Dr. Margarete Meggle-Freund  |   Publikationen  |   Kontakt  

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von Männern, Frauen und Kindern vertreten.
Neben einer Vielzahl an Accessoires, neben
„Kleidungszubehör“ wie Kopfbedeckungen, Ta-
schen, Schuhen, Schirmen und Spazierstöcken be-
inhaltet die Sammlung auch Unterwäsche in ihrer
vielfältigen Ausprägung wie wir in der zehn Jahre
zurückliegenden Ausstellung „Hemden – Hosen –
Unterwäsche“
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zeigen konnten. Auch in Museen
nicht immer vertretene sehr einfache, abgetragene
Alltags- und Arbeitskleidung, die vielfach dem Dik-
tat des Nutzens und der Sparsamkeit unterworfen
war, ist genügend vorhanden. Und „bessere
Kleidung“, Sonn- und Festtagskleidung – vor allem
für Frauen – ist vertreten, oftmals Stücke, die sich
nicht auftragen oder in Notzeiten umarbeiten lie-
Ăźen oder aus GrĂĽnden der Familientradition aufbe-
wahrt wurden. Bei dieser „besseren Kleidung“ han-
delt es sich zum einen um die bekannten
KleidungsstĂĽcke stark regionalspezifischen
Charakters, die wir üblicherweise als „Tracht“
bezeichnen, andererseits um Kleidung, die sich –
viel stärker als diese – an der zeittypischen Mode
orientierte, welche von der Oberschicht vorgege-
ben wurde und die folglich dem Aussehen nach
auch nicht einer bestimmten Region zuzuordnen
ist.
Damit macht unsere Sammlung deutlich – und dies
spiegeln auch viele zeitgenössische Fotos wider –
dass Kleidung auf dem Land um 1900 keineswegs
ein statisches, in sich abgeschlossenes Phänomen
war. Vielmehr wird hier die Vielfalt an
Möglichkeiten, ein ständiger Wandel und eine
groĂźe Offenheit modischen Neuerungen gegenĂĽ-
ber sichtbar. Eine klare räumliche Abgrenzung von
typisch „ländlicher Kleidung“ hier und „städtischer
Kleidung“ dort existierte folglich nicht. Kleidung
auf dem Land war wohl überwiegend „ländlich
geprägt“, konnte aber auch „städtisch“ sein: Die
Generation unserer GroĂź- und UrgroĂźmĂĽtter auf
dem Land konnte sich in Tracht, á la mode oder in
einer Mischform kleiden – konventionell, „altmo-
disch“ oder im „ländlichen Chic“.
Fränkisches Spektrum: Kleidung auf dem
Land um 1900
Trachten: regionaltypische ländliche Kleidungsstile
des 19. Jahrhunderts
In den meisten Regionen Frankens trugen die
Frauen um 1900 eine ländlich geprägte Variante
der allgemeinen Mode. In einigen Gegenden klei-
dete sich ein GroĂźteil auch in einem regionaltypi-
schen, konfessionell geprägten – und weitgehend
festgelegten Kleidungsstil, der heute als „Tracht“
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bekannt ist. Auch die Trachtenkleidung nahm stets
modische Neuerungen auf und veränderte sich im
Laufe der Zeit immer wieder. Sie hob sich aber
deutlich von der herrschenden Mode der
Oberschicht ab, welche seit dem 18. Jahrhundert
von Frankreich bestimmt wurde. „Tracht“ wurde
um die Jahrhundertwende nur noch von Frauen
getragen. Der Kleidungsstil der Männer hatte sich
bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts dem städ-
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Fränkisches
Spektrum
Frauen bekleidet mit
Kittel, Rock und
ZierhalbschĂĽrzen,
Fränkische Schweiz,
1914