Dr. Margarete Meggle-Freund  |   Publikationen  |   Kontakt  

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Riemchen. Die Besitzerin kam als junges Mädchen
aus einer Kleinstadt als Dienstmädchen nach
MĂĽnchen und leistete sich in ihrer Brautzeit dieses
offenbar besonders chice Paar Schuhe. Sie hat das
Kaufdatum auf dem Schuhkarton vermerkt und
diese Schuhe ihrer Enkelin vermacht.
Boa und anderes Getier
Boa wird ein schmaler Pelz- oder Federschal
genannt, dessen Trageweise an eine um Hals und
Schultern gewundene Riesenschlange Boa con-
strictor erinnert. Von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg
war die Boa ĂĽberaus modern. Heute haftet der
Federboa ĂĽber einer dekolletierten Schulter getra-
gen – meist nur noch zu sehen in Film und
Varietéausstattung – etwas leicht Verruchtes an.
Auch Assoziationen wie Frau – Eva – Schlange –
VerfĂĽhrerin schwingen mit. Antonie Steimann emp-
fiehlt eine Boa jedoch in ihrem Hausbuch der prak-
tischen Schneiderei von 1908 als passende
Kleidung bei verschiedenen Anlässen unter ande-
rem für „einfache und elegante alltägliche
Ausgänge, für einfache oder elegante
Nachmittagsspaziergänge oder Besuche, für
Eröffnungen, den Kirchgang, Konzert, Stellungs-
antrittsbesuche oder Bürokleidung“. Für „Kon-
dolenzbesuche“ allerdings legt sie Wert auf eine
schwarze Boa. Sie rechnet also die Boa zur
Straßenkleidung. Als Steigerung der Boa schlägt sie
ins Theater, für große Dinners, Bälle und Hoch-
zeiten eine Pelzstola vor. Die Boa war also in die-
ser Zeit ein gängiges Kleidungsstück im bürger-
lichen Rahmen.
In der Ausstellung zeigen wir ein eher festliches
Exemplar, eine schwarze Federboa, deren Enden in
drei Strängen auslaufen. Sie ahmt so ein ausge-
stopftes Tier nach, mit Kopf und einem Beinpaar am
einen Ende und Schwanz und einem zweiten
Beinpaar am anderen Ende. Sie stammt aus dem
Haushalt der Steinmetzfamilie Meyer in
WassertrĂĽdingen (siehe Abb. S. 5) Bei der Haus-
haltsauflösung wurde sie in der Kleiderkammer
zusammen mit einem Federfächer und anderen
Federn zum Schmuck fĂĽr HĂĽte gefunden. Sie dĂĽrf-
te etwa 1914 fĂĽr eine festlichere Toilette angeschafft
worden sein.
Daneben besitzt die Textilsammlung des
Fränkischen Freilandmuseums zahlreiche „ganze
Tiere“, wie etwa Füchse und Marder. Auch
zusammengesetzte Pelzkrägen, die um den Hals
getragen wurden sind vorhanden. Derartige
Pelzaccessoires waren – wie auch Pelzmäntel – bis
in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts gängig,
ja beinah verpflichtend fĂĽr eine Frau, die modisch
etwas auf sich hielt. Auch die Postbotenwitwe
Elisabeth Meier (siehe Kapitel „Komplett ausgestat-
tet“) hatte einige Pelzkrägen und Muffs aus Pelz in
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Accessoires
Verschiedene Hüte, 1. Hälfte 20. Jahrhundert