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lichen Oberkörpers. Zusätzlich wurde zur Joppe
noch an einer Kette ein silbernes Brustschild mit
Staatswappen getragen. Sein Dienstgradabzeichen
am Kragen, zwei goldene Sterne auf blauem
Samtgrund, wiesen Stefan Meier als Postassistenten
des einfachen mittleren Dienstes aus.
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Selbst noch
die Uniform eines einfachen Beamten entfaltete
einen gewissen Glanz; der Staat zeigte repräsenta-
tiven Chic. Uniformen waren im 19. Jahrhundert
und bis nach dem Ersten Weltkrieg als die neuen
Kampftechniken zunehmend Tarnkleidung erfor-
derten, das einzige Bekleidungsfeld, in dem
Männer Farbe und Glanz zeigten. Uniformen wur-
den deshalb auch als Festkleidung etwa zur
Hochzeit oder auf Bällen getragen. Der Glanz der
Uniformen stammt aus monarchistischer Zeit, in
welcher der Staat sich √ľber eine symbolische
Repräsentation immer wieder neu konstituierte.
Die Uniformen der demokratischen Staaten dage-
gen, in denen die Gleichheit aller B√ľrger betont
wird, wirken deutlich zur√ľckhaltender.
Was sich in Stefan Meiers Garderobe nicht findet
sind Unterwäsche, Nachtkleidung, Hemden,
Socken, Schuhe, Handschuhe, H√ľte und auch der
ganze Bereich der im Haus und außerhalb der
Arbeit im Privatbereich getragenen Kleidung, wie
etwa Trikotwäsche und Stricksachen, die längst
√ľblich waren. Auch Freizeitkleidung, wie beispiels-
weise kurze Wanderhosen oder Turnerkleidung
sind nicht vorhanden.
Das Kleid der ¬Ąneuen Frau¬ď
Neben der Garderobe von Elisabeth Meier stehen
in der Ausstellung fröhlich leichte Sommerkleider
aus den Zwanzigerjahren und ein ¬Ąkleines Schwar-
zes¬ď, ein Tageskleid aus den Drei√üigerjahren. Zwei
Welten! Diese Kleidungsst√ľcke wurden auch noch
zeitgleich getragen: Während manche ältere Frauen
in einigen Orten noch an der traditionellen
Kleidungsweise festhielten, stellte sich die große
Mehrheit in ihrem Kleidungsverhalten bald völlig
um. Seit der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre wand-
ten sich die Frauen vom traditionellen Kleidungsstil
ab und trugen nun nicht mehr Kombinationen aus
Rock und Oberteil, sondern √ľberwiegend einteilige
Kleider, nicht mehr knöchellange Röcke, sondern
zeigten nun Bein und verlängerten dieses optisch
mit Absatz-Spangenschuhen (siehe Abb. S. 27); die
Frauen steckten ihre Haare nun nicht mehr hoch,
sondern schnitten sie ab zu Bubikopffrisuren; die
Kleidung modellierte nicht mehr den Körper, son-
dern umspielte ihn locker mit sackartig geschnitte-
nen Kleidern und in der H√ľfte angesetzter Taille. Im
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Die ¬Ąneue Frau"
Windsheimer Familie
auf Ausflugsfahrt,
1920er
Sommerkleid, 1920er Jahre