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dern auch aus Frauen von Handwerkern,
Geschäftsleuten, Beamten, Wirten, – den Arzt,
Pfarrer und Lehrer nicht zu vergessen. Dieser
Personenkreis hob sich seit jeher von den „altein-
gesessenen“ Bauernfamilien ab – auch hinsichtlich
der Offenheit der städtischen Kultur gegenüber.
Nachforschungen zum Kleidungsverhalten ergeben
oft, dass die reiche Wirtsgattin, die „Frau Pfarrer“
oder die „Frau Lehrer“ hinsichtlich modischer
Neuheiten als Vorbild galten
13
. So schickten zum
Beispiel der Wirt und der Lehrer in Eckartshausen
(Landkreis Schweinfurt) 1911 ihre Töchter als erste
„städtisch“ in weißen Kleidern zur Erstkommunion,
während die anderen Mädchen die damals übliche
Tracht trugen.
GrĂĽnde fĂĽr die schnelle Verbreitung der Mode lie-
gen beispielsweise in der zunehmenden industriel-
len Fertigung von Stoffen und Kleidungszubehör
und in der zunehmenden Konfektionierung der
Kleidung. Mit dem Ausbau des Verkehrswesens, vor
allem des Schienennetzes waren weit bessere
Handelsbedingungen gegeben. Das Angebot an
Schnitt- und Galanteriewaren sowie Konfektions-
kleidung erweiterte sich beträchtlich, sowohl in
den örtlichen Geschäften als auch in den städti-
schen Bekleidungshäusern. Kleidung war seit dem
Ende des 19. Jahrhunderts auch durch den Versand-
handel, eine völlig neue Form des Einkaufs, zu
beziehen. Diese Angebote orientierten sich ganz
überwiegend an der herrschenden (französischen)
Mode. GĂĽnstige Voraussetzungen fĂĽr die Ver-
breitung neuer Moden bot auch der Ausbau des
Publikationsgewerbes. Modejournale und Frauen-
zeitschriften (mit beigefĂĽgten Schnittvorlagen)
sowie Fachliteratur zur Hausschneiderei informier-
ten ihre Leserinnen ebenso ĂĽber neue Ent-
wicklungen in der Modewelt wie Werbeanzeigen
in Zeitungen und Zeitschriften. Durch die
Erfindung und Verbreitung der Nähmaschine konn-
te Kleidung nun insgesamt schneller und kosten-
gĂĽnstiger hergestellt werden. In vielen Haushalten
verbreitet, ermöglichte sie es geschickten Frauen,
die ĂĽber die entsprechende Ausbildung verfĂĽgten,
ihre Garderobe auch selbst städtischen Modetrends
anzupassen. Ein Beispiel dafĂĽr findet sich mit
Elisabeth Meier (Kapitel „Komplett ausgestattet“)
auch in unserer Ausstellung.
Umgekehrt konnte die Industrialisierung in einzel-
nen Fällen die Herausbildung regionaltypischer
Kleidungsstile auch fördern oder neu beleben: Die
im 19. Jahrhundert expandierende Textilindustrie
lieferte auch fĂĽr die Herstellung von Trachten preis-
gĂĽnstige Massenware. Dabei kamen auch neue,
vergleichsweise „billige“ Materialien wie Kunst-
seide oder Zellulose auf den Markt. Die seit Mitte
des 19. Jahrhunderts kĂĽnstlich hergestellten
Anilinfarben, bestachen durch ihre Leuchtkraft und
ermöglichten die Ausbildung besonders farben-
prächtiger Trachtenteile in orange, grün oder rot-
violett. Auch die höhere Kaufkraft, die mit dem
Wirtschaftsaufschwung des späten 19. und begin-
nenden 20. Jahrhunderts verbunden war, konnte in
manchen Gegenden die Ausgestaltung regionalty-
pischer Kleidung fĂĽr kurze Zeit intensivieren. So
erlebte in manchen Orten die Tracht gerade um
1900 oder noch später einen Höhepunkt. In der
Gegend um Ochsenfurt mit den besonders ertrag-
reichen Böden entwickelte beispielsweise eine
bäuerliche Oberschicht, die dank des Anschlusses
an das Eisenbahnnetz zu Wohlstand gekommen
war, die vorhandene Tracht zu ihrer heutigen
besonders aufwändigen Form.
Haute Couture und ihre Varianten auf dem Land
Die von Frankreich beeinflusste bĂĽrgerliche Mode
verlieh der Frau um 1900 ein sehr schmales, lan-
ges, figurbetontes Aussehen. Der Grundtypus des
Kleides war zweiteilig. Es bestand aus einem lang-
ärmeligen, eng anliegenden, hochgeschlossenen
Oberteil, das mit Stäbchen versteift war. Der zum
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Fränkisches
Spektrum
bĂĽrgerliche Mode um
1900, „Damenkostüme“
Versandkatalog des
Kaufhauses Wertheim,
1903/04
Seidentuch, um 1900,
kĂĽnstliche Farben
ermöglichen eine beein-
druckende Leuchtkraft
der Textilien.