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sozialen Mittel- und Unterschicht auch weiterhin
keine spezielle Hochzeitskleidung, sondern ein
Festkleid, das meist anlässlich der Heirat neu ange-
schafft, dann aber weiterhin zu besonderen
Gelegenheiten getragen wurde. Die Kombination
der neuen Kleidung mit bestimmten Accessoires ¬Ė
Kranz, Schleier, Myrtenzweig, Gebetbuch,
Taschentuch und sp√§ter dem Blumenstrau√ü ¬Ė wies
die Frau jedoch als Braut aus.
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Als es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im
B√ľrgertum √ľblich wurde, sich bei gesellschaft-
lichen Anlässen schwarz zu kleiden
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, trug auch
die Braut zur Hochzeit vornehmlich schwarz. Doch
beschränkte sich die Heirat in Schwarz nicht auf
die b√ľrgerliche Damenwelt. Frauen in Stadt und
Land präsentierten sich zunehmend modisch: als
schwarze Braut.
In der Ausstellung zeigen wir als st√§dtisch-b√ľrgerli-
che Variante das Hochzeitskleid der Tochter eines
Landwirts und Bauunternehmers aus Rothenburg.
Die Hochzeit fand am 10.07.1919 in Rothenburg
ob der Tauber statt. Die Braut, Ottilie Werthm√ľller
(geborene Hepp 1891-1979) trug ein schwarzes
Seidenkleid mit Kragen und kleinem rechteckigen
Ausschnitt. Die schmale lange Linie wird betont
durch eine Schärpe, die in einer eleganten
Faltenkaskade nach unten ausläuft.
So verbreitete sich während der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts bei modisch aufgeschlossenen
Frauen das schwarze Brautkleid ¬Ė zunehmend auch
in Gegenden, in denen es √ľblich war, in der regio-
naltypischen Festtagstracht zu heiraten. Diese
unterschied sich in protestantischen Gegenden, in
denen die festliche Kirchgangskleidung ebenfalls
schwarz oder zumindest sehr dunkel war, vor allem
in Form und Schnitt von der städtisch-modischen
Alternative. In katholischen Gebieten hingegen mit
sehr farbiger Festtagstracht ging die Braut sehr far-
benfroh gekleidet zur Trauung. Ein bunter
Blumenstrauß aus Papier und Flitter und eine ent-
sprechende Krone kennzeichneten sie als Braut
(siehe Abb. S.11, 30).
Verbreitung des weißen Brautkleides
Die Tatsache, dass sich sowohl das schwarze
Brautkleid als auch die Festtagstracht nach der
Hochzeit weiterhin verwenden lie√üen ¬Ė oftmals
soll es f√ľr sehr lange Zeit oder sogar bis an ihr
Lebensende das ¬Ąbeste¬ď Kleid innerhalb der
Garderobe der Frau gewesen sein, in dem sie dann
oft auch f√ľr den Sarg eingekleidet wurde
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¬Ė mag
erklären, dass sich das weiße Brautkleid der
Oberschicht erst relativ spät in anderen
Gesellschaftsschichten verbreitete.
F√ľr die Weiterverwendung eines Brautkleides zei-
gen wir in der Ausstellung als Beispiel ein einfaches
Kleid. In ihm heiratete ein Paar 1936 in Dentlein,
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Hochzeitskleidung
Umgearbeitetes Hochzeitskleid von Maria Kober, nach
1936
weiße Braut und
Bräutigam in Uniform,
1930er