Jakobsweg, Santiago de Compostela
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Spirituelle Motive: der Camino als Erfahrungsweg

┬äGedr├Ąngel auf dem Pfad der Sinnsuchenden┬ô proklamierte die S├╝ddeutsche Zeitung[13]. Kaum ein Zeitungsartikel zum Jakobsweg kommt ohne den Verweis auf die mit dem Pilgern verbundene Sinnsuche und spirituelle Erfahrung aus. Der Psychologe Rudolf Sponsel definiert Spiritualit├Ąt als mehr oder minder bewusste Besch├Ąftigung mit ┬äSinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben.┬ô[14] ┬äDie Erfahrung des Jakobsweges┬ô ist durch viele Pilgerberichte zu einem feststehenden Ausdruck geworden.

Menschen mit und ohne religi├Âse Bindung sind heute unterwegs auf dem Jakobsweg, mal alleine mal in Gruppen. Dabei ist eine Analogie zu beobachten zwischen der Organisation des Wanderns und der Art und Weise sein geistiges Weltbild aufzubauen: Je nach Bedarf sucht man sich Gesinnungsgruppen von der Kirchenbindung, ├╝ber den esoterischen Zirkel bis hin zur psychologischen Selbsterfahrungsgruppe. Letztendlich beansprucht aber jeder Einzelne f├╝r sich seine eigene ┬äwahre┬ô Erfahrung ┬ľ gemessen an der eigenen Lebensphilosophie. Im Gegensatz zu dem vormodernen Pilger, der sich eingebunden sah in die Gemeinschaft der Gl├Ąubigen, ist der individualisierte moderne Sinnsucher vielfach frei von formulierten religi├Âsen Deutungssystemen. Damit stehen ihm allerdings auch nicht mehr die Begriffe der Religion zur Beschreibung seiner Erfahrungen zur Verf├╝gung. Es ist deshalb einfach nur noch diffus von ┬äder Erfahrung┬ô die Rede.

Bezeichnend ist auch die Umkehrung der geistigen Richtung: Strebten die mittelalterlichen Pilger nach dem Ziel, am Wallfahrtsort einen Ablass zu erhalten oder dort bestimmte Reliquien direkt verehren zu k├Ânnen. Sie waren ausgerichtet, auf das gro├če Lebensziel nach dem Tode in den Himmel einzugehen und so am Zielpunkt christlicher Sch├Âpfungsvorstellung an Christi Wiederkunft am J├╝ngsten Tag teilzuhaben. F├╝r den modernen Pilger dagegen ist ┬ľ frei nach Konfuzius ┬ľ der Weg das Ziel. Der Weg wird verstanden als ein ├ťbungsweg. Auf-dem-Weg-Sein wird somit zu einer Grundeinstellung. Im Bild des Wanderers auf dem Weg beschreibt auch der Religionssoziologe Winfried Gebhardt den ┬äPrototypus sp├Ątmoderner Religiosit├Ąt┬ô[15].

Die auf dem Weg m├Âgliche Erfahrung von Einheit, einem Verschmelzen mit dem Absoluten, ist der Kern der mystischen Traditionen aller Weltreligionen. Dort ist sie, da sie jenseits der diskursiven Sprache liegt, wenn ├╝berhaupt, dann nur in poetisch-bildlicher Sprache ausgedr├╝ckt. Deshalb ist diese Erfahrung offen f├╝r alle Menschen aus allen Kulturen und kann somit zu einer tiefen Verbundenheit f├╝hren. Die Erfahrung des Getragenseins ┬ľ des Kontakts mit einem solchen Absoluten ┬ľ findet sich, mehr oder weniger deutlich formuliert, in vielen Pilgerberichten. Klar hat sie Hape Kerkeling zum Ausdruck gebracht: ┬äIrgendwann schalte ich im Kopf tats├Ąchlich den Denkstrom ab und denke einfach nichts mehr. ... Alles wird eins: mein Atem, meine Schritte, der Wind, der Vogelgesang, das Wogen der Kornfelder und das k├╝hle Gef├╝hl auf der Haut. Ich gehe in Stille. Dr├╝cke ich w├Ąhrend des Wanderns mit meinen F├╝├čen auf den Weg oder dr├╝ckt der Weg auf meine F├╝├če? ... Wenn ich nichts denke, nichts ausdr├╝cke, bin ich aber trotzdem immer noch da. Auf dem Weg treffe ich eigentlich immer wieder nur auf eins: Auf mich.┬ô Am Ende fasst Kerkeling zusammen: ┬äMeine Erkenntnis des Tages ... ist eigentlich unsagbar. Ich habe Gott getroffen!┬ô[16]

„Der Jakobsweg“ hat sich zur Metapher für die Formulierung einer spirituellen Grunderfahrung unserer Gegenwart entwickelt.

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