Gesammelte Gegenwart- Eine virtuelle Ausstellung

Zur Phänomenologie der Dinge


Wie die Dinge des Alltags zu uns sprechen können

Was macht einen allt√§glichen Gegenstand zu einem Konkretum ph√§nomenologischer Ausdeutungskraft im Alltag unserer Gegenwartskultur? Eine Frage, die sich stellen muss, wenn einzelne, ganz unterschiedliche Gegenst√§nde unseres allt√§glichen Gebrauchs bzw. Wahrnehmung wie Kaugummiautomat, Knorr-Fixt√ľte oder Dameneinwegrasiererausgew√§hlt wurden und nun zu einer Ausstellung im Internet zusammensgestellt - als quasi virtuelles, museales Konzept pr√§sentiert werden.

Einerseits k√∂nnen komplexe gesellschaftliche Prozesse und ihre Zust√§nde wie der des Alltags oder vielmehr noch der der √ľbergeordneten ¬ĄKultur¬ď in kein hermetisch abgeschlossenes, rein stringentes Beschreibungssystem aufgenommen werden und bleiben somit unbestimmbar. Denn welcher Bereich menschlichen Handelns kann unabh√§ngig seiner kulturellen-, d.h. kollektiven Einbindung beschrieben, geschweige denn (als Vorbedingung dessen) beobachtet werden? Andererseits bieten die Dinge des Alltags, des allzu allt√§glichen Gebrauchs und Nutzens, als zun√§chst sequentiell gedachte Endprodukte einer scheinbar zusammenh√§ngenden Kette von Ursache und Wirkung ein Konkretum materieller- als auch immateriell ¬Ė intensionalistischer Art.

So symbolisiert der allbekannte Kaugummiautomat der Nachkriegszeit - auch heute noch vielerorts auffindbar ¬Ė den einstigen Siegeszug des freundlich gesinnten, Kaugummi verteilenden amerikanischen Soldaten in Automatenform zum einen und den Einzug des kapitalistischen Realismus in die Kinderweld des Puppen- und Spielladens als quasi sukzessive Konsumkonditionierung des kleinen heranwachsenden Staatsb√ľrgers.

Die Intensionen sind ganz unterschiedlich und kontextabh√§ngig ablesbar oder vielmehr interpretierbar. Sie k√∂nnen Bewu√ütseinsprozesse einzelner bzw. eines gesamten Kollektivs durch die Konkretheit ihrer Materialit√§t transportieren. Dies, so auch ein Konzept des Werkbundarchivs in Berlin, gel√§nge nur in einem ¬Ąalchimistischen¬ď, d.h. kombinationsreichen, experimentellen, Verfahren, welches es uns erm√∂glicht, verborgene, gesamtheitlich bezogene Strukturen aus unterschiedlichem Blickwinkel kultureingebunden r√ľckblickend aufzudecken. Einer solchen ¬ĄAlchemie des Alltags¬ď(1) ist der Glaube an ein menschliches Einf√ľhlungsverm√∂gen durch Projektion ¬Ąseelischer¬ď, symbolischer und mentaler Gehalte in die Gegenst√§nde hinein verbunden. Die r√ľckwirkende Methode des Hineinf√ľhlens und Verstehens begr√ľndet sich √ľberhaupt erst durch die Annahme, die Dinge h√§tten nur ihre existenzielle Relevanz durch menschliche Einf√ľhlung. Diese ph√§nomenologische, ja existenzielle Grunds√§tzlichkeit macht die Dinge f√ľr uns erst √ľberhaupt lesbar und m√∂glicherweise verstehbar.(2)

Eckhard Siepmann erkl√§rt in dieser Unterscheidung einer ¬Ąobjektiven Kultur¬ď von einer ¬Ąsubjektiven-¬ďImpuls, Intension und Kraft als entscheidende Aspekte menschlichen Handelns und damit Ph√§nomene einer kulturell eingebundenen Dinghervorbringung und -werdung.(3) Anders umschrieben, zeichnen sich Dinge im Gegensatz zu Zeichen durch Konkretheit und Dauerhaftigkeit, in denen Menschliches eingeschlossen ist, aus. Sie sind in ihrer Hervorbringung ¬Ąwie auch immer¬ď psychisch motiviert, k√∂nnen aber auch, so Gottfried Korf(4), durch wiederum psychische Anstrengungen aus einem anderen, fremden Blick interpretiert werden.

