Dr. Margarete Meggle-Freund  |   Publikationen  |   Kontakt  

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modischen Taillen auf figurgenaue Abnäher ver-
zichteten (siehe Abb. S. 8). Damit saßen sie viel
lockerer ¬Ė und konnten auch leichter von lokalen
Näherinnen angepasst werden. Das prächtigste
Kleidungsteil dieser Tracht ist die Bänderhaube mit
√ľppigem Bandschmuck aus teuren schwarzen
Moirébändern und perlengesticktem
Haubenboden. Die meisten Frauen hatten zur
Entstehungszeit der Kleidungsst√ľcke (1910/20er
Jahre) die großen Hauben längst abgelegt und tru-
gen nur noch schwarze Kopft√ľcher, aber aus Rupp-
mannsburg liegen mehrere Fotografien vor, die
belegen, dass manche Frauen auch zu dieser Zeit
zumindest f√ľr Fotos noch Hauben trugen.
- Trachtenkleidung aus Wiesenthau
Aus Wiesenthau (Lkr. Forchheim) in der
Fränkischen Schweiz
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stammen die Kleidungsteile
der dritten Trachtenb√ľste in unserem fr√§nkischen
Spektrum. Sie kommen vom Hof der Familie M√ľller
und wurden bis in die Achtzigerjahre getragen.
Dort gibt es bis heute noch zwei alte Frauen, die in
¬ĄTracht gehen¬ď.
Die Formensprache √§hnelt den St√ľcken aus
Ruppmannsburg: Kittel, Rock und Sch√ľrze mit rei-
chem Borten- beziehungsweise Spitzenbesatz, nur
dass die Farbigkeit im katholischen Wiesenthau
erheblich bunter war. Wie schon bei der
Festtagstracht aus Kleinrinderfeld fällt auf, wie sehr
der Rock absteht. Der Eindruck eines Reifrocks
wird mittels zahlreicher Unterröcke nachgeahmt,
die √ľbereinander getragen wurden. Zus√§tzlich sind
am Mieder, das unter dem langärmeligen Oberteil
getragen wurde, an den Läppchen unterhalb der
Taille noch Polster angebracht, damit die H√ľften
breiter wirken und der Rock besser absteht. Das
vorne mittig zugeknöpfte Oberteil besteht dem
Geschmack der schwarzen Mode entsprechend aus
schwarzem Samt, besetzt mit schwarzer Spitze.
Wie in der Mode des zweiten Rokoko in der Mitte
des 19. Jahrhunderts ist das Schößchen hinten in
der Mitte zu einem großen Spitz verlängert und mit
einem Spitzendekor betont. Unsere Figurine in der
Ausstellung trägt ein schwarzes Chenillekopftuch
um den Kopf gewickelt. Nach Ablegen der Hauben
trugen die Trachtenträgerinnen meist solch schwar-
ze T√ľcher um Kopf und Schultern. In der Sammlung
finden sich derartige Chenillet√ľcher und dunkle
Wollt√ľcher in gro√üer St√ľckzahl.
- Trachtenaccessoires: Hauben und Sch√ľrzen
Größeren Raum nehmen in
der
Ausstellung
Trachtenaccessoires ein, vor
allem Hauben und Sch√ľrzen.
Sie sind besonders prächtig,
galten schon zur
Gebrauchszeit als die kost-
barsten Bestandteile der
Garderobe und wurden von
den Trägerinnen und deren
Erben gesammelt. Annemarie
Leutzsch berichtete, dass sich
die Frauen im Hummeltal
jeweils zur Kirchweih eine
neue Sch√ľrze anschafften.
Solche Ziersch√ľrzen und
Hauben wurden dem
Museum in großer Zahl
geschenkt.
Oft gaben erst die verschie-
denen Hauben den Trachten
aus den verschiedenen Orten
ihr charakteristisches
Erscheinungsbild, denn die
restliche Oberbekleidung
war meist in den
Grundz√ľgen sehr √§hnlich
oder entsprach der zeitgenös-
sischen, von der Mode
bestimmten Kleidung. Die
heute so viel beachteten spe-
ziellen Trachtenhauben wur-
den nur eine relativ kurze
Zeit um die Mitte des 19.
Jahrhunderts getragen.
Danach sieht man sie nur
noch vereinzelt bei alten Frauen oder in
Reliktgebieten.
Das Erscheinungsbild der fränkischen Hauben ist
von der Farbe Schwarz gepr√§gt. In opulenter F√ľlle
wurden sie vorne und hinten mit den damals teu-
ren, schwarzen Moiré- und anderen Bändern deko-
riert. Manche sind am Haubenboden bestickt,
√ľberwiegend in dunklen T√∂nen, gelegentlich auch
mit Goldstickereien. Aber im Vergleich zu den
Hauben anderer Trachtengegenden ¬Ė etwa Schwa-
ben oder Linz ¬Ė wirken die fr√§nkischen Hauben mit
ihrem dominierenden Schwarz erheblich zur√ľck-
haltender.
Ebenso wie die Hauben lässt sich am großen
Bestand an Sch√ľrzen des Fr√§nkischen
Freilandmuseums ablesen, dass es sich um manu-
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Fränkisches
Spektrum
Festtagstracht aus der
Fränkischen Schweiz,
noch getragen in der
2. Hälfte des
20. Jahrhunderts
unten:
Haubenboden mit
Goldstickerei, 2. Hälfte
19. Jahrhundert