Zwischen Altbau und Platte
Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen. Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR.

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C.IV.1. Erzählmuster: Selbstdarstellung als Opfer
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IV. Erzählmuster: Selbstdefinition in Relation zur DDR-
Vergangenheit
Während der Interviews hatte ich mich bewusst bemüht, meine Gesprächspartner nicht nach
ihrer genauen Stellung im politischen System zu fragen, um niemanden in einen Rechtferti-
gungsnotstand zu bringen. So wollte ich verhindern, dass die Interviews ein vorzeitiges Ende
fänden. Umso mehr überraschte mich, dass die meisten Gesprächspartner in freier Assoziation
im Laufe des Interviews von sich aus ihre Position im Verhältnis zum DDR-Staat bestimmten.
Dazu bedienten sie sich umfangreicher rhetorischer Strategien. Dieses Thema schien von be-
sonderer Bedeutung gewesen zu sein. Mit dem Wechsel des gesellschaftlichen Systems sahen
offenbar viele DDR-Bürger ihr ganzes bisheriges Leben auf dem Prüfstand. Es galt ihnen, sich
selbst in Relation zur DDR-Vergangenheit neu zu definieren. Waren dies neue Identitätskon-
struktionen oder Fortschreibungen von Früherem.
1. Selbstdarstellung als Opfer des DDR-Staates
Ausnahme: Frau Schön stellt sich als Opfer staatlicher Kontrolle dar. - Interpretation: Die Opferrolle wandelte sich
mit der Wende nicht automatisch in eine Position der Stärke. - Normalität und Terror prägten gleichermaßen den
Alltag in der DDR.
Einschneidende staatliche Kontrollen in ihrem Leben schilderte allein Frau Schön (3/24). Sie
stellte durch wiederholte Bezugnahme auf ihre Herkunft aus einer bewusst christlichen und
bildungs-bürgerlichen Familie ihre Familienidentität in den Vordergrund. Von ihrem Vater be-
richtete sie, dass er in der Zeit der stalinistischen „Säuberungen“ von der sowjetischen Besat-
zungsmacht als politischer Gefangener in Bautzen im Gefängnis inhaftiert war. Selbst beschrieb
sie sich als eingebunden in diese oppositionelle Haltung ihrer Familie: So berichtete sie auf
meine Frage, ob sie staatliche Kontrolle erlebt habe, eine ganze Serie von Zurückstellungen, die
sie im Laufe ihrer Schul- und Berufslaufbahn erdulden musste. Vom Ende ihrer Schulzeit etwa
erzählte sie:
„Ich war auch die einzige reine Konfirmandin gewesen. Bei uns gab’s doch da Jugend-
weihe und Konfirmation in der Schule. Des war achte Klasse, des ging dann schon los.
Des war Vorfeld von EOS dann. Wer reine Konfirmation hatte, keine EOS.“ (3)
Indem sie die Teilnahme an der Jugendweihe verweigerte, verweigerte sie es auch, ein Gelöbnis
auf den SED-Staat abzulegen. Deshalb durfte sie nicht die Erweiterte Oberschule (= EOS) be-
suchen, die zum Abitur führte. Die Zeit ihrer Berufsausbildung stellte Frau Schön als Fortset-
zung der persönlichen Benachteiligungen, verbunden mit menschlicher Enttäuschung, dar. So
erzählte sie etwa, dass ihr gekündigt worden war, weil sie sich geweigert hatte, in die FDJ-