Dr. Margarete Meggle-Freund  |   Publikationen  |   Kontakt  

data/pg_0036
sichts der ungeheizten Schlafr├Ąume nicht verwun-
dert. Ger├╝schte Nachthemden, -jacken und -hau-
ben wurden von der weiblichen Bev├Âlkerung auf
dem Land kaum getragen, ebenso wie der sich ab
1900 verbreitende Schlafanzug f├╝r den Mann ┬ľ der
Pyjama.
Die geformte Frau: Korsett und andere Hilfsmittel
K├Ârperformende Unterkleidung bestimmte ├╝ber
lange Zeit das Erscheinungsbild der Frau. Sie sollte
die Oberkleidung der jeweiligen Mode entspre-
chend fallen lassen und den K├Ârper nach dem herr-
schenden Geschmack formen. So gab sie der Frau
die gew├╝nschte Silhouette und wies sie gleichzeitig
in geschlechtsspezifische Grenzen. Im 19. Jahr-
hundert ├╝bernahmen im Wesentlichen das den
Oberk├Ârper formende Korsett und die den Rock for-
mende Krinoline, zeitlich gefolgt von der Tourn├╝re,
die Modellierung des Frauenk├Ârpers. W├Ąhrend
Letztere in unserer Sammlung nicht vertreten sind,
haben wir einige einfache Korsetts aus der Zeit um
1900 in unserem Bestand.
Das mit zahlreichen St├Ąbchen aus Fischbein oder
Metall versteifte, hinten zu schn├╝rende, vorne
zuzuhakende Korsett aus Baumwolle, Leinen oder
Seide wurde seit dem letzten Viertel des 19.
Jahrhunderts auch industriell gefertigt und war ├╝ber
Gesch├Ąfte, Warenh├Ąuser oder ├╝ber den
Versandhandel zu beziehen. In der Regel wurde es
├╝ber dem Hemd getragen. Darauf folgten der
Korsettschoner, auch Untertaille genannt und ein
oder mehrere Unterr├Âcke.
Obwohl das Korsett zur st├Ądtisch-b├╝rgerlichen
Kleidung geh├Ârte, wurde es seit der zweiten H├Ąlfte
des 19. Jahrhunderts auch von der einen oder
anderen modebewussten Frau auf dem Land getra-
gen, die sich ┬ľ vielleicht auch nur am Sonntag ┬ľ
┬äst├Ądtisch┬ô kleidete. Die gro├če Zahl sehr eng
geschnittener Taillen sowie einiger Untertaillen in
unserem Textilbestand legen diesen Schluss nahe.
Insofern d├╝rfen wir davon ausgehen, dass der
G├╝nzburger Amtsarzt in einem Bericht von 1861
gar nicht so sehr ├╝bertreibt, wenn er feststellt, dass
Korsetts (Schn├╝rbr├╝ste) inzwischen sowohl im
Kleiderschrank der „hochgestellten Dame“, als
auch in dem der Dienstmagd zu finden seien.
57
Neben den Korsetts bedienten sich die Frauen noch
anderer Hilfsmittel, um ihren K├Ârper dem modi-
schen Ideal der hohen vorgew├Âlbten Brust anzu-
passen. In unserer Sammlung besitzen wir etwa ein
Unterleibchen, das in einem historischen Schnei-
derbuch als „Balleibchen“ bezeichnet wird. Es
stammt aus einer kleinst├Ądtischen B├╝rgerfamilie in
Mittelfranken. Auf der Innenseite einer Untertaille
sind im Brustbereich mehrreihig R├╝schen einge-
n├Ąht, um dem Oberteil mehr F├╝lle zu geben. Bei
den Trachtenmiedern sind formende Bestandteile
oft im Mieder eingearbeitet: senkrechte St├Ąbchen,
Polster auf den Sch├Â├čchen, um mehr H├╝fte vorzu-
geben oder sich der Silhouette von Reifr├Âcken
anzun├Ąhern und auch Wattierungen im Brust-
bereich.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ersetzten zun├Ąchst
Anh├Ąngerinnen der Kleiderreformbewegung das
Korsett durch H├╝ftg├╝rtel aus Leinen und
Brustleibchen beziehungsweise durch den
B├╝stenhalter. Diese Unterw├Ąscheteile verbreiteten
sich allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg,
nachdem mit den modernen, lose fallenden
Kleidern auch das Korsett endg├╝ltig verschwand.
Die neue Mode erm├Âglichte den Frauen erstmals
mehr Bewegungsfreiheit durch neue Rockl├Ąnge,
einfache gerade Schnitte und leichtere Stoffe.
Parallel zum Wandel der Oberkleidung verlief der
der Unterw├Ąsche.
Etwa seit den 1930er Jahren verbreiteten sich in
Nachfolge des alten Korsetts die modernen
Miederwaren, die sich nun durch die Verwendung
von Gummif├Ąden aus vielen elastischen Teilen
zusammensetzten und k├Ârperformend wirken soll-
ten ohne einzuschn├╝ren. Neu war auch, dass die
formenden W├Ąschest├╝cke jetzt waschbar waren
und somit direkt auf der Haut getragen werden
konnten.
Von Kopf bis Fu├č: Accessoires f├╝r Mann
36
Accessoires
W├Ąscheaccessoires f├╝r
M├Ąnner: Hemdbr├╝ste,
steife Kr├Ągen, Schleife,
Handschuhe