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anderen Frauen.
Um 1900 geh├Ârten Sch├╝rzen f├╝r Frauen zur t├Ąg-
lichen Kleidung. Zur Arbeit wurden Halbsch├╝rzen
aus einfacherem Stoff getragen: Das konnte ganz
grober Sackstoff f├╝r grobe Arbeiten sein oder
Baumwollstoff f├╝r die h├Ąusliche Alltagsarbeit. F├╝r
festlichere Gelegenheiten wurden Sch├╝rzen aus
wertvolleren Stoffen oder gar aus Seide gen├Ąht und
reich verziert. Solche Zier- und T├Ąndelsch├╝rzen
waren aber keineswegs Trachtengebieten vorbehal-
ten (siehe Abb. S. 8). Im deutschlandweit verbreite-
ten Versandkatalog des Kaufhauses Wertheim aus
Berlin von 1903/04
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finden sich zahlreiche derar-
tige Ziersch├╝rzen. In den Modezeitschriften und
kost├╝mgeschichtlichen Darstellungen sind sie aller-
dings kaum vorhanden.
Etwa ab den Zwanzigerjahren setzten sich dann
Latzsch├╝rzen allgemein durch. Daneben gab es
noch Kittelsch├╝rzen, die den Leib rundum bedec-
kten. Die besch├╝rzte Frau, die mit ihrer Sch├╝rzen-
kleidung ihr T├Ątigsein in Haushalt und Familie sig-
nalisierte, entsprach besonders dem nationalsozia-
listischen Frauenbild. Die Frauen sollten nach der
NS-Ideologie aus dem Produktionsprozess heraus-
gehalten werden. Ihnen war die h├Ąusliche Arbeit
und ┬äAufzucht┬ô m├Âglichst vieler Kinder zugedacht.
Sp├Ątestens in den Sechzigerjahren kam das Tragen
von Sch├╝rzen aus der Mode.
Auch die Sch├╝rzenkleidung war variantenreich.
Schwarze L├╝stersch├╝rzen wie beispielsweise die
von Elisabeth Meier werden immer wieder im
Museum abgegeben mit Bemerkungen wie: „Das
war die gute Sch├╝rze. Sie wurde nur sonntags
getragen.“ Meist sind diese dann sehr gut erhalten.
Wahre Prachtst├╝cke finden sich unter den wei├čen
Sch├╝rzen, die oft mit opulenter Wei├čstickerei ver-
ziert sind. Solche Cocktailsch├╝rzen wurden nur bei
festlichen Gelegenheiten zum Servieren als
Ziersch├╝rzen getragen. Die Hausfrau gab sich
damit den Anschein einer gehobenen Dienerin.
Anderen Sch├╝rzen sieht man ihren Gebrauch als
Schutztextil deutlich an: Sie sind verwaschen, h├Ąu-
fig geflickt und abgeschabt vom Gebrauch. Die
Sch├╝rzen gaben auch Auskunft ├╝ber die Lebens-
phase ihrer Tr├Ągerinnen: Kindersch├╝rzen waren
bunt am Werktag und sonntags f├╝r die M├Ądchen
mit Vorliebe wei├č. Eine Sch├╝rze zu verzieren
geh├Ârte zum Pflichtprogramm im Hand-
arbeitsunterricht; damit begann f├╝r viele das Leben
als erwachsene Frau. Schwarze Sch├╝rzen trugen sie
dann in Trauerzeiten und schwarz-wei├če zur
Halbtrauer.
Auch M├Ąnner trugen Sch├╝rzen in eng abgegrenzten
Arbeitssituationen. Bei den Frauen aber waren
Sch├╝rzen das Basiskleidungsst├╝ck schlechthin, von
dem frau mehr besa├č als Kleider oder Taillen und
das sie t├Ąglich trug. Das Tragen von Sch├╝rzen
schonte die Kleidung und die Sch├╝rze wusch sich
leichter als das ganze Kleid. Aber auch mit entspre-
chenden neckischen Ziersch├╝rzlein konnte die die-
nende Rolle erotisiert werden. Sch├╝rzen wurden
vielf├Ąltig genutzt: als Transportbeh├Ąltnis, als schnell
zur Verf├╝gung stehendes Abwischtuch, als Versteck,
das etwa ein sch├Ąbiges Kleid oder einen schwange-
ren Bauch bedeckte, oder auch als weitere sch├╝t-
zende Schicht vor dem K├Ârper┬ů Sch├╝rzen und
Sch├╝rzentragen wurden so zu einem Zeichen f├╝r
Frauen
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und der ihnen zugedachten Rolle.
Die Garderobe der Elisabeth Meier: Einzelfall oder
repr├Ąsentatives Beispiel.
Insgesamt entspricht die Garderobe der Elisabeth
Meier den Kleidungsgewohnheiten dieser Zeit in
unteren bis mittleren Sozialschichten im l├Ąndlich
gepr├Ągten Franken. Auf zahlreichen historischen
Fotos
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sind ├Ąhnlich gekleidete Frauen zu sehen.
Einige St├╝cke, die zu einer zeitgen├Âssischen
Garderobe sicher auch noch dazugeh├Ârten, wie
etwa Schuhe, Taschen, gestrickte Kleidungsst├╝cke,
Sch├╝rzen ┬ľ gerade solche, die zur Arbeit getragen
wurden, ├╝berhaupt Arbeitskleidung wie etwa
Baumwollr├Âcke oder deutlich gebrauchte
Kleidungsteile haben sich im Meierschen Bestand
nicht erhalten. Zeitgen├Âssische Erhebungen bei
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Komplett
ausgestattet
Werbeanzeige Fr├Ąnkische Tageszeitung, 9.9.1938
bestickte Latzsch├╝rze,
2. Viertel
20. Jahrhundert
Taille, deren purpurfarbe-
ner Brusteinsatz mit
schwarzem Moir├ęband
abgedeckt ist,
aus der Garderobe der
Elisabeth Meier, um 1900