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kann beispielsweise hinweisen auf eine weitge-
hend geschlossene bäuerliche Welt im evangeli-
schen Franken. Mit den zur Hochzeit angeschafften
guten Kleidungsst√ľcken konnte oder musste der
Bauer sich bis zu seinem Lebensende angemessen
ausstaffieren. Als größerer Landwirt orientierte er
sich dabei an b√ľrgerlichen Gewohnheiten und ver-
zichtete nicht auf Stock und Zylinder. Diese
Ausstattung mit schwarzem Gehrock und Zylinder
ist der Anzug einer typischen Männerrolle des 19.
Jahrhunderts, die mit dunklen Stoffen Autorität
männlicher Geschäftsleute signalisierte.
Gleichzeitig ließ diese Mode, fast wie eine
Uniform, die vielen Träger schwarzer Gehröcke
nach au√üen hin weitgehend gleich erscheinen ¬Ė als
erwerbst√§tige egalit√§re B√ľrger. Zu fragen w√§re
dann noch, welche dieser allgemein möglichen
Bedeutungen der ¬ĄSchwiegeropa¬ď von Herrn K. f√ľr
sich individuell realisiert hatte.
Oft ist es jedoch nicht möglich, die letzten Besitzer
zu befragen. Um die Objekte entsprechend einord-
nen zu können, um beispielsweise Kombina-
tionsmöglichkeiten der vielen Einzelteile oder gän-
gige Tragegewohnheiten zu rekonstruieren, m√ľssen
dann auch andere Quellen der Kleidungsforschung
zu Rate gezogen werden: Historische Fotos zum
Beispiel haben große Aussagekraft, auch alte
Handarbeits- und W√§scheb√ľcher oder Fach-
schriften √ľber die Hausschneiderei, alte Versand-
kataloge, Frauenzeitungen und Modejournale kön-
nen weiterhelfen. So stellen beispielsweise
Schneiderlehrb√ľcher ein Ideal der kompletten
Bekleidung dar, das Auftragsbuch einer lokalen
Näherin zeigt dann die Adaption solcher Ideale vor
Ort.
Inventarisieren
Solche Kenntnisse √ľber den Gegenstand erm√∂g-
lichen eine sinnvolle Inventarisierung und
Dokumentation. Bei der Inventarisierung erhält
jedes St√ľck eine Inventarnummer. Alle verf√ľgbaren
Informationen zu den St√ľcken werden unter dieser
Inventarnummer in einem Datenbankprogramm
festgehalten. Zu einer wissenschaftlichen
Inventarisierung gehört außerdem die fachkundli-
che Beschreibung der Objekte nach Größe,
Material, Herstellung und Alter, sowie die fotografi-
sche Dokumentation.
Textilien: ein empfindliches Kulturgut
Textilien gehören zu den besonders empfindlichen
Sachzeugnissen vergangener Alltagskultur. Um sie
zu erhalten, m√ľssen sie nach der Inventarisierung
sorgf√§ltig gelagert werden. Hierzu m√ľssen sie m√∂g-
lichst glatt ausgelegt, in säurefreies Seidenpapier
geh√ľllt und in speziellen, gro√üen, flachen Kartons
lichtgesch√ľtzt aufbewahrt werden. Nicht jeder
Raum ist als Depotraum geeignet, denn er muss
nicht nur sauber und staubfrei sein, sondern auch
√ľber ein kontrollierbares Raumklima verf√ľgen.
Nur mit solch sorgfältigem, zeit- und materialauf-
wändigem Umgang sind die textilen Sammlungs-
gegenst√§nde gegen den nat√ľrlichen Verfallsprozess
f√ľr sp√§tere Generationen zu bewahren. Deshalb
können in den Häusern im Freilandmuseum nur
wenige und weniger wertvolle Kleidungs- und
W√§schest√ľcke pr√§sentiert werden. Auch sind die
gelagerten Textilien regelmäßig auf ihren Zustand
oder möglichen Schädlingsbefall zu kontrollieren.
Bei einem stärkeren Befall sind
Konservierungsaktionen nötig. Nur wenn die
Bestände inventarisiert, gut dokumentiert und unter
kontrollierbaren Klimabedingungen an einem Ort
zusammengefasst erreichbar gelagert werden, kann
man mit ihnen sinnvoll weiterarbeiten.
Die Textilsammlung des Fränkischen Freiland-
museums: ein breites Spektrum
Eine Besonderheit unserer Textilsammlung ist ihr
breites Spektrum: es ist alles vertreten, was zur tex-
tilen Alltagskultur von der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts bis in die Sechzigerjahre des 20.
Jahrhunderts in Franken auf dem flachen Land dazu
gehörte: sowohl die Haustextilien als auch die
Kleidung ¬Ė jeweils in allt√§glichen und besonderen
St√ľcken. Konfektionsware ist weniger vorhanden,
fast alle Teile sind handwerklich gefertigt.
So finden sich in unserer Sammlung jede Art texti-
len Hausrats wie Bettwäsche, Tischwäsche,
Handt√ľcher, Vorh√§nge, Gardinen, Wandbeh√§nge,
Sofakissen, Zierdeckchen, Mustert√ľcher usw. Ein
Querschnitt, der sich in der Ausstattung der Häuser
widerspiegelt. Andererseits ist historische Kleidung
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Verborgene
Schätze
kunstvoll bestickte
Feierabendkappen f√ľr
Männer, um 1900