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Sommer oder abends konnte frau nun auch einmal
in ärmellosen Kleidern Haut zeigen. Auch die
Zeitgenossen empfanden diese Neuerungen als
radikalen Wandel.
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Die seit etwa 1900 in Deutschland einsetzende
Reformbewegung regte auch eine Erneuerung der
Frauenkleidung an. Weibliche Turn- und
Freizeitkleidung √ľbernahm dabei eine Vor-
reiterrolle.
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Körperdeformierende Korsetts und
schwere einschn√ľrende Kleidung wurde aus
gesundheitlichen Gr√ľnden abgelehnt. Aber erst
nach dem Ersten Weltkrieg, während dem viele
Frauen in Männerberufen arbeiten mussten und
bequeme Kleidung brauchten, kamen diese Ideen
voll zum Tragen. So setzte sich, nachdem die Jahre
der Inflation √ľberwunden waren, in den ¬ĄGoldenen
Zwanzigern¬ď ein neuer lockerer, eher androgyner
Kleidungsstil f√ľr Frauen durch. Die Stadt Berlin war
die f√ľhrende Modemetropole. Sie stand f√ľr
Fortschrittsglauben und Fortschrittswillen der
neuen Republik ¬Ė verk√∂rpert in den ¬Ąneuen
Frauen¬ď. Wer kennt sie nicht, die ber√ľhmten k√ľh-
len, schlangenhaft-schlanken, finster-blasiert blik-
kenden Vamp-Frauen dieser Jahre.
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Aber lag ein ländlich geprägtes Franken nicht weit
ab von der Modemetropole Berlin. Die große Welt
kam auch bis aufs Land. So gab es etwa in
Gasth√§usern auf dem Land Kinovorf√ľhrungen. Eine
Umfrage von 1932 ergab, dass die Jugend sich zu
dieser Zeit die neue Musik des Jazz und die
¬Ąmodernen T√§nze¬ď wie Schieber, Tango, Shimmy
und Rumba zu Eigen gemacht hatte. Nur noch die
√Ąlteren hielten an den Rundt√§nzen des 19. Jahr-
hunderts fest. Erst in den Dreißigerjahren kam es
unter dem Einfluss des Nationalsozialismus wieder
zu einer ¬ĄVerdeutschung¬ď des Gesellschafts-
tanzes.
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Auf historischen Fotografien der Zwan-
zigerjahre jedenfalls tragen Frauen auch die neuen
sackartigen Kleider. Doch hatten diese Kleider bei
den meisten Frauen auf dem Lande eine etwas
andere Wirkung. So wurde zwar der Schnitt der
Kleider √ľbernommen, aber ihr K√∂rper entsprach oft
nicht dem neuen androgynen Körperideal. So ste-
hen Frauen, die körperliche Arbeit gewohnt sind
und deren Körper gut genährt ist häufig recht stäm-
mig im Bild.
Dem kommt die Mode der folgenden Jahre entge-
gen, die als Gegenbewegung wieder femininer
wurde. Gerade der Nationalsozialismus wollte die
Frauen vor allem in ihrer Rolle als M√ľtter sehen.
Die Kleider wurden nun wieder figurbetonter, mit
der Taillenlinie an ihrer nat√ľrlichen Stelle, mit wie-
der etwas längeren Röcken und einer schlanken
Linie. Häufig finden sich romantisierende und folk-
loristische Elemente wie Puffärmel oder
Stickereien.
Hochzeitskleidung
Brautkrone und Festgewand f√ľr die Braut
In allen Gesellschaftsschichten wurde die Hochzeit
in besonders festlicher Kleidung gefeiert. Seit dem
Spätmittelalter berichten unterschiedliche Schrift-
und Bildquellen von F√ľrstenhochzeiten oder von
Eheschließungen innerhalb angesehener Patrizier-
familien. Die Beschreibung beziehungsweise bild-
liche Wiedergabe des Brautkleides war allem An-
schein nach auch ¬Ė wie heute ¬Ė von besonderem
Interesse. Das Brautkleid unterschied sich jedoch
weder in Farbe noch Schnitt von der jeweils herr-
schenden Festmode, es war aber hinsichtlich
Stoffqualität und Verzierung besonders prächtig.
Auf den Anlass der festlichen Gewandung wies bei
der Braut aus Hochadel und Patriziertum oftmals
eine Brautkrone hin.
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Im 17. Jahrhundert häuften
sich zwar bei adeligen Hochzeiten weiße und sil-
brigfarben-weiße Brautkleider, daneben waren
aber auch andersfarbige und dunkle ¬Ė der damali-
gen spanischen Mode entsprechende ¬Ė Kleider ver-
breitet.
Das weiße Brautkleid als Nachleben der Antiken-
mode
Im 18. Jahrhundert wurde die herrschende Mode
immer mehr von Frankreich
aus bestimmt. Hier vollzog
sich im Zuge der Revolution
ein einschneidender gesell-
schaftlicher Wandel, der
auch
die
Kleidungsgewohnheiten der
Oberschicht veränderte.
Man legte die ehemals pom-
pöse Kleiderpracht des
Ancien Regime ab und klei-
dete sich ¬Ąrepublikanisch¬ď
beziehungsweise in
Anlehnung
an
Rousseausches Denken
¬Ąnat√ľrlich¬ď. Die ¬Ė f√ľr einige
Jahre bequeme, unaufwän-
dige ¬Ė Damenmode orien-
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Hochzeitskleidung
Gehrock und
Stresemannhose, eine
typische Kleidung des
Bräutigams, 1. Drittel
20. Jahrhundert