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Textilsammlungen deutlich weniger Herren- als
Frauenkleidung erhalten. Umso bemerkenswerter
ist es, dass sich im Meierschen Bestand zahlreiche
M├Ąnnerkleidungsst├╝cke finden. So lassen sich
anhand von Beispielen dieses Nachlasses die wich-
tigsten Bestandteile der Herrengarderobe zu
Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellen.
- Der Anzug aus Hose, Jacke, Weste: Uniform der
b├╝rgerlichen M├Ąnner
Das Basiskleidungsensemble der Herrenkleidung
im 20. Jahrhundert ist der dreiteilige Anzug. Nach
der Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt er seine bis
heute kaum ver├Ąnderte Form als dreiteiliger
Sakkoanzug an
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: Er besteht aus Hose, Jacke und
Weste und ist in zur├╝ckhaltenden Farben gehalten.
Darunter trug der Herr in der Regel ein wei├čes
Hemd. Als Material wurden strapazierf├Ąhige
Wollstoffe in einfarbigen oder leicht in sich gemu-
sterten Designs verwendet. Im Meierschen Bestand
haben sich drei Anz├╝ge erhalten ┬ľ darunter ein
dreiteiliger, zudem als Einzelteile sechs Hosen,
zwei Sakkos und drei Westen.
Die Hosen von Stefan Meier sind weit geschnitten.
Die meisten haben keinen Bund, sondern Kn├Âpfe
und Laschen zur Befestigung von Hosentr├Ągern,
mit denen sie gehalten wurden. Auch die
Hosenschlitze wurden gekn├Âpft und noch nicht mit
Reisverschluss geschlossen, was auch ein Hinweis
auf ihre handwerkliche Herstellung ist.
Die ├Ąrmellosen Westen wurden vorne gekn├Âpft. Ihr
Vorderteil ist aus Anzugstoff gefertigt, der R├╝cken
dagegen aus Futterstoff. Stefan Meier trug sie mit
oder ohne Kragen. Die Weste komplettierte die
Kombination von Hose und Jacke.
Die Jacken schlie├člich sind das wichtigste lang├Ąr-
melige Oberbekleidungsst├╝ck f├╝r Herren. Alle sind
vorne gekn├Âpft und haben seitlich Taschen. Sonst
werden sie nach ihren geringf├╝gigen Varianten in
der Form bezeichnet: Nach der urspr├╝nglich sack-
artigen geraden Schnittweise hei├čen sie Sakko. Die
Sakkos haben einen Reverskragen. In der
Garderobe von Stefan Meier findet sich auch ein
├╝berlappend mit einer doppelten Knopfreihe
geschlossener so genannter Zweireiher und ein
Sportanzug mit einer hochgeschlossenen Joppe aus
besonders dickem Tuch. Solch eine Joppe war eine
etwas allt├Ąglichere Bekleidung f├╝r den Winter.
Auf zeitgen├Âssischen Fotos tragen M├Ąnner unterer
und mittlerer Schichten zur Arbeit in der
Landwirtschaft oder im Handwerk ┬ľ ├╝berhaupt in
allt├Ąglichen Situationen ┬ľ Hosen mit Hemd und
Hosentr├Ągern, genauso aber
auch Hose, Hemd und Weste
und ganze dreiteilige
Sakkoanz├╝ge. Im Vergleich zu
heutigen
Bekleidungsgewohnheiten
erscheinen uns damalige
M├Ąnner in Arbeitssituationen
mit Weste oder gar mit Weste
samt Jacke sehr formell
bekleidet. Diese Kleidungs-
st├╝cke, und alle weiteren hier
vorgestellten Formen der
Herrenkleidung um 1900,
erhielten einen ver├Ąnderten
Stellenwert, als nach 1968
mit den Studentenprotesten
und den folgenden gesell-
schaftlichen Ver├Ąnderungen
zunehmend Elemente aus der
Sport- und Freizeitkleidung in
die
allgemeine
Herrenkleidung aufgenom-
men wurden. Elemente wie
Rollkragenpulli, farbige Krawatten oder Jeans
„modernisierten“ den Herrenanzug. Neue und viel-
f├Ąltige Kleidungstypen haben sich herausdifferen-
ziert. Der dreiteilige Sakkoanzug gilt nun als kor-
rekte Kleidung f├╝r formellere Lebensbereiche.
- Der „Gehrock“: Festkleidung des bürgerlichen
Mannes
Im 19. und auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts
war f├╝r formellere Anl├Ąsse der schwarze ┬äRock┬ô ┬ľ
eine ├ťberkleidung zwischen Mantel und Jacke ┬ľ
die angesagte Kleidung der Herren. Der Rock ist
das vierte der Hauptkleidungsst├╝cke des Mannes
dieser Zeit. Er ist formal das ├Ąltere Kleidungsst├╝ck,
das sich direkt aus dem Justaucorps der Barockzeit
entwickelte. Beim Rock sind in der Taille Sch├Â├če
angesetzt. Beim Gehrock ├╝berlappen diese vorne
durch eine doppelreihige Kn├Âpfung; beim Frack
oder Cut waren die Sch├Â├če nach hinten ausgerich-
tet. Dazu geh├Ârten unverzichtbar ein Zylinderhut
und wei├če Handschuhe. Der Gehrock war die
Kleidung honoriger B├╝rger. Es gibt Fotos von offi-
ziellen Anl├Ąssen, beispielsweise einem K├Ânigs-
besuch, bei dem die B├╝rger der Stadt sich als
schwarze Menge zeigten, aus der nur die Zylinder
der unterschiedlich gro├čen M├Ąnner herausragten.
Die Modeliteratur empfahl Gehrrock und Cut als
Gesellschaftskleidung am Tage und den Frack als
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Komplett
ausgestattet
„Herrenanzüge“
Versandkatalog des
Kaufhauses Wertheim,
1903/04