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Baumwollstoff mit kunstvoll plissierten Falten und
Biesen. An versteckter Stelle konnte so unter der
dunklen Oberkleidung kess ein lila Unterrock her-
vorblitzen. Verborgener Chic!
- Taillenoberteile: die geformte Frau
Taillen und Blusen hieĂźen in der Regel die zu den
Röcken getragenen Oberteile der Frauen. Taillen
oder auch Schneiderleibchen sind genau auf Figur
– auf Taille angepasste Oberteile. Im Meierschen
Bestand finden sich gleich elf Taillen und vier
Blusen (Abb. S. 4, 14, 16, 21). Zur Ausarbeitung der
Taillen in der Garderobe von Elisabeth Meier
wurde zuerst ein Futterleibchen genau auf Figur
angepasst, mit Stäbchen versteift und dann der
Oberstoff darüber gearbeitet. Meist hält das
Futterleibchen die Spannung der eng sitzenden
Teile und ist deshalb fest mit Haken und Ă–sen
vorne durchgehend verschlossen. Der Oberstoff
brauchte dann oft nur noch mit Druckknöpfen ver-
deckt geschlossen zu werden. In einem Handbuch
zur Damenschneiderei von 1914 heiĂźt es ĂĽber die
Bearbeitung der Taille: „Wer die höchste Stufe der
Damenschneiderei erreichen will, muĂź die kunst-
volle Herstellung eines Schneiderleibchens verste-
hen, d.h. die Art, wie ein Schneider kunstgerecht
ein Leibchen arbeitet. Sie ist nicht leicht, denn sie
verlangt nebem tadellosen Sitz des Leibchens
Kenntnisse in der Behandlung von Tuch oder tuch-
artigen Stoffen und kunstgerechtes BĂĽgeln. ... Das
Schneiderleibchen erhält durch Einlage von Leinen
und Einfügen von Fischbeinstäbchen so viel Stand,
daß es, wie der Fachausdruck lautet, „von selbst
steht“.
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So mussten die Taillen wegen ihrer anlie-
genden Passform maĂźgeschneidert werden, auch
noch als sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
zunehmend vorgefertigte Konfektionsmode verbrei-
tete.
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Die Frauenoberbekleidung im Meierschen
Bestand ist durchgehend handwerklich geschnei-
dert. Nur SchĂĽrzen und Accessoires sind teilweise
KonfektionsstĂĽcke. Das ist ein Charakteristikum der
Frauenkleidung. Männerkleidung war hingegen
schon frĂĽher konfektioniert. Auch im Meierschen
Bestand findet sich schon ein ganzer
Konfektionsanzug. Von ihrer Form her sind die
Taillen meist streng hochgeschlossen mit
Stehkragen. Oft ist dieser, besonders wenn er aus
Spitze gearbeitet ist, auch noch mit Stäbchen oder
Draht versteift. Der Grundschnitt ist bei den mei-
sten Taillen, die sich in der Sammlung befinden,
ähnlich. Es variiert nur der oft reiche Dekor mit auf-
gesetzten Borten, Spitzen, Krägen und die Ärmel-
formen. Aufwändig in Dekor und Herstellung, in
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Komplett
ausgestattet
Kleider aus „Deutsche
Frauen-Zeitung“,
1917/18
KostĂĽmkombination aus der Garderobe der Elisabeth Meier,
um 1900