiert war. Dem widersprechen aber die Erfahrungen der meisten „DDR-Normalbürger“. Für sie war ihr Wohnalltag ein Bereich, in dem sie sich relativ frei und selbstbestimmt fühlten. Aber genau das ist ihre Konstruktionsleistung, die meine Arbeit im dinglich-konkreten, sozialen und gedanklichen Bereich aufzeigt. Damit ist auch die Einleitungsfrage beantwortet: Herrschaft und Eigen-Sinn sind im Wohnalltag durch diese Alltagskonstruktion verknüpft. Mit ihr schufen sich die DDR-Bürger den Rahmen, in dem sich erst ein Alltag leben lässt.

Die Alltagskonstruktion der zwei Welten ermöglichte es sich nach außen hin im öffentlichen Bereich anzupassen und nach innen hin in den Nischen seinen Eigen-Sinn zu leben. Die Doppelung ging aber noch weiter: In jeder Handlung konnten die DDR-Bürger die für sie passende Ebene wählen. So war es gleichzeitig möglich die geforderte Anpassung zu erbringen und doch seine Eigenständigkeit zu bewahren. Das ermöglichte dazuzugehören zur Gesellschaft und doch kritische Distanz zu bewahren. Mit der Alltagskonstruktion der zwei Welten konnte aber auch das eigene Beteiligtsein am Unrechtssystem abgespalten, Unwahrhaftigkeiten des eigenen Lebens verdrängt werden. Das allzu bequeme Arrangement der zwei Welten konnte auch Kritik und echten Widerstand verhindern.Gleichzeitig blieb diese Art der Identitätskonstruktion auch in der Abgrenzung noch an den einen totalitären Staat gebunden. Es war keine offene Identitätskonstruktion, wie sie sich in westlichen Ländern in zunehmend multikulturellen Gesellschaften seit einigen Jahren verstärkt herausbildet, wo eine Person in vielen verschiedenen „Welten“gleichzeitig leben kann. Unter den einschränkenden Bedingungen der Diktatur war die Alltagskonstruktion der zwei Welten für viele der einzig gangbare Weg, einen Rahmen eigener Identitätsbildung zu schaffen; so war sie eine kreative Leistung, Sich-Selbst doch als Einheit zu konstruieren. Sie konnte aber auch eine Flucht vor der Wirklichkeit oder eine Persönlichkeitsspaltung [5] befördern. So prägte der DDR-Alltag die Menschen bis in die Persönlichkeitsstruktur hinein. Es stellt sich die Frage, was von dieser Doppelung die Menschen beibehalten haben.



[1]Silbermann (1993), S. 60. Auch statistisch ist die Dominanz der großen Wandschränke für ostdeutsche Wohnzimmer nachgewiesen: Nur 18% der Westhaushalte nennen für ihr Wohnzimmer einen Einbauschrank, dagegen 58% der Osthaushalte einen Einbauschrank/Wandschrank, – hingegen freistehende Schränke in Westhaushalten überwogen: 74% versus 39% in Osthaushalten. 

[2] Wolle, Stefan: Herrschaft und Alltag, 1997, S. 38.       

[3] Gaus, Günther: Wo Deutschland liegt. Eine Ortsbestimmung. Hamburg 1983.     

[4]erstmals Lüdtke, Alf: „Helden der Arbeit“ – Mühen beim Arbeiten. In: Kaelble u. a.(Hrsg.): Sozialgeschichte der DDR, 1994, S. 188. Siehe auch Kocka (1994): Eine durchherrschte Gesellschaft. In: Kaelble u. a.(Hrsg.): Sozialgeschichte der DDR, S. 547 – 553. Lindenberger (1999): Die Diktatur der Grenzen. Darin Abschnitt: „Durchherrschung“ und die „Grenzen der Diktatur“, S. 19 – 20.     

[5] vergleiche kritisch die Arbeiten des ostdeutschen Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz