{"id":2275,"date":"2020-09-11T20:45:07","date_gmt":"2020-09-11T20:45:07","guid":{"rendered":"http:\/\/margarete.meggle-freund.de\/?p=2275"},"modified":"2024-06-23T17:45:52","modified_gmt":"2024-06-23T17:45:52","slug":"hygiene-am-bauernhof-in-haus-und-stall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/?p=2275","title":{"rendered":"Hygiene am Bauernhof in Haus und Stall &#8211; Saubere H\u00f6fe und gesunde Tiere f\u00fcr unverseuchte Lebensmittel"},"content":{"rendered":"<h1>Hygiene am Bauernhof in Haus und Stall<\/h1>\n<h3>Saubere H\u00f6fe und gesunde Tiere f\u00fcr unverseuchte Lebensmittel<\/h3>\n<div>\n<p>Begleitend zur gro\u00dfen Sonderausstellung \u201eSauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land\u201c, die in der Saison 2020 im Fr\u00e4nkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken zu sehen ist, stellt das Museum eine kleine Geschichte der Hygiene auf dem Land als Zeitungsserie in sechs Stationen vor. In der dritten Station besch\u00e4ftigt uns die Frage, wie die neuen Ideen und Erkenntnisse der Hygienebewegung das Leben in Haus und Stall am Lande ver\u00e4ndert haben. Mit welchen baulichen Ma\u00dfnahmen sollten die traditionellen Bauernh\u00f6fe hygienisch umgestal-tet werden? Was sollten die Menschen im Umgang mit den Tieren und den tierischen Le-bensmitteln wie der Milch ver\u00e4ndern?<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Das enge Zusammenleben von Menschen und Tieren pr\u00e4gte das Arbeiten und Wohnen am Lande. Besonders im Winter sch\u00e4tze man die N\u00e4he zu den Tieren wegen ihrer W\u00e4rme. Der Fortschritt der Neuzeit brachte eine immer weiter gehende Trennung von Wohnung und Stall. An diesem Punkt setzten die Reformvorstellungen von gesundem Wohnen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert an. Waren bis dahin der Schutz der Menschen vor N\u00e4sse und K\u00e4lte, das Bewahren der Essensvorr\u00e4te vor Ungeziefer und Verderben und das Bergen der wertvollen Nutztiere vorrangige Ziele des Behausens, so kam jetzt Licht, Luft und geordnete Beseitigung der tierischen und menschlichen Exkremente als Leitideen des Bauens dazu. Noch in den 1960er-Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts drehte sich die Beratung der Landwirtschafts\u00e4mter um diese Themen.<\/p>\n<\/div>\n<h5>Mensch, Vieh und Mist auf engstem Raum<\/h5>\n<div>\n<p>Elisabeth Freund, Lehrerin an der Landwirtschaftsschule Bischofsheim a. d. R\u00f6hn, war in den 1960er Jahren als Beraterin f\u00fcr den Umbau von landwirtschaftlichen Anwesen im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums unterwegs. Sie dokumentierte einige der besuchten H\u00f6fe. Diese Schwarzwei\u00dffotos gew\u00e4hren Einblick in eine Alltagsrealit\u00e4t hinter den Fassaden, wie sie bis dahin \u00fcber Jahrhunderte normal war, die aber sonst fast nie abgebildet wurde. Damit sind diese unscheinbaren Fotos f\u00fcr Alltagshistoriker wertvolle Dokumente f\u00fcr ein Leben, das sich seitdem grundlegend ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Hier zeigen wir als Beispiel einen Blick in den Innenhof eines R\u00f6hner Bauernhofes, den Elisabeth Freund fotografierte. Die Natursteinmauer links im Bild geh\u00f6rt zum Stall, in dem das Gro\u00dfvieh, also Rinder und Pferde untergebracht war. Wohntrakt und Stall finden sich im Wohnstallhaus unter einem gemeinsamen Dach. So blieb die Abw\u00e4rme der Tiere im Haus und die gro\u00dfen Nutztiere, als das wichtigste Besitztum der Bauern, waren stets in der N\u00e4he der Bewohner untergebracht. Ammoniakemissionen und Ger\u00fcche der Tierhaltung drangen unl\u00f6slich tief ins Mauerwerk ein. Etwas zur\u00fcckversetzt schlie\u00dft der \u00fcberbaute Schweinestall und schlie\u00dflich die Scheune an. Nur eine schmale Fl\u00e4che an der Stallwand ist befestigt. In der Bildmitte ist ein gro\u00dfer Misthaufen zu sehen, dessen Exkremente meterweit in den sonst unbefestigten Hof abflie\u00dfen. Rechts sind \u00c4ste mannshoch aufgesch\u00fcttet. Das k\u00f6nnte Krackelholz sein, d\u00fcrre \u00c4ste, die mit Stangen von den B\u00e4umen abgeschlagen wurden, um sie als Brennholz zu verwenden. Davor liegt ein Hackstock, der umgefallen ist. Im ganzen Hof bewegen sich scharrende und pickende H\u00fchner. Damit diese und andere Tiere nicht durch die offene Haust\u00fcre ins Haus gelangen konnten, hatten manche H\u00f6fe halbe Lattent\u00fcren am Hausflur. Bei Regen weichte der ganze Hof auf. Unweigerlich trugen die Bewohner, wenn sie diesen Hof \u00fcberquerten die Exkremente und den Mist auch ins Wohnhaus. Bei Betrachtung des Fotos kann man sich auch gut vorstellen, dass oft auch die N\u00e4he von Misth\u00e4ufen zu Hofbrunnen ein Problem darstellte, wodurch Keime ins Trinkwasser gelangen konnten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/csm_Roehner_Bauernhof_mit_offenem_Misthaufen__Foto_Elisabeth_Freund_2_Haelfte_1960er__Freilandmuseum_Fladungen_9986cb9c17.jpg\" alt=\"\"><\/p>\n<div>\n<p><i>R\u00f6hner Bauernhof mit offenem Misthaufen, Foto Elisabeth Freund, 2. H\u00e4lfte 1960er (Sammlung Freilandmuseum Fladungen)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/csm_Melkerin_in_verschmutzter_Einstreu__Buxheim_bei_Ingolstadt__1960er__Fotosammlung_Spaeth_94b55aeb1c.jpg\" alt=\"\"><\/p>\n<div>\n<p><i>Handmelkerin in der verschmutzten Einstreu, Buxheim bei Ingolstadt, 1960er Jahre (Fotosammlung Sp\u00e4th)<\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h5>Bauliche Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Licht, Luft und Sauberkeit<\/h5>\n<div>\n<p>Eine bauliche Ma\u00dfnahme zur Verbesserung der Hygiene ist im Bild zu erkennen. Wenigstens ein schmales St\u00fcck am Haus ist befestigt. Die Pflasterung der Gred, des Bereichs vor dem Hauseingang, und ein Dach\u00fcberstand, ein Greddach, konnten dazu beitragen, trockenen Fu\u00dfes \u00fcber den Hof zu gelangen. Um die neuen Leitideen von Licht, Luft und Sauberkeit im Haus umzusetzen, war im Inneren der wichtigste bauliche Schritt den Wohnbereich vom Rauch des offenen Feuers zu befreien. Solange \u00fcber dem offenen Feuer mit offenen Kaminen gekocht wurde, waren besonders die K\u00fcchen mit bei\u00dfendem Rauch erf\u00fcllt. Die Einf\u00fchrung geschlossener Herde, bei denen das Herdfeuer in einem gemauerten Raum oder in einem Metallkasten brannte, befreite die Wohnr\u00e4ume vom Rauch. Die sich seit dem 19. Jahrhundert durchsetzenden geschlossenen Herde wurde wegen ihres geringeren Holzverbrauchs \u201eSparherde\u201c genannt. Gr\u00f6\u00dfere Fenster und das Verputzen der W\u00e4nde im Wohnbereich und im Stall lie\u00dfen die R\u00e4ume heller wirken. Kalkputz verhindert aufgrund seiner chemischen Eigenschaften die Ansiedlung von Bakterien und Schimmelpilzen und wurde deshalb besonders f\u00fcr St\u00e4lle empfohlen. F\u00fcr den Stall wurden steinerne Futtertr\u00f6ge und vor allem die Trennung von Mist- und Futtergang angeraten. So konnten in einer getrennten Jaucherinne die fl\u00fcssigen Exkremente abflie\u00dfen, ohne dass es zu einer Vermischung mit dem Futter kam. Die Misth\u00e4ufen wurden an die Au\u00dfenseiten der H\u00f6fe verlegt. Heute legt die Bauordnung eine Schmutzschleuse f\u00fcr landwirtschaftliche Anwesen fest.<\/p>\n<\/div>\n<h5>Tier- und Lebensmittelhygiene<\/h5>\n<div>\n<p>Gesunde Tiere sollten gesunde Lebensmittel garantieren. So gehen Tier- und Lebensmittelhygiene \u00fcber weite Strecken Hand in Hand.<\/p>\n<p>Seit bekannt wurde, welche Rolle Bakterien bei der Entstehung von Krankheiten spielen, stellte die Milch einen Brennpunkt der hygienischen Bem\u00fchungen dar. Die Milch wurde als ebenso wertvolles wie verderbliches Lebensmittel identifiziert. Selbst wenn die Milch aus kerngesunden Eutern stammt, weisen die ersten Milchstrahlen erschreckend hohe Keimzahlen auf, weil Bakterien ein St\u00fcck weit \u00fcber die Zitzen eindringen. Aber erst recht nach dem Melken ist die Milch gef\u00e4hrdet, bildet sie doch einen idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr die rasante Vermehrung von Keimen, von denen die Luft selbst in vorbildlichen St\u00e4llen schwirrt. (S. 237-238) Im Laufe des 20. Jahrhunderts setzte sich die Milchhygiene immer mehr durch: Schritte auf dem Weg zunehmender Sauberkeit von Stall, Kuh und Melkpersonen waren das L\u00fcften des Stalls, der Verzicht auf das F\u00fcttern und Misten w\u00e4hrend des Melkens, saubere und gesunde Melkpersonen, S\u00e4ubern des Euters, Vormelken und restloses Ausmelken, Reinigen der Milch mit Seiht\u00fcchern, rasches Herunterk\u00fchlen der Milch und penible Hygiene beim Lagern und Transportieren. Milch ist heute zu einem sicheren Lebensmittel geworden.