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zur√ľck. Insgesamt umfasst er 127
Inventarnummern.
Die Basics der Frauengarderobe um 1900
Dank der F√ľlle und Geschlossenheit dieses
Materials ist es möglich, die Zusammensetzung
einer zeitgenössischen Garderobe aufzuzeigen. Im
Vergleich mit Modezeitschriften und Schneiderei-
anleitungsb√ľchern
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aus der Zeit um die
Jahrhundertwende lässt sich der Kleiderbestand der
Familie Meier in das Spektrum der zeitgenössi-
schen Mode einordnen. Es finden sich die wichtig-
sten Kleidungstypen. Beginnen wir mit der weib-
lichen Oberbekleidung:
- Der Rock machte die Frau.
Rock samt Unterrock war f√ľr die Frauen zu dieser
Zeit das wichtigste Basiskleidungsst√ľck. Im Bestand
finden sich acht Röcke. Sie sind allesamt aus dun-
kelfarbigen Wollstoffen gefertigt und knöchellang.
Viele sind im unteren Saumbereich etwas ver-
schmutzt, aber nie so stark, als wenn sie direkt am
Boden geschleift hätten. Der Saum ist innen stets
mit einem stabilen Baumwollstoffstreifen verstärkt.
Eine Verzierung im äußeren unteren Bereich des
Rocks durfte nie fehlen ¬Ė sei es nur eine Stufe oder
ein glänzendes Band in der gleichen Farbe wie der
Rockstoff. So ist der Saum und mit ihm der Bereich
der F√ľ√üe dezent betont. Die F√ľ√üe und Beine waren
zur Jahrhundertwende hoch erotisch belegt; Bein
oder Fu√ü zu zeigen w√§re f√ľr eine anst√§ndige Frau
ungehörig gewesen. So tragen selbst die
Sportlerinnen im Frauensport, der zu dieser Zeit
aufkommt, etwa bei Bergtouren oder zum Turnen
lange Röcke. Doch lässt sich beobachten, dass
arbeitende Frauen oder Frauen in ländlicheren
Gebieten mit unbefestigten Stra√üen etwas k√ľrzere
Röcke trugen, als die in den Modejournalen abge-
bildeten feinen Damen. Die dunklen Farben und
die matte Oberfläche der Wollstoffe sind ebenfalls
ein Hinweis auf eine sich zur√ľckhaltend gebende
Frau. Aus solchen Gr√ľnden gab es auch die
Vorschrift, in Trauerzeiten nur matte Wolle statt
glänzender Seidenstoffe zu tragen.
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Bei den
Röcken von Elisabeth Meier fällt weiterhin auf, dass
sie nicht wie die in der Modeliteratur √ľberwiegend
vorgeschlagenen Modelle in Bahnen geschnitten
sind und dadurch im Bereich der H√ľfte relativ eng
anliegen, sondern fast gänzlich wie die traditionel-
len Röcke konstruiert sind: Gerade Stoffbahnen
sind zusammengenäht und die Weite ist im Bereich
der Taille eingereiht oder in Falten gelegt. Wobei
die Röcke von Elisabeth Meier immer hinten ange-
reiht sind und vorne ganz flach anliegen. Dar√ľber
hat sie wahrscheinlich Sch√ľrzen getragen, die auch
den meist offenen vorderen Einstiegsschlitz zudek-
kten. Im Museum zeigte sich eine Eigenart: Erst
nachdem wir die Standardfigurinen mit den
Röcken im Bereich des Gesäßes ordentlich gepol-
stert hatten, passten diese richtig. Vielleicht war
dieser Körperteil bei Elisabeth Meier etwas ausge-
prägter. Die Betonung des Hinterns passt aber auch
zur zeitgenössischen Silhouette, die zwar nicht
mehr wie in den 1880er Jahren das Gesäß mit
Draht- und Rohrgestellen k√ľnstlich vergr√∂√üerte, es
aber immer noch betonte ¬Ė im Gegenschwung zur
mit Hilfe eines Korsetts stark vorgewölbten Brust.
Damit ein derartig weiter Rock den richtigen Stand
hatte und um ihn vor Verschmutzung zu sch√ľtzen,
gehörten unbedingt ein oder mehrere Unterröcke
darunter. Im Nachlass von Frau Meier befindet sich
ein besonders schönes Exemplar aus lila
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Komplett
ausgestattet
Rockbes√§tze aus ¬ĄBuch
der Hausschneiderei¬ď,
nach 1914
lila Baumwollunterrock aus der Garderobe von Elisabeth
Meier, um 1900