
C.II.1. Fallbeispiel einer Wohnbiographie
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II. Wohnbiographien: Reden vom eigene Leben
zwischen staatlicher Wohnungsfürsorge und Eigengestal-
tung
Ihr Leben war den Interviewpartnern in den Wohninterviews selbst-verständlicher Bezugsrah-
men. Gleichzeitig geriet dabei alles Reden vom eigenen Wohnen auch zum Erzählen eigener
Biographie. Besonders eng war diese Verknüpfung, wenn die Interviewpartner ihre Wohnstati-
onen erzählten, also aufzählten, wo und wie sie im Laufe ihres Lebens gewohnt hatten. Ihre
Darstellungen gerieten dabei zu formal in sich geschlossenen Darstellungen. Diese Textteile
sollen im Folgenden in abgekürzter Sprechweise als ‘Wohnbiographien’ bezeichnet werden. Sie
stechen in den meisten Wohninterviews als längere und in sich abgeschlossene Textteile hervor.
Im Vergleich zu Abschnitten mit freien Assoziationen und dem Frage- und Antwortwechsel-
spiel in den Interviewtexten ist die Wohnbiographie strenger geformt. Schon deshalb gilt es, sie
besonders zu beachten. Es liegt nahe, bei den Wohnbiographien zu fragen: Wie hingen Wohnsi-
tuation und Lebensgeschichte zusammen. Wie bewerteten die Gesprächspartner ihr Leben un-
ter den vom sozialistischen System vorgegebenen Wohnumständen. Wie erinnerten sie sich an
ihr Leben und konstruierten sich damit im Erzählen ein Bild ihrer Person und Geschichte.
Am Ausgangspunkt steht die Erzählung von Frau Langer als Fallbeispiel für eine ganze
Wohnbiographie. Viele Stationen ostdeutscher Baukastenbiographien lassen sich an diesem
Beispiel vorstellen. Die Sprache gibt Hinweise auf die Sprechhaltung und damit auch die Be-
wertung der einzelnen Stationen. Am Fallbeispiel von Frau Langers Wohnbiographie lässt sich
auch ein Zusammenhang von Alltagserfahrung und politischer Philosophie herstellen. In einem
Exkurs ist dazu der theoretische Hintergrund aufgerollt. Im nächsten Schritt frage ich nach einer
Verallgemeinerung der Ergebnisse aus dem Einzelfall in der Zusammensicht aller Wohnbiogra-
phien.
1. Ein Fallbeispiel einer Wohnbiographie: Frau Langer erzählt ihr „ge-
wohntes“ Leben.
„M: Können Sie Ihre Stationen aufzählen, wo Sie schon überall gewohnt haben.
G: Na, ganz schön kompliziert.“
Mit diesem leichten Stöhnen beginnt Frau Langer ihre Wohnbiographie. Viele Faktoren spielen
hinein - letztlich ein ganzes Leben. Sein chronologisches Erzählen erfordert gedankliche Ord-
nungsarbeit. Gleich zu Beginn des Wohninterviews, nachdem die aktuelle Situation kurz ange-
sprochen ist, beginnt die Neununddreißigjährige spontan von verschiedenen Wohnstationen
ihres Lebens zu sprechen. Auf meine Bitte hin erzählte sie dann von ihren Wohnungen in chro-



