Thesen zu Kleidung und Mode

Sich mit Kleidung und Mode zu beschäftigen scheint ein unerschöpfliches Feld. Gibt es doch nicht Kleidung per se, sondern Tracht, Arbeitskleidung, historische Kleidung, Kostüme usw. Die Volkskunde beschäftigte sich anfänglich mit Tracht als regionalspezifischer Kleidung. Heute setzt sich ein breit verstandene volkskundlich-kulturwissenschaftliche Kleidungsforschung mit Kleidung und dem Umgang mit Kleidung als einem komplexen kulturellen Zeichensystem auseinander.

Der Begriff „Kleidermode“ bzw. „Mode“ bezeichnet in diesem Feld ein Zweifaches, den Prozess und die Sache: „Mode“ meint sowohl den ständigen Wandlungsprozess, in dem etwas innerhalb einer Gesellschaft als vorherrschend oder dem Zeitgeschmack entsprechend angesehen wird, als auch das, was dieser gängigen Normen entspricht, und deshalb modisch ist.

Simmel, Georg: Philosophische Kultur. Philosophie der Mode. Leipzig 1919. S.27

Der Wechsel von Kleidung unterliegt nicht nur unterschiedlichen Bedingungen von Temperaturen, Witterung oder Arbeitsprozessen, sondern die Mode der Zeit gibt die Richtung vor. Von solchen rein funktionalen Aspekten scheint sich die Mode zu entfernen. Mode ist vielmehr ein Produkt stabiler Gesellschaften, die mit dem Spiel der Mode soziale Beziehungen und Gesetzlichkeiten ausdrücken.

Wie kommt es zum dauernden modischen Wechsel? Mit zunehmender Ausdifferenzierung der Gesellschaft entsteht das Bedürfnis nach sozialer Abgrenzung - nach Distinktion. Hier hat Mode nach Georg Simmel ihren Ursprung. Mit einer neuen Mode können sich obere Schichten auszeichnen und abgrenzen. Durch Nachahmung sickert aber jede neue Mode irgendwann nach unten und verliert damit ihren Distinktionswert. Um weiterhin ein Mittel der Abgrenzung zu haben, muss die nächste neue Mode geschaffen werden. Mode wird so als Raum der Aushandlung von Klasse, aber auch Kultur beschrieben.

So ist auch der Wunsch nach Schönheit kulturell geformt. „Schön-zu-sein“ ist ein im Wesen des Menschen tief verankertes Ideal, das aber im Wandel von Ort und Zeit immer neue Ausprägungen erfährt. Dadurch hat auch Mode keinen Bestand; sie muss sich immer neu erfinden. Gleichzeitig steht doch nur ein beschränktes Repertoire an Formen zur Verfügung, so dass die Mode immer wieder Elemente früherer Moden aufgreift. Der Umgang mit Vergangenheit erscheint ambivalent: einmal erscheint er kreativ, einmal nur als Verwendung bedeutungslos gewordener Hüllen. Ist Mode nur gesellschaftliche Konstruktion mit der Tendenz einer leeren Wiederholung von Wiederholungen?

Mode ist und war auch immer Ausdrucksmittel der Kunst. Losgelöst von der Nutzenfunktion wird der Mode zugeschrieben, Kunst alltagsfähig zu machen. So definiert die Mode Standards von Schönheit und Körperidealen immer wieder neu, beschreibt Ästhetik und inszeniert. Der Körper bleibt die Basis auf der sich die Mode entfalten kann, ohne ihn ist sie nichts, aber der Körper kann auch ohne die modische Hülle längst nicht mehr wahrgenommen werden. Mit der Mode formen sich Silhouetten neu und werden auch umgestaltet. Aber muss sich nicht auch die Mode zwangsläufig nach den vorhandenen Körpern richten? Oder kommt es zu einer Trennung von Mode und erwerbbarer Kleidung - hier Mode als reine Kunst für den Laufsteg und da zweckbestimmte Alltagskleidung?

Modischer Stil prägt als „Lifestyle“ unser Leben - eines der großen Worte unserer Gesellschaft. Formt Mode auch unseren Geschmack bei Lebensmitteln, Möbeln, Reisen, und anderen Gütern? Werden gar auch Gedanken zu Mode? Mode ist omnipräsent. Niemand kann sich der Mode ganz entziehen. Selbst Antimoden oder das bewusste Tragen „un-modischer“ Kleidung definieren sich aus der Abgrenzung und sind damit wieder bezogen auf Mode. So erscheint das Modische fast wie ein gesellschaftlicher Zwang. Dem entgegen steht, dass die Rolle der Trendsetter von wechselnden Gruppen besetzt wird, von der Hofdame bis zum Hollywoodstar. Außerdem ist auch ein Aufsteigen modischer Ideen von Randgruppen der Gesellschaft hin zur Mitte zu beobachten, wie beispielsweise der hier vorgestellte Kapuzenpullover, der ursprünglich ein Kleidungsstück im kriminellen Straßenmillieu war und den Designer inzwischen zum Anzug kombinieren. Wenn modische Ausdrucksformen so losgelöst von ihrer einstigen Bedeutung in einem anderen Zusammenhang verwendet werden, wie verändert sich dann ihre Bedeutung?

Mode ist Mittel der Inszenierung, ist Handlungsart, „cultural performance“. Mode drückt Identität aus, konstruiert Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Mainstream und Randgruppen. Als kulturelles Handeln erschafft Mode somit ein Gesamtbild. In jeder Interaktion ist also etwas „Modisches“ zu finden, das Individuum ist nicht losgelöst davon zu betrachten. Warum sollte man Mode also nicht nutzen können? Um sich zu behaupten, um sich mit bestehenden Mitteln gegen oder für einen Zustand auszudrücken, um mit ihrer Macht zu spielen?

Unsere virtuelle Ausstellung „Im Gewand der Gegenwart“ sucht nach aktuellen Trends und beobachtet Kleidungsstücke, die uns gerade jetzt oder schon länger begleiten, und versucht herauszufinden, was wir aus ihnen machen. So werden uns die Kleidungsstücke zu Zeichen unserer Zeit.

Johanna Wagner

Literatur: