Dr. Margarete Meggle-Freund  |   Publikationen  |   Kontakt  

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tisch-modischen Vorbild angepasst, das sehr stark
von England beeinflusst war.
Der regionaltypische Kleidungsstil war um 1900 –
unserem Betrachtungszeitraum – von Gegend zu
Gegend unterschiedlich stark ausgeprägt, unter-
schiedlich auch in Pracht und Aufwand. Bekannte
Beispiele für Gegenden mit besonders aufwändiger
Tracht sind der Ochsenfurter Gau
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oder das
Werntal
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bei Schweinfurt, beides katholische
Gegenden in Unterfranken. Aber auch im vorwie-
gend evangelischen Mittelfranken gab es verschie-
dene Regionen mit typischer, allerdings weniger
spektakulärer Trachtenkleidung.
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Gemeinsam ist der traditionellen, regionaltypi-
schen Kleidung die Zusammensetzung, die sich
wohl zu Beginn der Neuzeit herausbildete:
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Rock,
ärmelloses Oberteil über dem kurz- oder langär-
meligen Hemd, langärmeliges Jackenoberteil und
SchĂĽrze. In manchen Gegenden erfuhr dieses
Schema im 19. Jahrhundert eine starke
Ausprägung
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mit besonders reichen
Schmuckformen. Die regionalen Unterschiede
lagen vor allem in Farbe und Auszier sowie in den
von Gegend zu Gegend sehr verschiedenartigen
Kopfbedeckungen, den Hauben. Aber auch inner-
halb einer Region unterschied sich die an sich ein-
heitliche Kleidungsweise: Die Lebensphase oder
der Familienstand der Trägerin, das Kirchenfest
oder der öffentliche Anlass, das Alter oder der sozi-
ale Status der Frau drĂĽckten sich durch die Wahl
von Stoff, Farbe und Dekor aus. Damit bildete die
Tracht fĂĽr eine lokal oder regional begrenzte
Gemeinschaft auch ein allen verständliches
Zeichensystem. So konnte man beispielsweise in
Ochsenfurt unter anderem an der Farbe der
SchĂĽrze ablesen, wie lange ein Todesfall in der
Familie der Frau zurĂĽcklag oder an der Art der
Kopfbedeckung sehen, dass sie bereits „unter die
Haube gekommen“ war.
Interessanterweise umschrieben die Trägerinnen
dieser Kleidung ihren Kleidungsstil selbst nicht als
„Tracht“, sondern als „Bauernkleid“
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oder als „bau-
risch“
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und unterschieden ihn damit durchaus
bewusst von der „städtischen“, modischen Klei-
dung.
Wandel des Kleidungsverhaltens im 19.
Jahrhundert
Obwohl es in Franken Gegenden gibt, in denen
ältere Frauen noch in den 1980er Jahren zum
Kirchgang ihr „Bauernkleid“ anlegten
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, wurde die-
ser Kleidungsstil seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts mehr oder weniger aufgegeben oder
nach städtisch-modischem Vorbild modifiziert.
Modische Neuerungen auf dem Land hat es seit
jeher gegeben. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
erfolgte der städtisch-modische Einfluss auf traditio-
nell-ländliche Kleidungsgewohnheiten jedoch viel
schneller und umfassender, wie sich ĂĽberhaupt die
Mode viel rascher als in den vergangenen
Jahrhunderten änderte. Innerhalb kurzer Zeit wur-
den Modeneuheiten der Oberschicht in mittleren
und unteren Sozialschichten aufgegriffen und ver-
breitet, so dass eine Art „Demokratisierung der
Mode“
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erfolgte, die zu einer weitgehenden
Nivellierung regionaltypischer Kleidungsstile fĂĽhrte
und sich der Anteil bĂĽrgerlich gekleideter
Menschen stark erhöhte
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.
Ob und in welchem Umfang dies geschah, hing zu
einem GroĂźteil von der Aufgeschlossenheit gegen-
über städtisch-modischen Neuerungen ab. Eine sol-
che Haltung ergab sich – das ist nahe liegend –
auch aus dem sozialen Umfeld, dem die Frau ent-
stammte. Die ländliche Bevölkerung bestand ja
nicht nur aus Bäuerinnen, vermögenden und weni-
ger gut gestellten, aus Tagelöhnerinnen und
Mägden – wobei auch diese bisweilen großes
Interesse an modischen Neuerungen zeigten, son-
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Fränkisches
Spektrum
Konfektionskleidung,
Nacht- und
Unterwäsche aus dem
Versandkatalog des
Kaufhauses Wertheim,
1903/04