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er gerne gehalten werden möchte, er demonstriert
seinen wirtschaftlichen und sozialen Status, seine
Art der Selbstdarstellung, seine Eitelkeit oder sein
BedĂĽrfnis, nicht aufzufallen, er weist darauf hin, ob
er arm oder reich ist und zeigt innerhalb seines
gesellschaftlichen Systems, ob er ledig oder verhei-
ratet ist oder dass er sich im Zustand der Trauer
befindet. Gerade historische Kleidung war oftmals
ein geschlossenes Zeichensystem, an dem sich
neben der sozialen häufig auch die regionale
Herkunft des Trägers oder der Trägerin ablesen ließ.
Der Weg der Textilien ins Museum
Die Textilsammlung des Fränkischen Freiland-
museums kam im Laufe der vergangenen Jahr-
zehnte eher zufällig zusammen. Im Gegensatz zu
anderen Sammlungen stammt nur ein kleiner Teil
des Bestandes aus dem Handel, wurde also
„gezielt“ ausgesucht. Mitunter kommen Kleider
und textiler Hausrat in Verbindung mit einem trans-
ferierten Haus ins Museum. Häufig werden die
StĂĽcke aber von Besucherinnen und Besuchern an
der Museumskasse oder in der
Museumsverwaltung hinterlassen. Dabei ist es
ihnen wichtig, besondere StĂĽcke im Museum
bewahrt zu wissen. Manchmal stammen sie auch
aus Wohnungsauflösungen oder werden aufgrund
geplanter Umbaumaßnahmen ausgeräumt.
Wäschestücke und Kleider der verstorbenen
Mutter, Großmutter, Schwiegermutter oder Tante –
die einer Generation angehörten, in der Textilien
noch als „Schätze“ gehortet wurden – möchte man
nicht einfach in den Altkleidercontainer werfen.
Tragen kann man sie nicht mehr und fĂĽr den
Verbleib in der Familie fehlt der Platz oder die
Gesinnung. Das Museum bietet hier einen mög-
lichen Ausweg und beruhigt das Gewissen. Auf
diese Weise kommt eine eher zufällige Auswahl an
Textilien ins Museum – oftmals die gleichen, in frü-
heren Haushalten häufig vorhandenen Stücke. Weil
nur eine repräsentative Auswahl an Gegenständen
verwaltet und gelagert werden kann, mĂĽssen
Spendenangebote auch abgelehnt werden. Von
Vorteil gegenĂĽber dem Erwerb aus dem Handel ist
aber, dass häufig Name und Herkunft der
Vorbesitzer festgehalten werden können.
Befragung als wichtige Quelle der
Kleidungsforschung
Ergibt sich ein Gespräch mit den Vorbesitzern,
kommen oftmals Informationen ĂĽber das Umfeld,
aus dem die Dinge stammen, ĂĽber ihren Gebrauch
und die Menschen, die damit lebten hinzu. So
erzählte beispielsweise Herr Kirsch – selbst schon
ein älterer Herr:
„Das ist der Spenzer [Damit bezeichnet Herr K.
einen Gehrock.] vom Opa, vom Vater von der Frau.
Den hat er zu seiner Hochzeit machen lassen. Na
ja, er heiratete kurz bevor der Vater geboren
wurde, also so etwa Anfang der Zwanzigerjahre.
Dazu hat dann noch ein Zylinder und ein
Gangstock gehört. Die Hochzeit war in
Burghausen, dort hat er auch bis zu seinem
Lebensende auf dem eigenen Hof gelebt. Er war
schon ein etwas größerer Bauer – mit 42 Hektar
eigenem Wald. Den schwarzen Spenzer hat er
dann später nur so zu besseren Gelegenheiten
getragen, so zweimal im Jahr zum Abendmahl.
Der ist geschont worden. Wir möchten, dass er
aufbewahrt wird.“
Wie die meisten Gegenstände der Alltagskultur ist
der hier beschriebene Gehrock als Massenware in
immer gleicher Form in vielen Exemplaren vorhan-
den. Aber durch die Geschichte, die ein Spender
ihm mitgibt, wird er zum Geschichtszeugnis. Er
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Verborgene
Schätze
Das Foto zeigt Dora Kantenseder mit ihrer Tochter Gertrud
bei Nürnberg, 1930er Jahre. Das Mädchenmäntelchen wur-
de im Museum abgeben.