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Arbeiterinnen und Bäuerinnen ergaben, dass sie
mehr Schürzen als Röcke und Oberteile besaßen.
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Nur die „besseren“ Stücke – wohl überwiegend
Sonntagskleidung – sind aufbewahrt worden.
Insgesamt dĂĽrfte die Garderobe von Elisabeth
Meier – dank ihrer eigenen Schneiderfähigkeiten –
relativ umfangreich gewesen sein, auch wenn der
ĂĽberlieferte Bestand sich ĂĽber Jahre hinweg ange-
sammelt hat. Mit ihren chicen Accessoires war Frau
Meier vermutlich etwas modischer orientiert als die
Bäuerinnen im Ort. Sicher ist, dass sie über beson-
dere Fähigkeiten im Nähen verfügte und damit
ĂĽber einen geschulten Blick fĂĽr Kleidung. Ihr Sohn
berichtete, seine Mutter und seine Oma seien zwar
keine ausgebildeten Schneiderinnen gewesen, hät-
ten aber „genäht wie die Weltmeister“. Um 1900
war es allgemein ĂĽblich seine Kleidung bei profes-
sionellen SchneiderInnen oder NäherInnen nähen
zu lassen oder sie fertig zu kaufen. Es gehörte aber
zur Ausbildung bürgerlicher Frauen nähen zu ler-
nen. Damit reiht sich Elisabeth Meier durchaus ein
in die Reihe der „Frau Wirtin“, der „Frau Lehrer“
und der „Frau Pfarrer“, die sich in der Regel im
Gefüge ländlicher Gemeinden etwas bürgerlich-
modischer gaben und Neuerungen frĂĽher aufnah-
men als ihre bäuerlichen Nachbarinnen. Nach
Aussagen ihres Sohnes hob es Frau Meier auch
etwas heraus, dass sie als Gattin eines Postbeamten
ĂĽber eine gesicherte Versorgung verfĂĽgte. Und
doch pflegte sie einen quasi „ländlichen Stil“,
indem sie traditionelle Tragegewohnheiten wie
Zweiteiligkeit, weite Röcke oder Halbschürzen bei-
behielt, sich im Material und durch HinzufĂĽgen
modischer Accessoires dann aber doch der allge-
meinen Mode annäherte. Individuell ist am über-
lieferten Kleiderbestand, dass die meisten Teile der
Frauenkleidung höchstwahrscheinlich hausge-
schneidert sind; die KleidungsstĂĽcke spiegeln auch
die Eigenarten der Figur und ihrer Veränderung mit
der Zeit und auch die Familiensituation wider,
wenn bei einer Taille der purpurfarbene Brust-
einsatz mit schwarzem Stoff abgedeckt ist, weil es
galt Trauer zu tragen (siehe Abb. S. 21). All dies
liegt aber wieder im Rahmen des Ăśblichen.
Insgesamt weist die erhaltene Kleidung von
Elisabeth Meier auf das Frauenbild der Zeit: Die
Frau gab sich dezent, zurĂĽckhaltend in dunklen
Farben gekleidet, wie es sich fĂĽr rechtschaffene
Protestantinnen gebĂĽhrte. Die Kleidung bedeckte
den Körper der Frau weitgehend und formte ihn:
Der Unterleib wurde verhĂĽllt mit weiten und lan-
gen Röcken, der Oberkörper dagegen wurde durch
die engen Oberteile geformt. Im Brust- und
Halsbereich wurden auch der meiste Dekor und
Schmuck getragen. Die Kleidung lenkte so die
Aufmerksamkeit weg vom Bauch, mehr nach oben
in den Brustbereich.
Die Bestandteile der Herrengarderobe um 1900
Die Mode von Männern und die Mode von Frauen
waren – im Gegensatz zur heutigen Unisexmode –
in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
zwei getrennte Welten. Dem entspricht, dass auch
die Lebenswelten der beiden Geschlechter deutlich
getrennt waren. Als erstes äußeres Kennzeichen der
Kleidung dieser Zeit fällt auf, wie unscheinbar und
zurĂĽckhaltend die Herrenkleidung war; leuchtende
Farbe und Dekor waren fast ausschlieĂźlich den
Frauen vorbehalten. AuĂźerdem erweckte die
Männerkleidung mit nur geringen Varianten fast
den Eindruck von Uniformen. Deshalb hat sich in
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Komplett
ausgestattet
Dreiteiliger Anzug aus
der Garderobe von
Stefan Meier, 1. Viertel
20. Jahrhundert