Hier tut sich eine zirkelnde Phänomenologie des Gegenstandes auf, die sinnlich empirisch das im Unterbewußten gelegene Verhältnis der Bezugnahme von subjektiver- und objektiver Welt im Kontext komplexer gesellschaftlicher Phänomene als Indikatoren der Dinghervorbringung und -nutzung zu erfassen sucht.(5)

Die Konkretheit des (uns) gewöhnlichen Alltagsgegenstandes bietet aber ganz verschiedene Lesearten.

Eine Knorr-Fixt√ľte ist nicht nur das Ergebnis einer allgemeinen angestrebten kulinarischen Geschmackskultur als Folge natriumglutamat-basierenedem, zweckrationalisierten Lebensmitteldesigns, sondern steht je nach Blickwinkel f√ľr einen weitreichenden gesellschaftlichen Lebenswandel westlicher Zivilisationen: Emanzipation, Workaholictum oder Singeldasein.

√úber die funktional-instrumentalen Eigenschaften hinaus haben Gegenst√§nde also verschiedene symbolische und mentale Aussagekraft. Dieser Komplexit√§t versucht eine ph√§nomenologische, d.h. vielschichtige, breitgef√§cherte Leseart, gerecht werden zu k√∂nnen. Es ist weniger der Glaube daran, alle Aussagen eines Gegenstandes, ob produkt- oder mentalgeschichtlich, dadurch gesamtheitlich zu erfassen, als vielmehr die ¬ĄFreiheit¬ď einer kulturelle Prozesse ber√ľcksichtigenden und Geschichte erfassen wollenden ¬Ąoffenen¬ď Interpretation des Gegenstandes im Alltag.

So darf es vielleicht auch nicht verwundern, wenn ein Damen(einweg)rasierer Sinnbild sowohl weiblicher Emanzipation zur Betonung eines zwar kultivierten, aber dadurch ausgepr√§gteren Geschlechtsdimorphismus bedeutet, als auch hier die Vermutung traditionell subeversiver Kontrolleinwirkung des Mannes √ľber das Sch√∂ne Geschlecht und somit m√§nnliche Oktroyierung eines Sch√∂nheitsideals als sexistisch-chauvinistische Rollenzuweisung und -aufzw√§ngung par excellence vorliegen k√∂nnte.

Somit lässt sich abschließend in etwa den Worten Gottfried Korffs feststellen, dass die phänomenologische Kraft der Konkretheit der Dinge, den Blick auf verschiedene Kontexte und Bedeutungsfelder möglich macht, wodurch das Ding als Träger von komplexen Bedeutungen je nach Arrangement und Zusammenhang Sinn, Funktion und Intension ändern kann.(6)

(Martin Hoffmann)


(1) Siehe gleichnamige Publikation des Werkbundarchivs: Alchimie des Alltags, Bd. 15, Das Werkbund-Archiv - Museum der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts, Ausstellungskatalog, 1987 (2) Vgl. Theodor Lipps, √Ąsthetik: Psychologie des Sch√∂nen, Hamburg 1903 (3) Eckhard Siepmann, Gr√ľndungszusammenhang ¬ĄStudentenbewegung¬ď: Alltag ¬Ė Kultur ¬Ė Alltagskultur, in: www.werkbundarchiv-berlin.de (4) Gottfried Korff, Paradigmenwechsel im Museum?, √úberlegungen aus Anlass des 20j√§hrigen Bestehens des Werkbund-Archivs, vorgetragen am 27. Mai 1993 im Martin-Gropius-Bau, in: www.werkbundarchiv-berlin.de (5) Vgl. Krzysztof Pomian, Der Ursprung des Museums, Vom Sammeln, Berlin 1988, S. 95 ff. (6) Vgl.Gottfried Korff, Paradigmenwechsel im Museum?, √úberlegungen aus Anlass des 20j√§hrigen Bestehens des Werkbund-Archivs, vorgetragen am 27. Mai 1993 im Martin-Gropius-Bau, in: www.werkbundarchiv-berlin.de



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