<\/p>\n<p>Inzwischen haben automatisierte Melkanlagen das Handmelken \u00fcberfl\u00fcssig gemacht. Es legt kein Mensch mehr Hand an. Und auch baulich gibt es in den heutigen Milchviehbetrieben eine fast vollst\u00e4ndige Trennung von Tier und Mensch. Das war eine Voraussetzung f\u00fcr die Umsetzung der Hygiene am Bauernhof. Unterst\u00fctzt wird sie seit den 1950er Jahren durch ein allgemeines landwirtschaftliches Schulwesen. Einen grundlegenden Wandel brachte seit den 1970er Jahren die fl\u00e4chendeckende Wasserversorgung und der Anschluss an die Kanalisation auch am Lande. Inzwischen gibt es Entwicklungen ins Extreme. Auf Ertragsoptimierung hochgez\u00fcchtete Schweine werden unter prophylaktischem Einsatz von Antibiotika in Dauerquarant\u00e4ne gehalten. Diese liefern \u00e4u\u00dferlich reines Fleisch, das aber sch\u00e4dlich f\u00fcr Mensch und Umwelt ist. Auch heute sind begrenzende Vorschriften und ihre Durchsetzung durch Kontrollen zum gesundheitlichen Wohl der Allgemeinheit gefragt. Staatliches Engagement und Vorschriften im Schulwesen, der Wasserversorgung, der Bauordnung oder bei Hygienevorschriften f\u00fchrte in den letzten hundert Jahren zur allgemeinen Durchsetzung hygienischer Standards.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Beitrag dieser Serie betrachtet den Lebensbereich der B\u00e4uerinnen. Wie hat sich das Kochen, Schlafen oder Waschen unter hygienischen Vorstellungen ver\u00e4ndert und damit auch die Rolle der Frauen? Haben Frauen die \u00e4u\u00dferen Hygienenormen verinnerlicht? Die Sonderausstellung \u201eSauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land\u201c im Fr\u00e4nkischen Freilandmuseum bietet gerade aus dem h\u00e4uslichen Lebensbereich viele Beispiele, an die sich die \u00e4lteren Besucher gerne und lebhaft erinnern. In Zeiten der Pandemie riechen wir nicht nur nach frisch gewaschener W\u00e4sche, sondern auch nach Desinfektionsmittel. Erscheint uns das inzwischen schon als Wohlgeruch?<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Diese Serie st\u00fctzt sich auf den Katalog zur gleichnamigen Ausstellung: \u201eSauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land. Petersberg (Michael Imhof Verlag) 2019, 256 S. mit zahlreichen farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-7319-0837-1, 19,95 \u20ac, Bezug \u00fcber Fr\u00e4nkisches Freiland-museum info@freilandmuseum.de oder den Buchhandel.<\/p>\n<\/div>\n<p><!-- {\"type\":\"layout\",\"children\":[{\"type\":\"section\",\"props\":{\"style\":\"default\",\"width\":\"default\",\"vertical_align\":\"middle\",\"title_position\":\"top-left\",\"title_rotation\":\"left\",\"title_breakpoint\":\"xl\",\"image_position\":\"center-center\"},\"children\":[{\"type\":\"row\",\"children\":[{\"type\":\"column\",\"props\":{\"image_position\":\"center-center\",\"media_overlay_gradient\":\"\"},\"children\":[{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"title_element\":\"h1\",\"content\":\"Hygiene am Bauernhof in Haus und Stall\"}},{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"title_element\":\"h3\",\"content\":\"Saubere H\\u00f6fe und gesunde Tiere f\\u00fcr unverseuchte Lebensmittel\"}},{\"type\":\"text\",\"props\":{\"margin\":\"default\",\"column_breakpoint\":\"m\",\"content\":\"\n\n<p>Begleitend zur gro\\u00dfen Sonderausstellung \\u201eSauberkeit zu jeder Zeit! 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Was sollten die Menschen im Umgang mit den Tieren und den tierischen Lebensmitteln wie der Milch ver\u00e4ndern?<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2275","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2275","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2275"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2275\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2708,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2275\/revisions\/2708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/margarete.meggle-freund.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}