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modisch-städtischen Kleidung in den letzten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einsetzte, hatte
mehrere Gr√ľnde: Zeitgen√∂ssische Quellen nennen
beispielsweise die Verbreitung der Unterhose f√ľr
Frauen, die sich mit der nunmehr unnötigen
Stoffmenge des Hemdes nicht mehr vertrug. Auch
spielte der Wechsel in der Damenmode von den
weiten hin zu den in der Vorderpartie eng anlie-
genden Röcken eine Rolle, des Weiteren legte die
Abkehr vom Strumpfband und die Verwendung lan-
ger Strumpfhalter, die oftmals am Korsett befestigt
waren, eine Verk√ľrzung des Hemdes nahe.
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So
folgte dem weiten, langen Hemd zunächst das
immer noch relativ reichlich geschnittene moderne
Achselschlusshemd, vorzugsweise aus Baumwolle.
Wo die Oberbekleidung den modischen
Neuerungen nicht folgte, wurde das alte weite
Hemd auch länger getragen, häufig bis in die
1920er, 1930er Jahre. Jetzt wurde es fast √ľberall
abgelegt und es wurde auf die neue Hemdenform
zur√ľckgegriffen, die das Tragen von Blusen oder
modischen Kleidern erlaubte
51
.
Die neuen Unterhemden waren sehr verbreitet,
sowohl als einfaches als auch als hochelegantes
Unterw√§scheteil. Mit verzierten B√ľndchen am
Halsausschnitt, mit schm√ľckenden, unterschiedlich
gestalteten Passen, mit Ziernähten, Biesen,
Stickereien, Bord√ľren, Spitzen, Languetten und
R√ľschen wurden die Hemden und auch andere
Unterw√§scheteile in b√ľrgerlichen Kreisen gegen
Ende des 19. Jahrhunderts immer aufwändiger und
kostbarer. Man ahnt, wie die auf den häuslichen
Bereich beschränkten Frauen dieser
Gesellschaftsschicht versuchten, sich mit der
Herstellung und Verzierung von Wäsche sinnvoll
zu beschäftigen. So entwickelte sich das
Frauenhemd vom relativ einfachen Wäscheteil zum
mehr oder minder reizvollen Dessous, das nun
auch den verschiedenen Modeschwankungen
unterworfen war ¬Ė √§hnlich der ¬ĄForm der H√ľte und
der Schnitt der Kleider¬ď
52
. Auf dem Land war von
diesem ¬ĄW√§scheluxus¬ď freilich wenig zu sp√ľren.
Aber eine Vorliebe zur Verzierung einfacherer
St√ľcke ist auch hier deutlich ablesbar. Es zeigt sich
außerdem, wie die Frauen bei der Fertigung der
¬Ąneuen¬ď Unterw√§scheteile seit dem Ende des 19.
Jahrhunderts zunehmend auf aufwändige
Handarbeiten wie Weißstickerei oder Häkelspitze
verzichteten und industriell gefertigte Passenteile,
R√ľschen, Spitzen und Stickereien verwendeten,
soweit sie nicht auf Konfektionsware zur√ľckgriffen.
Um 1914 kamen reiche Spitzen- und R√ľschen-
besätze wieder aus der Mode. Einfachheit im
Bereich der Leibwäsche war wieder mehr gefragt.
Zunehmend verbreiteten sich nun die so genannten
Trägerhemden, die wegen ihres einfachen Schnitts
in den Nähkursen der 1920/30er Jahre in Mengen
hergestellt wurden. Da sie f√ľr k√∂rperlich arbeiten-
de Frauen allerdings wenig geeignet waren, blieben
sie auf dem Land stapelweise in den Wäsche-
schränken liegen. Zu den weit geschnittenen
Wäscheteilen aus gewebten Stoffen gesellte sich
seit der Jahrhundertwende eng anliegende Trikot-
beziehungsweise Wirkware sowie fließend fallende
Unterkleidung aus Kunstseidengewebe. Allmählich
nimmt die bislang typische ¬ĄWei√üw√§sche¬ď auch
andere Farbtöne an und gibt sich nun auch in
Pastell.
Die Unterhose: eine recht junge Erfindung
Eng verbunden mit der ¬Ąalten¬ď Geschichte des
Unterhemdes ist die ¬Ąneuere¬ď Geschichte der
Unterhose. Denn bis ins 19. Jahrhundert war die
Unterhose ein kaum gebrauchtes Kleidungsst√ľck.
Männer und Frauen beschränkten sich auf das
lange, weit geschnittene Hemd. Die auf
Modekupfern aus dem beginnenden 19.
Jahrhundert abgebildeten ersten Unterhosen f√ľr
Frauen zeigen gerade einmal deren unteres
ger√ľschtes Teilst√ľck, das unter dem nicht ganz kn√∂-
chellangen Rock hervorschaute
53
. Vermutlich wur-
den sie als neuester Trend nur von wenigen mode-
bewussten Frauen der Oberschicht getragen, erst-
mals wohl in Verbindung mit den
Chemisenkleidern
54
. Allerdings stießen die
¬ĄBeinkleider¬ď ¬Ė wie Hosen und Unterhosen im
gehobenen Sprachgebrauch bis ins 20. Jahrhundert
genannt wurden ¬Ė bei vielen Zeitgenossen auf hef-
tige Kritik. Der Griff nach der Hose ¬Ė einem bis
dahin eindeutig m√§nnlichen Attribut ¬Ė sah verd√§ch-
tig nach weiblichen Emanzipationsbestrebungen
aus. Die Kritik hielt sich auch, als um 1830 die
Frauenhose unter dem Rock verschwand und zur
eigentlichen Unterhose wurde. Doch konnten die
Hosengegner die Verbreitung des neuen Kleidungs-
st√ľcks grunds√§tzlich nicht aufhalten, zumal
Unterhosen f√ľr Frauen bald auch aus medizinisch-
hygienischen Gr√ľnden empfohlen wurden.
Trotzdem sollte es noch gut hundert Jahre dauern,
bis die Unterhose mit der typischen schichtenspe-
zifischen Verzögerung letztlich in allen Sozial-
schichten, bei Männern, Frauen und Kindern zu
einem selbstverständlichen Unterwäscheteil
wurde.
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Verborgener
Chic