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In unserer Textilsammlung
sind die häufigsten Varianten
an ¬ĄBeinkleidern¬ď vertreten
wie sie seit dem Ende des 19.
Jahrhunderts bis in die
1950er Jahre √ľblich waren:
Zunächst das im Schritt offe-
ne Modell in einfacher
Ausf√ľhrung oder mit √ľppigen
Volants und Spitzenkanten
am Beinabschluss. Kurios
erscheint uns heute der
Schnitt dieser Hose ¬Ė sie
besteht aus zwei Stoffröhren,
den Hosenbeinen, die nur an
der Taille durch einen Bund zusammengehalten
wurden. Sie reichten zunächst bis zu den Waden,
dann bis zu den Knien, um 1900 wurden sie etwas
k√ľrzer geschnitten. Solche im Schritt offenen
Beinkleider waren bis weit ins 20. Jahrhundert ver-
breitet, in Kaufhäusern wurden sie noch in den
1930er Jahren angeboten. Um die Jahrhundert-
wende galten sie auf dem Land, wo sie vermutlich
nur von wenigen Frauen getragen wurden, als
besonders modisches Kleidungsst√ľck, f√ľr viele
waren sie ein reiner Luxusartikel. Als solchen emp-
fand beispielsweise die 1896 geborene Magd Lena
N. ihre Unterhose. Sie hatte auch nur eine einzige,
die sie 1917 von ihrer Bäuerin, die selbst keine
Unterhosen besa√ü ¬Ė als Weihnachtsgeschenk
bekommen hatte. Dieses besondere St√ľck trug sie
dann nur sonntags
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. Die alltägliche Unterwäsche
bestand auch bei Lena weiterhin aus Hemd und
Unterröcken.
Im Zuge der Kleiderreformbewegung, die eine im
Schritt geschlossene Frauenunterhose favorisierte,
verbreitete sich die Hose mit am Bund anknöpfba-
rer r√ľckw√§rtiger Schlussklappe. Im Schritt geschlos-
sene Modelle mit seitlichem Knopfschluss setzten
sich vermutlich erst durch, als sich die Frauenmode
ab dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
√§nderte und die R√∂cke leichter und k√ľrzer wurden.
Dies gilt auch f√ľr die Variante mit Gummizug in der
Taille, die Schlupfhose, die uns mit ihren deutlich
geschrumpften Beinen schon vertrauter erscheint.
Nat√ľrlich ist auch hier, wie bei den Unterhemden,
die Entwicklung vom gewebten Stoff hin zur
Maschenware oder zur fließend fallenden
Kunstseide ablesbar, ebenso wie der Wandel vom
gro√üen volumin√∂sen Kleidungsst√ľck hin zum deut-
lich kleineren Wäscheteil, von der Weißwäsche zur
Buntwäsche. Parallel zu dieser Entwicklung verlief
der Wandel der ebenfalls neuen Hemdhose, einer
einteiligen Kombination aus Hemd und Hose, die
in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
erstmals auftaucht (siehe Abb. S. 32). Von der
Kleiderreformbewegung wurde ¬Ė wie bei den
Unterhosen ¬Ė die im Schritt geschlossene Variante
mit r√ľckw√§rtiger Verschlussklappe propagiert, aber
auch die im Schritt offene Ausf√ľhrung war verbrei-
tet. Durchsetzen konnte sich die Hemdhose aller-
dings erst in den 1920er Jahren ¬Ė nun in ihrer
¬Ąmodernen Form¬ď: mit kurzen Beinen, locker fal-
lend, aus leichten, fließenden Stoffen oder als feine
Trikotware, mit Knöpfchenverschluss im Schritt
oder mit Schrittspange.
Unterr√∂cke: warm, sch√∂n und verf√ľhrerisch
raschelnd
Unterröcke waren seit langer Zeit ein wichtiger
Bestandteil des ¬ĄDarunter¬ď. Unsere Sammlung ent-
hält viele verschiedenartige Unterröcke in unter-
schiedlichen Materialien, Formen, Farben,
Verzierungen und Ausf√ľhrungen, die von den
jeweiligen Funktionen dieses Kleidungsst√ľcks
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Verborgener
Chic
Unterrock aus schwar-
zem Seidentaft, um
1900
Nachthemd, um 1900