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Jahre der uns heute so selbstverständlich erschei-
nende Standard an Unterwäsche allmählich erst
herausgebildet hat. Weiterhin wird der Wandel
sichtbar, dem die Unterkleidung immer in
Abhängigkeit von den modischen Neuerungen der
Oberbekleidung im Laufe der Zeit unterworfen war.
Oder wie sich die Leibwäsche hygienischen und
moralischen Vorstellungen anpassen musste.
Weiterhin wird zum Beispiel deutlich, welch enor-
mer Aufwand an Zeit und Arbeit fr√ľher in der
Herstellung und Pflege der Unterwäsche steckte.
Und wie diese durch die Konfektionierung, durch
neue Fertigungsverfahren, Fasern und Stoffe verrin-
gert und erleichtert wurden. Vor allem zeigt die
Sammlung auch, dass nicht nur die Frauen des
(gehobenen) B√ľrgertums, sondern auch einfache
Frauen auf dem Land ihr Darunter gerne schm√ľck-
ten mit Verzierungen, R√ľschen, Stickereien und
H√§kelspitze, um ¬Ė wenigstens an Sonntagen ¬Ė am
verborgenen Chic der b√ľrgerlich-st√§dtischen Mode
teilzuhaben. Hierzu gehörten um 1900 verschiede-
ne Wäscheteile: Unterhemd, Unterhose,
Unterröcke und vielleicht ein Korsett oder andere
den Körper formende Unterkleidung.
Das traditionelle Hemd: elementares Kleidungs-
st√ľck in allen Lebenslagen
√úber Jahrhunderte bestand f√ľr M√§nner, Frauen und
Kinder aller sozialen Schichten die Unterwäsche
im Wesentlichen aus einem Kleidungsst√ľck: dem
Hemd, das den Körper wärmte und die kaum
waschbare Oberbekleidung vor dem häufig wenig
gewaschenen K√∂rper sch√ľtzte ¬Ė und umgekehrt.
Das Hemd war weit geschnitten, lose fallend und
reichte bis √ľber die Knie. Es hatte lange Zeit solch
elementare Bedeutung, dass es Symbolwert erlang-
te und Eingang fand in Märchen, Sprichwörter und
Redensarten. Es wurde sowohl am Tag als auch als
Nachtkleidung getragen. Männer verwendeten es
gleichermaßen als Unterhemd und als Oberhemd
in einem, Frauen als Unterhemd und Bluse. Um die
Oberschenkel geschlungen ersetzte es bei Männern
bis ins 19. Jahrhundert ¬Ė teilweise auch l√§nger ¬Ė die
Unterhose, bei Frauen im Sommer auch den
Unterrock. Alle Hemden dieser Art gleichen sich im
Prinzip hinsichtlich des Schnitts. Historische
Schnittvorlagen orientieren sich genau an der
√ľblichen Webbreite des Stoffes, um diesen optimal
zu nutzen. √Ąrmel und Zwickel unter den Armen f√ľr
die Beweglichkeit wurden aus rechtwinkligen
St√ľcken gefertigt. Das war stoffsparend und ein der-
art konstruiertes Hemd liegt flach auf, ist also gut
zu b√ľgeln. Das Hemd wurde aus wei√üem, gr√∂be-
rem oder feinerem Leinen gefertigt ¬Ė je nach wirt-
schaftlichem Hintergrund des Trägers oder der
Trägerin und abhängig vom Verwendungszweck als
einfaches Alltags- und Arbeitshemd oder als Teil der
Festtagskleidung. Als Teil der Festtagskleidung
begegnet es uns mit reicher Verzierung an √Ąrmel-
b√ľndchen, Kragen und Verschlussblenden bezie-
hungsweise am Ausschnitt. Häkelspitze und
Stickereien schm√ľcken die vielfach noch handge-
n√§hten St√ľcke. Aussteuerteile sind √ľberdies oftmals
mit gesticktem Monogramm und Jahreszahl verse-
hen (siehe Abb. S. 31). Ab der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts wurde das ¬Ąklassische¬ď Hemd
auch aus verschiedenen weißen oder farbig gemu-
sterten Baumwollqualitäten mit der Nähmaschine
gefertigt.
Das Unterhemd
Eine einschneidende √Ąnderung in der Geschichte
der Frauenunterwäsche ist der Übergang vom oben
erw√§hnten ¬Ąklassischen¬ď mehrfunktionalen, kurz-
oder lang√§rmeligen Hemd zum k√ľrzeren, engeren,
ärmellosen Hemd, dem eigentlichen Unterhemd
(oder ¬ĄTaghemd¬ď). Dieser √úbergang, der in der
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Verborgener
Chic
Frauenunterhemden, -unterhosen sowie eine Hemdhose aus
dem Versandkatalog des Kaufhauses Wertheim, 1903/04